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Faktorzertifikate – der neue Standard?

Die bisher vorgestellten Hebel-Instrumente, wie Optionen, Optionsscheinen, CFD´s und KO-Zertifikaten, weisen stets einige teils gravierende Nachteile auf. Gibt es da nicht auch Papiere, die alle genannten Vorteile ohne deren Nachteile kombinieren?

Jein. Die umtriebige Finanzbranche wirbt bei den recht neuen Faktor-Zertifikaten genau mit diesem Argument, und viele Privatanleger glauben es.

Häufig begegne ich sogar regelrechten „Faktor-Zertifikat-Fanatikern“. Die allerdings meist gar nicht wissen, wie die Dinger eigentlich funktionieren. Schon gar nicht in Marktphasen, die gegen den Anleger laufen. Dazu später mehr.

Faktorzertifikate besitzen zahlreiche Vorteile

Faktorzertifikate sind quasi Hebel-Zertifikate, bei denen der Hebel immer konstant gehalten wird. Sie haben entscheidende Vorteile: eine unbegrenzte Laufzeit ohne jeden Zeitwertverlust und keine Gefahr, bei einer Gegenbewegungen einen Totalverlust zu erleiden (kein Knock-Out).

Dazu kommt ein Hebel, der immer konstant bleibt (im Gegensatz etwa zu den klassischen Hebelzertifikaten). Und die Konstruktion ist einfach, nicht so kompliziert wie bei Optionsscheinen. Anders als bei CFDs gibt es keine Nachschusspflicht.

Sie können auf steigende oder fallende Kurse setzen. Da sich die Papiere stärker bewegen als der Basiswert (beispielsweise der DAX), lässt sich schon mit kleinem Einsatz ein spürbarer Effekt erzielen. Die meisten Faktorzertifikate haben derzeit einen Hebel von vier, bewegen sich also viermal so stark wie der zugrunde liegende Basiswert.

Der Hebel kommt hier wie bei den klassischen Hebel-Zertifikaten durch einen „eingebauten“ Wertpapierkredit samt Finanzierungskosten zustande, die die emittierende Bank über Gebühren einstreicht (bei Kauf und Werberechnung). Der Hebel ist also auch hier nicht umsonst, wer hätte das gedacht.

Der Hebel wird täglich angepasst

Die Prozentrechnung startet dabei, anders als bei klassischen Papieren, jeden Tag neu. Halten Sie die Papiere länger, führt das im Vergleich zu Optionsscheinen und Hebel-Zertifikaten zu einer abweichenden Kursentwicklung, auch wenn alle Papiere zunächst mit gleichem Hebel gestartet sind.

In einer stabilen Trendphase schneiden die Faktor-Zertifikate nämlich besser ab, weil deren Hebel nicht nachlässt, auf einen längeren Zeitraum betrachtet sogar größer wird.

Beispiel:

Steigt der DAX fünf Tage hintereinander jeweils um ein Prozent, verbucht er insgesamt 5,1 Prozent Gewinn. Das Faktorzertifikat legt jeden Tag im Vergleich zum Vortag um vier Prozent zu. Das ergibt durch den Zinseszinseffekt unterm Strich 21,7 Prozent plus. Über den gesamten Zeitraum von fünf Tagen beträgt der Hebel also nicht 4,0, sondern 4,25 (21,7: 5,1).

Kein Knock-Out, stabiler und effektiv sogar wachsender Hebel – die Finanzbranche feiert die neuen Faktor-Zertifikate schon als „Reichmacher für Privatanleger“. Mir ist allerdings noch keiner dieser neuen Faktor-Millionäre begegnet. Und das liegt an den Nachteilen der Papiere, die die Branche so gern verschweigt.

Faktorzertifikate: Unterschätzte Risiken

Der Haken der Faktor-Zertifikate zeigt sich, sobald kein stabiler Trend mehr vorliegt. Und das ist an der Börse in etwa zwei Dritteln der Handelszeit so. Der DAX etwa läuft schon seit dem Neujahrstag 2014 seitwärts.

Verheerend für die Besitzer von Faktor-Zertifikaten. Denn bei diesen kommt es in Seitwärtsphasen oder Gegenbewegungen zu schleichenden Kursverlusten, die klassische Hebel-Zertifikate nicht kennen.  Je volatiler der Markt ist, desto größer wird der Performance-Unterschied.

Mein Tipp: Meiden Sie mit Faktorzertifikaten unbedingt Seitwärtsphasen!

Ein Beispiel dazu: Sinkt der Dax an einem Tag zum Beispiel um zwei Prozent (also etwa von 6000 Punkten auf 5880) und holt dann am nächsten Tag diese 120 Punkte gleich 2,04 Prozent wieder auf, erreicht er sein Ausgangsniveau.

Beim Faktorzertifikat entstehen aber dennoch Verluste: Am ersten Tag verliert das Papier acht Prozent (zwei Prozent DAX-Bewegung mal Hebel vier). Dessen Wert sinkt von 100 auf 92 Euro. Am nächsten Tag gewinnt es genau vier mal 2,04 Prozent, also 8,16 Prozent. Allerdings auf die Ausgangsbasis 92 Euro berechnet, nicht auf den ursprünglichen Wert 100 Euro.

Damit steht es nur noch bei 99,51 Euro – also etwa ein halbes Prozent im Verlust. Obwohl ein reines Dax-Investment oder ein klassisches Hebel-Zertifikat plus/minus null ausgegangen wäre. Je länger die Seitwärtsphase, umso gravierender werden die Verluste.

Faktor-Zertifikate sind die Verlierer jeder Seitwärts- oder Korrekturphase. Es sind keinesfalls Papiere zum Kaufen und Liegenlassen, auch wenn Sie in der vollmundigen Werbung immer etwas anderes lesen.

Mein Tipp: Lassen Sie sich durch den fehlenden Knock Out nicht einlullen!

Nun möchte ich mit dem Mythos der Faktor-Zertifikate aufräumen, dass diese sicher seien, weil es keinen Knock-Out gibt, der zum Totalausfall führen kann. Sicher: Auf null fallen können die täglich neu berechneten Zertifikate kaum.

Bei einem Hebel von vier müsste der Dax dazu an einem Tag um 25 Prozent abstürzen, was bisher nie vorkam. Zudem wird die Tagesrechnung ab 12,5 Prozent Indexverlust vorzeitig beendet und auf der dann erreichten niedrigen Basis neu gestartet, was die Hebelwirkung an so einem Katastrophentag verringert.

Ein deutliches Sicherheitsplus. Allerdings können Anleger ihr Geld bei der Pleite der emittierenden Bank trotzdem komplett verlieren, genauso wie bei allen anderen vorgestellten Hebelpapieren. Aber es gibt noch einen weiteren Haken, der zum faktischen Totalausfall im normalen Handel führen kann.

Stellen Sie sich vor, Sie liegen mit Ihrer Annahme falsch, dass der DAX weiter steigt. Ich weiß, das kommt selten vor, dass Sie falsch liegen, aber nehmen wir es einmal an. Sie haben zu Jahresbeginn ein schönes Faktor-Zertifikat gekauft und jetzt steigt der DAX nicht.

Er läuft seitwärts – über viele Monate. Und schließlich fällt der Bursche sogar. Sagen wir mal, auf 8000 Punkte. In einer solchen Marktphase hat Ihr Faktor-Zertifikat anfangs immer neue kleine Verluste durch die Seitwärtsbewegung hinnehmen  müssen.

Danach gab es noch richtig eines auf die Mütze durch den Kursrutsch. Und schon steht das Papier nicht mehr bei 10 €, sondern vielleicht nur noch bei 0,50 €. Es wird sich dann wohl nie mehr erholen.

Dummerweise entsteht bei Faktor-Zertifikaten durch längere Gegenbewegungen ein äußerst negativer Basiseffekt. Das heißt, der Rückweg auf die ursprünglichen 10 € Wert ist deutlich schwieriger (vgl. dazu auch mein obiges Rechenbeispiel). Sie brauchen schon eine verdammt kräftige und lange Aufwärtsbewegung und sehr viel Sitzfleisch, um nur auf Ihren Ausgangswert zurückzukommen!

Das können aber klassische Hebel-Zertifikate besser, deren Hebel steigt, wenn die Bewegung gegen Sie läuft. Ist ein Faktor-Zertifikat erst einmal auf einen niedrigen Wert gefallen, weil die böse Börse bei dem angenommenen Szenario nicht mitgespielt hat, braucht der Emittent gar keinen Knock-Out mehr.

Dann bewegt sich das Papier ohnehin kaum noch in Richtung Ausgangswert. Ich nenne so ein Papier gern „tote Katze“ – die steht nie mehr auf. Faktor-Zertifikate verleiten dazu zu glauben, hier könne nichts passieren. Das ist definitiv falsch. Es kann hier auch zu einem faktischen Totalausfall kommen! Aussitzen ist nicht.

Weiterer Nachteil: Meist eher lahmer Hebel

In Trendphasen spielen die Faktor-Zertifikate dann allerdings ihre Stärken mit dem täglich angepassten Hebel aus. Dieser liegt in der Regel allerdings nur bei dem Faktor vier. Für mittelfristige Trendphasen ist dieser Hebel zwar optimal, wie ich im Kapitel Hebel-Zertifikate ausgeführt habe.

Doch gerade bei kurzfristigen Stargeien werden gern auch deutlich höhere Hebel eingesetzt. Wenn ich also beispielsweise einen starken Ausbruch erwarte, wäre es da nicht besser, gleich ein klassisches Hebel-Zertifikat mit einem Hebel von 10 oder 15 zu nehmen?

Dann habe ich nämlich gleich einen riesigen Rendite-Vorsprung gegenüber dem anfangs lahmeren Faktor-Zertifikat. Der Hebel lässt zwar mit der Zeit nach, aber da muss mich das Faktor-Zertifikat erst einmal einholen.

Und ich kann später ja immer noch in ein neues Hebel-Zertifikat mit einemhöheren Hebel wechseln, wenn der Trend so überaus stark bleibt. Dann wird der Vorsprung meines klassischen Hebelzertifikates zum Faktorwunderdings uneinholbar.

Für das Handeln mittelfristiger, stabiler Trends sind Faktor-Zertifikate eine tolle Sache. Solche Trends sind aber leider an den Börsen oft Mangelware. Bereits mehrere Monate Seitwärtsmarkt können diese Vorteile durch den unseligen Basiseffekt wieder völlig zunichtemachen.

Wer kein Timing-Gott ist, sollte sich den Einsatz dieser Papiere daher genau überlegen. Im Zweifel ist ein Hebelzertifikat mit einem ausreichend weit entfernten Knockout immer noch die bessere Alternative.

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Über den Autor Henrik Voigt

Henrik Voigt hat an der renommierten TU Dresden Wirtschaftsingenieurwesen studiert und als einer der Jahrgangsbesten sein Studium abgeschlossen.

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