Das Derivat und seine Funktion

Der weltweite Derivatemarkt hat enorme Ausmaße angenommen, sodass viel mehr Derivate als tatsächliche Geschäfte abgeschlossen werden. Nicht zuletzt deshalb geraten Derivate immer wieder in Verruf, für Spekulationsblasen und Finanzkrisen verantwortlich zu sein. Das Handelsvolumen für Derivate ist zuletzt im Zuge der Coronakrise stark angestiegen.
8 min | Stand 07.06.2022
+++ NEU: Die kostenlosen Online Live Webinare 2022 - Trading, Finanzen, Geldanlage & Vermögen +++
Inhaltsverzeichnis

Was sind Derivate?

Derivate sind Finanzprodukte, deren Preise sich von einem Basiswert (Underlying) ableiten. Der Derivatemarkt umfasst ein riesiges Universum an Basiswerten. Diese Basiswerte können Wertpapiere wie Aktien oder Anleihen sein. Derivate können aber auch von Rohstoffpreisen, Kursentwicklungen, Zinssätzen, Devisen, Immobilien, Kennzahlen oder Indizes abgeleitet werden. Der Markt für Zinsderivate ist dabei der größte. Rohstoffderivate liegen im weltweiten Derivatehandel mittlerweile deutlich hinter Derivaten auf Währungen, Aktien oder Aktienindizes.

Wozu benötigt man Derivate?

Finanzderivate bzw. Termingeschäfte zählen zu den komplexesten Finanzprodukten. Sie sind meist so konstruiert, dass sie die Kurs- oder Preisschwankungen der zugrundeliegenden Basiswerte überproportional nachvollziehen. Sie lassen sich daher einerseits zur Absicherung gegen Wertverluste (Hedging) und andererseits zur Spekulation verwenden.

Da die Welt der Derivate sehr umfang- und facettenreich ist, können durch die Kombination von Derivaten und Basiswerten die verschiedensten Finanzstrategien und Risikooptimierungen umgesetzt werden. Es gibt mittlerweile einen ganzen Zweig innerhalb des Finanzwesens, der sich damit beschäftigt und als Financial Engineering bezeichnet wird.

Richtig verstanden und eingesetzt können Derivate zu einem wesentlichen Bestandteil eines erfolgreichen Risikomanagements werden, mit dem finanzielle Stabilität erreicht, Krisen gemeistert und Gewinnopportunitäten genutzt werden können. Durch den hochspekulativen Charakter können Fehler im Umgang mit Derivaten aber auch zu massivem finanziellem Schaden führen.

Welche Arten von Derivaten gibt es?

Derivate können anhand bestimmter Kriterien systematisch unterschieden werden. Sie unterscheiden sich anhand ihres Erfüllungsanspruchs, ihres Handelsplatzes und ihres Handelszwecks. Zudem kann zwischen gehebelten und ungehebelten Finanzprodukten unterschieden werden.

Es gibt sehr viel verschiedene Arten von Derivaten und Termingeschäften. Zu den wichtigsten zählen Zertifikate, Optionen, Optionsscheine, Swaps, Futures, Forwards, Aktienanleihen und sogenannte Differenzgeschäfte bzw. CFDs (engl.: „Contracts for Difference“).

Börslich und außerbörslich gehandelte Derivate

Für Derivate gibt es zwei grundlegend verschiedene Handelsplätze. Derivate können an entsprechenden Terminbörsen gehandelt werden. Aber auch ein außerbörslicher Handel ist möglich und sogar deutlich häufiger.

Außerbörslich gehandelte Derivate werden auch als OTC-Derivate bezeichnet. OTC steht dabei für „Over the Counter“ und bedeutet, dass Derivate direkt zwischen den Marktteilnehmern gehandelt werden, also quasi „über den Tresen“.

Bei börsengehandelten Derivaten handelt es sich hauptsächlich um Futures und Optionsgeschäfte, die über Terminbörsen gehandelt werden. Zu den weltweit größten Derivatebörsen zählen etwa die EUREX, die Chicago Mercantile Exchange (CME Group), die Chicago Board of Trade (CBOT), die NYSE Liffe oder die Korea Exchange (KRX) sowie die großen Warenterminbörsen ICE Futures U.S. und die New York Mercantile Exchange (NYMEX).

Der Bestand an OTC-Derivaten ist deutlich größer als der Bestand von börsengehandelten Derivaten.

Bedingte und unbedingte Derivate

Derivate können nach ihrem Erfüllungsanspruch zwischen bedingten und unbedingten Termingeschäften unterschieden werden.

Bei unbedingten Termingeschäften besteht eine Verpflichtung zur Leistungserfüllung. Sie werden meist als Futures, Forwards und Swaps umgesetzt.

Bedingte Derivate sind hingegen meist sogenannte Optionsgeschäfte. Der Derivateinhaber erwirbt dabei lediglich das Recht (die Option), eine Leistung auszuführen, aber keine Pflicht.

Futures und Forwards

Futures und Forwards sind unbedingte Derivate, das heißt es handelt sich um Termingeschäfte, die einen Handel zu einem festgelegten Zeitpunkt in der Zukunft zu einem bestimmten Preis zwingend festlegen. Futures werden dabei börslich und Forwards außerbörslich gehandelt. Ihr ursprünglicher Zweck war die Begrenzung von Preisrisiken.

Ein Beispiel für ein Future bzw. Forward:

Ein Weizenproduzent möchte sich gegen fallende Getreidepreise absichern. Daher vereinbart er einen festen Preis für die Abnahme seines Produkts zu einem späteren Zeitpunkt. Fällt der Preis tatsächlich nach Ablauf des Terminkontrakts, so hat er mit seinem Derivat ein gutes Geschäft gemacht. Sollte der Preis steigen, so wäre hingegen sein Handelspartner im Vorteil.

Anhand dieses Beispiels kann man ganz gut den grundlegenden Charakter von Termingeschäften erkennen. Ein Derivat ist im Prinzip eine Wette, in diesem Beispiel auf eine zukünftige Preisentwicklung.

Optionen

Optionen bzw. Optionsgeschäfte zählen zu den bedingten Termingeschäften. Das heißt, mit einer Option wird das Recht erworben, am Ende der Laufzeit des Finanzkontrakts zu einem vereinbarten Preis zu kaufen (Call-Option) oder zu verkaufen (Put-Option). Ob der Optionsinhaber von seinem Recht Gebrauch macht, entscheidet er selbst. Entscheidet er sich dagegen, kann er die Option einfach verfallen lassen. Für den Erwerb der Option bezahlt er aber jedenfalls eine Optionsprämie, ob er nun Gebrauch von ihr macht oder nicht.

Ein Beispiel für ein Optionsgeschäft mit Rohstoffen:

Der im obigen Beispiel erwähnte Agrarproduzent, der sich gegen fallende Rohstoffpreise absichern möchte, kann dies auch mit einem Optionsgeschäft umsetzen. Dabei zahlt er eine Optionsprämie, um sich einen bestimmten Preis für sein Getreide sichern zu können. Sollten die Preise tatsächlich fallen, so kann er von seiner Option Gebrauch machen und sein Produkt zum vorher festgelegten Preis verkaufen. Sollten die Preise nicht sinken oder vielleicht sogar steigen, kann er die Option einfach verfallen lassen und dennoch zum höheren Preis verkaufen, da er im Unterschied zu einem Future bzw. Forward nicht die Verpflichtung hat, die Leistung umzusetzen. Für diese Option hat er im Vorfeld die Optionsprämie bezahlt.

Steigender Beliebtheit erfreut sich in jüngster Zeit vor allem der Handel mit Aktien-Optionen. Folgende Beispiele sollen zwei möglichen Szenarien von Aktien-Optionen illustrieren.

Ein Beispiel für eine Put-Option mit Aktien:

Ein Coca-Cola-Aktionär möchte sich gegen einen sinkenden Aktienkurs absichern. Der aktuelle Kurs steht der Aktie steht bei 50 USD. Also kauft er eine Option, die Aktie am Ende des nächsten Monats um 40 USD verkaufen zu können (Put-Option). Dafür bezahlt er eine Prämie von 5 USD. Notiert die Aktie am Verfallstag des Terminkontrakts unterhalb von 40 USD, so kann er von seiner Option Gebrauch machen und die Aktie zu diesem Kurs verkaufen. Notiert die Aktie allerdings über diesem Kurs, so wird er die Option verfallen lassen. Die Optionsprämie muss er aber in jedem Fall zahlen, ob er nun von der Option Gebrauch macht oder nicht.

Ein Beispiel für eine Call-Option mit Aktien:

In einem anderen Fall möchte derselbe Coca-Cola-Aktionär von steigenden Kursen seiner Aktie profitieren. Der aktuelle Kurs der Aktie steht bei 50 USD. Er kauft eine Option, die Aktie Ende nächsten Monats um 60 USD kaufen zu können (Call-Option). Dafür zahlt er eine Prämie von 5 USD. Notiert die Aktie am Verfallstag der Option oberhalb von 60 USD, so kann der Aktionär von seinem Optionsrecht Gebrauch machen und die Aktie zu diesem Kurs kaufen. Notiert die Aktie unterhalb, wird er die Option verfallen lassen.

Der Unterschied zwischen Optionen und Optionsscheinen

Optionen sind abzugrenzen von Optionsscheinen. Optionsscheine werden von emittierienden Banken oder Wertpapierhäusern ausgegeben. Sie werden als Wertpapiere mit eigener WKN behandelt und können außerbörslich bzw. OTC, also over-the-counter gehandelt werden. Optionen haben hingegen keinen Emittenten und werden an Terminbörsen gehandelt.

Swaps

Bei Swaps bzw. Swapgeschäften tauschen die Handelspartner Schuldpapiere mit unterschiedlichen Währungen, Zinsen und Laufzeiten. Es handelt sich um eine besondere Form des Tauschgeschäfts.

Ein Beispiel wäre ein Devisentauschgeschäft bei dem einem Handelspartner sofort Devisen zur Verfügung gestellt werden (Kassageschäft) und der Rückkauf zu einem späteren Zeitpunkt zu einem fixen Kurs vereinbart wird (Termingeschäft). Swaps werden als Absicherung gegen schwankende Kurse bzw. gegen Auf- und Abwertungen eingesetzt.

Hebelprodukte

Hebelprodukte sind eine spezielle Form von Derivaten und sind meist so konstruiert, dass sie die Kurs- oder Preisschwankungen der zugrundeliegenden Basiswerte überproportional nachvollziehen. Durch geringfügigen finanziellen Einsatz können mithilfe von gehebelten Derivaten also verhältnismäßig große Gewinne, aber auch Verluste erzielt werden.

Der Hebeleffekt bezeichnet die Möglichkeit, dass anhand der Derivate weit mehr Kapital an den Märkten bewegt werden kann, als letztendlich für dieses Produkt selbst aufgebracht werden muss. Die dafür verantwortlichen Produkte gliedern sich in unterschiedliche Gruppen auf, die bekanntesten für Privatanleger sind:

  • CFDs (engl.: „Contracts for Difference“)
  • Hebel-Zertifikate (auch Knock Out Zertifikate oder Turbo Zertifikate genannt)
  • Optionsscheine

Die Funktion der Hebelwirkung bei Derivaten

Mit Derivaten kann man von Kursentwicklungen profitieren, ohne das jeweilige Basisprodukt selbst kaufen zu müssen.

Möchte man etwa von einem steigenden Silberpreis profitieren, so kann man ein Derivat auf den Silberpreis kaufen. Dabei kann man sich über die Art der Abbildung entscheiden. Entscheidet man sich etwa für eine 1:1-Abbildung des Silberpreises, so hat man die Möglichkeit von einem potentiellen Preisanstieg bei Silber zu profitieren, allerdings mit einem geringeren Kapitaleinsatz als durch den Kauf des Basisprodukts.

Möchte man überproportional von einem möglichen Preisanstieg profitieren und den Hebeleffekt für sich nutzen, so könnte man zum Beispiel eine 1:5-Abbildung des Silberpreises kaufen. Würde der Preis des Basisprodukts um 10 % steigen, würde man mit diesem Derivat einen Gewinn von 50 % erzielen.

Dasselbe gilt allerdings auch für Verluste, die sich ebenso überproportional auswirken. Der Hebeleffekt wirkt also in beide Richtungen. Mitunter kann bei Hebelprodukten auch eine Nachschusspflicht entstehen. Das heißt, bei gehebelten Finanzprodukten mit Nachschusspflicht kann unter Umständen mehr Geld verloren werden, als überhaupt angelegt wurde.

Nachschusspflichtige Hebelprodukte

Die gängigsten nachschusspflichtigen Hebelprodukte für Privatanleger sind die folgenden:

  • CFDs
  • FOREX-Kontrakte (= Devisenmarkt)
  • Optionen, die ohne sonstige Deckung „short“ gehalten werden (Verkäufer hat die Pflicht zur Lieferung des Instruments zum vorher festgelegten Preis oder zum Kauf zum vorher festgelegten Preis)

Hebelprodukte ohne Nachschusspflicht

Um sich der Gefahr einer Nachschusspflicht nicht auszusetzen, gibt es auch zahlreiche Produkte, bei denen diese gar nicht erst entstehen kann. Dazu zählen die folgenden Finanzprodukte:

  • So gut wie alle Hebel-Zertifikate für Privatanleger in der BRD
  • Optionsscheine
  • Optionen, die „long“ gehalten werden (Käufer hat das Recht zum Kauf)

Was sind die Vorteile und Risiken von Derivaten?

Derivate haben verschiedene Vorteile gegenüber Kassageschäften mit Basiswerten. So erfordern Derivate einen geringeren Kapitaleinsatz. Zudem entfallen Lieferungs- und Lagerkosten, was besonders bei Rohstoffen und Agrarprodukten zum Tragen kommt. Weiters können Derivatemärkte deutlich liquider sein als Kassamärkte zum jeweiligen Basiswert.

Derivate können jedoch auch zum Teil erhebliche Risiken bergen. Grundsätzlich unterliegen Derivate denselben Marktrisiken wie Kassamärkten. Jedoch funktioniert die Preisbildung deutlich komplizierter und intransparenter als bei Kassamärkten, an denen sich der Preis der Wertpapiere durch Angebot und Nachfrage bildet. So kann etwa die Restlaufzeit eines Terminkontrakts zusätzlich eine entscheidende Rolle bei der Preisbildung von Derivaten spielen.

Ein wesentliches Risiko von Derivaten ist, dass der geringere Kapitaleinsatz durch den Hebeleffekt nicht nur höhere Gewinne, sondern auch überproportional höhere Verluste verursachen kann. Dadurch können eventuell auch sogenannte Nachschusspflichten entstehen. Der Risikograd bemisst sich also anhand der Hebelwirkung des jeweiligen Finanzprodukts. Daher gelten Derivate und insbesondere Hebelprodukte im Allgemeinen als hochspekulative Finanzinstrumente mit hohem Risikograd, die viel Wissen und Erfahrung erfordern.