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Lebensmittelspekulationen: Wetten, bis einer stirbt

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Terminkontrakte auf Waren sind eine verbreitete Möglichkeit an der Börse Geld zu erwirtschaften. Auch viele Banken nutzen diese Anlageart, unter anderem über Lebensmittelspekulationen. Dabei sollen es genau diese Spekulationspapiere sein, die die weltweiten Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe treiben.

Wie es zu den extremen Preisspitzen kommt, wer alles in die Hungergeschäfte verwickelt ist und wie genau ein Lebensmittelfuture mit seinen Konsequenzen funktioniert und aussieht, haben wir hier zusammengestellt.

162 Millionen Kleinkinder in Entwicklungsländern sind chronisch unterernährt. Jedes siebte Kind unter fünf Jahren weltweit ist untergewichtig. (Quelle: Millenniums-Entwicklungsziele Bericht, UN 2014)

Die Einflüsse auf den Preis

Seit 2008 erlebt der Nahrungsmittelindex ungewohnte Spitzenwerte. Verantwortlich gemacht werden dabei:

  • Das kontinuierliche Wachstum der Bevölkerung
  • Die Vernachlässigung der Agrarwirtschaft seitens der Regierungen
  • Der Verfall des Dollarkurses (seit 2008)
  • Ernteausfälle durch Naturkatastrophen in Erzeugerländern
  • Schlechte Saat- und Düngemittel
  • Der Verlust von Nutzfläche für Lebensmittel zugunsten von Biogas-Treibstoffen
  • Exportbeschränkungen in Produktionsländern

Doch die extremen Spitzen lassen sich allein durch die genannten Faktoren nicht erklären. Sie beruhen vermutlich viel eher auf Lebensmittelspekulationen der Banken und privaten Investoren an den Rohstoff-Terminbörsen.

Was sind Lebensmittel-Futures?

Lebensmittelspekulationen sind Futures, die von Banken an einem Terminmarkt geschlossen werden. Also Verträge, in denen Käufer und Verkäufer über Ernten in der Zukunft planen. Dabei werden folgende Punkte festgelegt:

Was umfasst ein Lebensmittel-Future?

Als Verkäufer tritt in der Regel der Bauer auf. Er bietet seine zukünftige Ernte an der Börse zum Kauf an. Abnehmer, wie beispielsweise ein Müller, können diese Ernten als „Future“ dann am Terminmarkt erwerben. Zwischen Bauern und Abnehmer fungiert ein Hedger. Er erleichtert den beiden Parteien den Zugang zur Börse und tritt als Sicherheitsinstanz auf, dass der Vertrag ordnungsgemäß erfüllt wird. Dafür darf er eine Gebühr verlangen.

Der dadurch festgelegte Preis liegt leicht unter dem aktuellen Börsenwert. Das bringt Planungs- und Verkaufssicherheit für den Bauern und gleichzeitig einen kleine Gewinn für den Abnehmer, der die Ware auf diese Weise etwas günstiger erwerben konnte. Prinzipiell sind Lebensmittelfutures also wirtschaftlich sinnvoll.

Dieses System funktioniert jedoch nur, solange sich die Anzahl der Abnehmer in einem Gleichgewicht mit dem tatsächlichen Angebot befindet, und die Abnehmer auch tatsächlich an einem wirklichen Kauf des Rohstoffs interessiert sind. Denn Banken und Versicherungen haben den Wert von Lebensmittelfutures erkannt und zu Spekulationszwecken missbraucht.

Wie wird mit Lebensmitteln spekuliert?

Schematische Darstellung des Ablaufs einer Lebensmittelspekulation

Spekulationen über Rohstoffe erhöhen also insgesamt die Preise auf Lebensmittel, und erzeugen zudem eine Spekulationsblase. Denn je mehr Teilnehmer auf dem Markt sind, desto höher steigen die Preise. Und die Bauern werden durch die vermeintlich hohen Preise dazu angeregt, ihre Waren einzulagern, was das Angebot weiter verknappt und die Preise noch weiter nach oben treibt. Letztendlich können Spekulationsblasen sehr leicht platzen – erinnert man sich an die Immobilien- oder Dotcomblase.

Insgesamt sprechen diese Indizien stark dafür, dass Lebensmittelspekulationen einen Einflussfaktor auf die Preisspitzen haben (Quelle). Diese Analyse ist jedoch stark umstritten, da sich das Auswerten der empirischen Daten oft als schwierig und undurchsichtig erweist. Noch dazu, da die Fonds auch einen preisstabilisierenden Faktor haben (Quelle). Es würde kaum einen interessieren, wenn sie auf Gold oder Silber spekulieren würden. Bei Grundnahrungsmitteln sieht das anders aus.

Warum handeln Banken trotzdem mit Lebensmitteln?

  1. Seit dem Einbruch des Immobilienmarktes 2008 und der Internetblase suchten Investoren nach einem neuen und sicheren Sektor für Anlagen und Aktien. Lebensmittelfutures boten dabei eine ideale Möglichkeit für Großinvestoren. Zum einen weil die Preise für Nahrungsmittel durch die wachsende Weltbevölkerung und die stetige Nachfrage stabil bleiben werden bzw. langfristig sogar steigen können, zum anderen da sie als Fonds aus mehreren Rohstoffkomponenten zusammengestellt sogar gegen Ernteausfälle abgesichert sind.
  2. Die USA erleichterte die Gesetzeslage für Lebensmittelspekulanten. Seit 2004 ist es Unternehmen erlaubt, das bis zu 40-fache ihrer Rücklagen in Agrarfutures zu investieren. Und das Geschäft ist durchaus lukrativ. Experten schätzen den Gewinn in der Finanzbranche durch Lebensmittelspekulationen im Milliardendollarbereich (Quelle).

Wer handelt noch mit Lebensmitteln?

Die Deutsche Bank: Besonders die Deutsche Bank geriet heftig in die Kritik, durch das Kaufen und Halten von Indexfonds am Rohstoff-Terminmarkt im Wert von 6,7 Milliarden Euro (Quelle), großer Mitbeteiligter an der weltweiten Hungerkrise gewesen zu sein – und bis heute nichts dagegen unternommen zu haben.

Sie dagegen beruft sich darauf, dass es keine stichhaltigen Beweise gibt, die einen direkten Zusammenhang zwischen Lebensmittelspekulationen und erhöhter Preise belegen: „Es gibt keine eindeutige Evidenz, dass Investitionen in Warenterminmärkte die Preise langfristig nach oben treiben. Für Landwirte und die Lebensmittelverarbeitung bieten sie sogar zahlreiche Vorteile”, lautet die offizielle Pressemitteilung (Quelle). Man kann weiterhin in bestehende Nahrungsmittelfonds der Deutschen Bank anlegen, es werden nur seitens der Bank keine neuen Fonds mehr aufgekauft.

Goldman Sachs: Auch der Finanzguru schlechthin hat sich eine goldene Nase an Lebensmittel verdient. Gut fünf Milliarden Dollar verdiente Goldman Sachs 2009 an der Rohstoffbörse. Damit gehört er zusammen mit der Deutschen Bank zu den Hauptakteuren der Lebensmittelspekulanten.

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Die Allianz: Gleiches gilt für die Allianz. Auch hier wurde massiv mit Nahrungsmittelfonds gehandelt, insgesamt in Höhe von 3,79 Milliarden Euro – mit der gleichen Begründung. Insider verrieten jedoch, dass es sehr wohl interne Papiere gibt, in denen die Allianz zumindest einräumt, dass „spekulative Kapitalströme die Preisentwicklung zumindest verstärkt haben“. (Hier zur Allianz-Aktie)

Das sind die Aussteiger

Anders die Commerzbank, die Deka–Fonds-Gesellschaft der Sparkassen und die Zentralbank der Volks- und Raiffeisenbanken, die sich nach Veröffentlichung der Studie von foodwatch komplett aus dem Agrargeschäft verabschiedet haben.

Die Konsequenzen

805 Millionen Menschen auf der Welt haben nicht genug zu essen. UN-Ziel war, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren. (Quelle: State of Food Insecurity in the World, FAO 2014)

  • Laut FAO werden seit 2010 98 Prozent der Lebensmittelfutures nur aus Spekulationsgründen gekauft. (Quelle)
  • Grundnahrungsmittel wurden im Durchschnitt 70 Prozent teurer. Für die Bewohner von Industrieländern bedeutete das eine Mehrausgabe von 10 Prozent des Einkommens für Lebensmittel. Für die bereits arme Unterschicht aus Entwicklungsländern, die davor bereits gut dreiviertel ihres Einkommens für Essen ausgeben mussten, ist das ein Anstieg um 50 Prozent – und damit ein für sie unbezahlbarer Preis. (Quelle)

Chart des FAO Food Price Indexes – © Food and Agriculture Organization

Chart des FAO Food Price Indexes – © Food and Agriculture Organization

Vor allem in den Jahren 2008 und 2011 kam es weltweit zu massiven Preisspitzen bei Grundnahrungsmitteln – verursacht unter anderem durch exzessive Lebensmittelspekulationen an der Börse

  • Am Weizenmarkt wurden schlussendlich 4,96 Milliarden Tonnen Weizen gehandelt, von denen nur 195 Millionen Tonnen wirklich vorhanden waren – insgesamt also 24-mal so viel wie erzeugt (Quelle).
  • Der Dow Jones 600 Food & Beverage, der als Branchenindex für Aktien europäischer Firmen die in Lebensmittel investieren gilt, stieg in den letzten Jahren eindeutig stark an. Die weltweite Produktion von Rohstoffen hingegen kaum. Streckenweise ist sie sogar gesunken. Besonders seit dem Jahr 2012 ist der Verkauf der Futures nochmal weiter stark gewachsen. Aktuell hat er ein Rekordhoch erreicht.

 

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