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Die Schlüsselrolle der Ratingagenturen - Europäisches Pendant als Gegenpol?

Amerikanische Ratingagenturen beherrschen den Markt. Durch ihre interessengetriebenen Ratings entscheiden sie oft über Wohl oder Wehe ganzer Volkswirtschaften.


Die Schlüsselrolle der Ratingagenturen
Die Schlüsselrolle der Ratingagenturen
@ Fotolia © Gina Sanders

Die Globalisierung, die im Zuge der Marktöffnung nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Einführung kapitalistischer Strukturen in China rasant an Fahrt aufnahm, führte neben der Zunahme des Welthandelns auch zum Anwachsen des Finanzmarktsektors. Die neuen Marktteilnehmer versprachen hohe Wachstumsraten, niedrige Löhne und weniger Restriktionen. Diese Länder zogen hohe Finanzmittel in Form von Portfolio-Investitionen an, dessen Charakter maßgeblich die Partizipation am Gewinn ist, ohne dabei Einfluss auf die Unternehmensstrategie ausüben zu können. Staats- und Unternehmensanleihen wurden ausgegeben und westliche Unternehmen erwarben Beteiligungen oder eröffneten in einem ersten Schritt Repräsentanzen.

 

Investition im Auslandsmarkt erfordert Expertise der Ratingagenturen

Das Länderrisiko ist dem Investor auf seinem Heimatmarkt weitestgehend bekannt. Denn hier kennt er die wirtschaftliche Entwicklung, die Kapitalisierung der Volkswirtschaft, Schuldenstand, Wechselkurse und Rechtsvorschriften. Anders verhält es sich dagegen, wenn ein Investor sich dafür entscheidet, eine Direktinvestition in einem ausländischen Markt zu tätigen. Allein aus Kosten- und Zeitgründen macht es für den Investor Sinn, wenn er dabei auf die Expertise von Fachleuten zurückgreift. Heute übernehmen diese Aufgabe zu 95 Prozent drei Ratingagenturen. Moody's, S&P und Fitch dominieren den Markt, obwohl es weltweit rund 120 Ratingagenturen gibt.



Bonitätsnote entscheidet über den Risikoaufschlag

Ihre Experten bewerten neben individuellen Risiken einzelner Unternehmen auch das Länderrisiko. Durch die Staffelung der Bonitätsnoten von AAA bis D, die bei allen drei Ratingagenturen in ähnlicher Weise praktiziert wird, sollen Kapitalanleger Auskunft über die Ausfallwahrscheinlichkeit erhalten. Je höher die Ausfallwahrscheinlichkeit, desto niedriger die Bonitätsnote und folglich desto höher der Risikoaufschlag, den jetzt beispielsweise eine Reihe von europäischen Staaten bei der Aufnahme von frischem Kapital bezahlen müssen.

Die Zinsen, die Staaten für die Platzierung von Staatsanleihen entrichten müssen, richten sich maßgeblich nach den Ratings. Ganze Staaten und wie im Falle der Eurozone, ganze Staatengemeinschaften, sind daher von der objektiven Bewertung der Ratingagenturen abhängig. Ihr Urteil entscheidet letztendlich über die Refinanzierungsfähigkeit einzelner Staaten. Um Zinsaufschläge auszulösen, muss nicht zwangsläufig eine Herabstufung der Bonität erfolgt sein. Allein die Senkung des Ausblicks oder die Aufnahme auf die sogenannte Watchlist, die ausdrückt, dass eine Veränderung der Verhältnisse kurz bevor stehen kann, reichen dem Markt aus, um höhere Zinssätze vom Emittenten zu fordern.

Warum die Herabstufung der Bonitätsnote eines Landes auch solide Unternehmen mit ausgezeichneter Bonität hart treffen kann, erfahren Sie im nächsten Teil.

 

So beeinflussen Ratingagenturen die Privatwirtschaft

Im ersten Teil dieses Beitrags wurde deutlich, wie entscheidend ein Rating für die Refinanzierungsmöglichkeiten eines Staates sein kann. Jetzt richten wir den Blick auf die Privatwirtschaft. Denn auch sie ist von einer Herabstufung der Kreditwürdigkeit ihres Heimatstaates betroffen. Ein Unternehmen, das über volle Auftragsbücher verfügt und hohe Umsätze zu verzeichnen hat, einen satten Gewinn erzielt und dabei eine solide Finanzierungspolitik betreibt, sollte auf den ersten Blick keine großen Probleme haben, Unternehmensanleihen am Markt zu platzieren.

 

Das Länderrating bildet die Obergrenze

Sobald jedoch das Unternehmen eine Anleihe in einer Fremdwährung herausgibt, ist nicht mehr allein die Unternehmenssituation maßgeblich für das Rating. Selbst ausgezeichnete Kennzahlen, die jeden Analysten zufriedenstellen sollten, können bei einer bestimmten Konstellation zu einem schlechteren Rating führen, als dies zu vermuten wäre. Ist nämlich der Heimatmarkt des Unternehmens vom Länderrisiko betroffen, sodass die Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit des Landes herabstufen, ist diese Bonitätsnote die bestmögliche, die für das dort beheimatete Unternehmen erzielt werden kann. Fachleute sprechen in diesem Fall von dem Sovereign Ceiling. Dieser Ausdruck bedeutet im Grunde, dass das Länderrating die Obergrenze für die in diesem Land ansässigen Unternehmen hinsichtlich des Ratings darstellt.

 

Vorsicht bei Fremdwährungsanleihen

Hintergrund ist zum einen die negative wirtschaftliche Perspektive der Volkswirtschaft, der sich das dort ansässige Unternehmen nicht entziehen kann. Zum anderen spielt hier die Währungskonvertibilität eine wichtige Rolle. Nimmt ein Unternehmen durch eine Anleihe Finanzmittel in einer Fremdwährung auf, so wird diese auch in der Fremdwährung wieder fällig. Da Währungen Schwankungen unterliegen und mitunter ein hoher Wertverlust durch das Zusammenspiel von Verschuldung, Minuswachstum und der Herabstufung der Kreditwürdigkeit des Landes eintreten können, könnte die Rückzahlung für das Unternehmen problematisch werden. Wenn sich der Wechselkurs für das Unternehmen verteuert hat, müssen größere Finanzmittel aufgebracht werden, um die Anleihe zurückzuzahlen. Macht das Unternehmen zudem seinen Umsatz in der Heimatwährung, spitzt sich die Lage noch dramatischer zu.

 

Staatliche Restriktionen können ursächlich sein

Außerdem können in wirtschaftliche Notlage geratene Staaten Beschränkungen hinsichtlich der Währungskonvertibilität vornehmen. Dies ist insofern problematisch, als das ein Unternehmen über ausreichende Finanzmittel verfügt, diese aber nicht in ausreichendem Maße in andere Währungen umtauschen und somit seine Schulden nicht mehr in der vereinbarten Währung bedienen kann.

 

Ein Einblick in die Marktstruktur der Ratingagenturen

Nach den unzähligen und noch andauernden Debatten über die Macht der Ratingagenturen empfiehlt es sich, den Markt dieser Informationsanbieter genauer zu betrachten. Vor allem die drei großen Ratingagenturen S&P's, Moody's und Fitch dominieren den Markt. Sie kommen zusammen auf rund 95 Prozent Marktanteil. Während Fitch mit 15 Prozent Marktanteil ein Leichtgewicht unter den drei Ratingagenturen ist, entfallen jeweils 40 Prozent auf Moody's und S&P.

 

US-amerikanische Machtkonzentration

Die Kritik an den Bonitätswächtern ist fast täglich in den Medien zu beobachten. Da ist von einer Macht die Rede, die ganze Staaten in den Abgrund reißen kann, wenn durch eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit die Risikoaufschläge derart steigen, dass einzelne Staaten selbst durch größte Sparbemühungen die gestiegene Zinslast nicht mehr aus eigener Kraft, sondern nur noch durch neue Schulden schultern können. Die europäischen Staaten monieren, dass die Beurteilung der Bonität ausschließlich in US-amerikanischen Händen liegt. Alle drei Ratingagenturen haben ihren Hauptsitz in den USA. Allerdings ist Fitch über den Mutterkonzern mehrheitlich in französischer Hand. Deshalb ist die Aussage dahingehend zu korrigieren, dass eine Machtkonzentration zwar in den USA liegt, diese jedoch nicht in Gänze vorhanden ist.

 

Das aktuelle Geschäftsmodell der Ratingagenturen ist kritisch zu sehen

Um der Problematik des Ratingmarktes auf den Grund zu gehen, genügt ein Blick in die Vergangenheit. Das ursprüngliche Geschäftsmodell sah vor, dass die Einnahmen über den Verkauf der Publikationen generiert werden. Es bestand damals also nur eine Geschäftsbeziehung zwischen Ratingagenturen und Unternehmen hinsichtlich der Informationsbasis, auf die die Ratingagenturen angewiesen waren. Heute werden die Umsätze größtenteils durch Gebühren und Entgelte der bewerteten Unternehmen und staatlichen Emittenten erzielt. Der Emittent bezahlt die Ratingagentur im Gegenzug für die Bewertung. Da sind Konflikte vorprogrammiert. Denn wie bei allen Einnahmen entfallen größere Umsatzanteile auf besonders große Kunden. Dies könnten beispielsweise große Konzerne sein, die die Ratingagenturen beauftragen, gleich alle Tochtergesellschaften zu bewerten. Daraus resultiert eine Abhängigkeit, die zu Gefälligkeitsbewertungen führen kann.

 

Objektive Bewertungen können nicht garantiert werden

Auch sind die Ratingagenturen nicht davor gefeilt, dass einzelne Mitarbeiter durch persönliche Interessen, etwa eine zukünftige Anstellung in einem Unternehmen oder die private Aktienspekulation, nicht zu objektiven Bewertungen gelangen oder Informationen bewusst zurückhalten. Auch auf der Länderrisikoebene können Konflikte dann auftreten, wenn ein Land und die dort ansässigen Unternehmen für die Umsätze einer Ratingagentur besonders wichtig sind. Insbesondere diese Kritikpunkte führten in der aktuellen Staatsschuldenkrise Europas dazu, immer lauter eine unabhängige europäische Ratingagentur zu fordern. Wie die Chancen dafür aussehen, welche Voraussetzungen dafür notwendig sind und welche Marktchancen eine solche Ratingagentur haben würde, lesen sie im vierten Teil.

 

Ist eine gesamteuropäische Ratingagentur die Lösung?

Im letzten Teil dieser Abhandlung über die Ratingagenturen wird das im Raum stehende Modell einer europäischen Ratingagentur unter die Lupe genommen. Wenn es nach den Kritikern an den Ratingagenturen geht, könnte schon im Laufe des Jahres 2012 eine solche europäische Agentur ihre ersten Bewertungen vornehmen.

 

Mit Glaubhaftigkeit und objektiven Bewertungen zum Erfolg

Neben der Machtfülle, die in den Händen der amerikanischen Ratingagenturen liegt, beklagten sich Kritiker über die mangelnde Transparenz. Einzelne Ratings seien nicht nachvollziehbar und die unterschiedliche Bewertung bzw. die zeitliche Verzögerung von Down- und Upgrades seien teilweise widersprüchlich. Eine europäische Ratingagentur müsste an diesem Punkt ansetzen, um das Prädikat „glaubhaft und objektiv" für sich beanspruchen zu können. Eine europäische Ratingagentur ist nur dann sinnvoll, wenn sie ein anderes Geschäftsmodell und transparentere Ratingprozesse vorweisen kann als die etablierten Agenturen. Die Vorschläge, die dazu im Raum stehen, sind auf den ersten Blick vielversprechend.

 

Interessenkonflikt zwischen Ratingagentur und Emittent auflösen

Ein weit fortgeschrittener Ansatz, der Zuspruch von Ökonomen findet und bereits auf EU-Ebene diskutiert wird, basiert auf der vollständigen Offenlegung des gesamten Ratingprozesses im Internet. Eine noch zu schaffende Plattform soll das Geschäftsmodell unabhängig von den Emittenten machen. Zukünftig sollen die Investoren wieder für die Ratings bezahlen, sodass der Interessenkonflikt zwischen Ratingagentur und Emittent aufgehoben wird und sich die Bonitätswächter künftig den Investoren verpflichtet fühlen. Die Emittenten sollen verpflichtet werden, ihre Informationen auf der Plattform zu veröffentlichen. Dies soll garantieren, dass alle Ratingagenturen mit der gleichen Informationsbasis arbeiten. Investoren können nun eines oder mehrere Ratings erwerben oder auch eigene Ratings zum Kauf anbieten.

 

Der Gesetzgeber muss die Voraussetzungen dafür schaffen

Die Idee klingt gut und ist ein vielversprechender Ansatz, der jedoch nicht ohne die Hilfe der Gesetzgebung realisiert werden kann. Zwar besteht bereits heute eine Veröffentlichungspflicht der Emittenten, allerdings nicht in Bezug auf eine solche Plattform. Ein weiterer Punkt ist die Einführung der Haftbarkeit von Ratingagenturen. Bisher gelten die Bewertungen als einfache Meinung und unterliegen der Meinungsfreiheit. In der Realität sind die Ratings jedoch viel mehr. Pensionsfonds haben etwa einen Automatismus, der zum Verkauf von Papieren führt, sofern sie kein bestimmtes Rating (z.B. Investmentgrade) mehr vorweisen können.

Rechtlich könnte eine europäische Ratingagentur eine private Non-Profit-Organisation sein, die sich ihr Startkapital von verschiedenen Banken holt. Die Banken haben keinen Einfluss auf die Ratings und erhalten ihre Investition binnen weniger Jahre zurück. So ist auch sichergestellt, dass die Agentur unabhängig von Steuergeldern ist und somit keinem Druck einzelner Staaten nachgeben müsste. Das Wegfallen des Gewinnstrebens würde zu günstigeren Preisen führen, die auch die großen drei Ratingagenturen unter Druck setzen würden.

Als Wehrmutstropfen bleibt, dass es bereits in der Vergangenheit viele Anläufe zur Gründung einer europäischen Ratingagentur gegeben hat. Wie wir wissen, sind sie bislang alle gescheitert.

Autor: Thomas Kallwaß

zusammengefasst aus Devisen Monitor, dem kostenlosen Devisen-Newsletter

 

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von
Thomas Kallwass
Thomas Kallwass

Thomas Kallwass ist unser Spezialist für alternative Investment-Chancen. Seine Handelsstrategien sind wissenschaftlich untermauert und langfristig erfolgreicher als der Gesamtmarkt.


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Kommentar von Albert Karl

Sehr gute Zusammenfassung von der Ausgangslage bis hin zur Zielerreichung. Vielen Dank. Gruß, A.K

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