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Wirtschaftstheorien Teil 3: Gossen – Übergang zur Neoklassik

Es ist wieder Zeit, für den nächsten Teil der Wirtschaftstheorien-Reihe. Nachdem wir uns die großen Klassiker der Wirtschaftstheorie angesehen haben, wollen wir uns der zweiten Generation zuwenden, der Neoklassik!

Die bedeutendsten Vertreter der Neoklassik sind die Österreichische Schule, die Lausanner Schule und die Cambridge-School. Sie sind es, die zu Beginn der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts mit der Grenznutzentheorie die marginalistische Revolution einläuten. Ihre bedeutendsten Vertreter sind Menger, Walras und Jevons mit ihren Spezialisierungen und Weiterentwicklungen der Grenznutzentheorie.

Ihnen ist, wie so vielen, jemand voraus gegangen. Jemand, den wir als das Bindeglied oder den Übergang zwischen Klassik und Neoklassik bezeichnen dürfen: Hermann Heinrich Gossen!

Hermann Heinrich Gossen (1810 -1854)

Der preußische Ökonom Hermann Heinrich Gossen gilt als Vertreter der klassischen Ökonomie. In seinem bedeutendsten Werk „Entwicklung der Gesetze des menschlichen Verkehrs und der daraus fließenden Regeln für menschliches Handeln“, welches 1854 erschien, stellte er revolutionäre Theorien zum Grenznutzen auf und wurde der bedeutendste Vorläufer der Neoklassik.

Grenznutzen

Wie der Name sagt, steht bei der Grenznutzentheorie der Begriff des Nutzens im Mittelpunkt. Der zentrale Begriff des Grenznutzens wird erst von den späteren Neoklassikern als solcher verwendet. Gossen selbst nutzt den Begriff Genuss.

Das klassische Wertparadoxon

Um zu verstehen, wie revolutionär die marginalistische Betrachtung mit der Grenznutzentheorie war, muss man verstehen wie es gelang das klassische Wertparadoxon aufzulösen. Das Wertparadox beschreibt den Unterschied zwischen Nutzen, Wert und Preis eines Gutes:

„Nichts ist brauchbarer als Wasser, aber man kann kaum etwas dafür erhalten; man kann fast nichts dafür eintauschen. Dagegen hat ein Diamant kaum einen Gebrauchswert, und doch ist oft eine Menge anderer Güter dafür im Tausch zu haben.“ (klassisches Wasser-Diamant-Paradoxon)

Die Klassiker vermochten es nicht hinreichend, das Paradoxon zu erklären. Adam Smith versuchte es mit einer Aufspaltung in Tausch- und Gebrauchswert (Tauschwert von Diamanten ist höher, als der von Wasser; Gebrauchswert von Wasser ist höher als der von Diamanten). Im Groben und Ganzen begnügte man sich damit, Diamanten als Güter mit Seltenheitswert zu bezeichnen, ohne die Antwort auf die Frage zu liefern, warum der Preis eines Diamanten höher liegt als der einer Einheit Wasser.

Mit Ausnahme von John Law [1671-1729], der eine interessante Nachfrage- und Angebots-Erklärung liefert. In „Money and Trade considered“ schreibt John Law:

„Wasser besitzt großen Nutzen aber geringen Wert, die Menge des Wassers ist nämlich viel größer als die Nachfrage danach. Diamanten haben geringen Nutzen aber großen Wert, da die Nachfrage nach Diamanten viel größer als ihre Menge ist.“

Leider wurden seine Theorien nach dem Mississippi-Company-Debakel und dem Platzen der Spekulationsblase 1720 nicht weiter verfolgt, da sein Ansehen gelitten hatte und man ihn als gescheiterten und betrügerischen Banker betrachtet.

Dann kam Gossen, formulierte die Gossenschen Gesetze und schaffte es mit mathematischen Methoden seine Theorien vom „Grenznutzen“ zu belegen.

Die Gesetze der Grenznutzen nach Gossen

Erstes Gossensches Gesetz

Auch „Das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen“ oder „Das Sättigungsgesetz

„Die Größe eines und desselben Genusses nimmt, wenn wir mit der Bereitung des Genusses ununterbrochen fortfahren, fortwährend ab, bis zuletzt Sättigung eintritt.“ (Hermann Heinrich Gossen; Entwicklung der Gesetze des menschlichen Verkehrs und der daraus fließenden Regeln für menschliches Handeln; 1854)

Im Grunde genommen sagt uns das nichts anderes, als folgendes: wenn wir ein Gut konsumieren, nimmt der Zusatznutzen (Grenznutzen), welchen wir hieraus ziehen, bei zunehmender Konsummenge ab.

Anders ausgedrückt: wir haben Hunger und essen ein Stück Kuchen. Nach dem Genuss des Kuchens, ergibt sich für uns ein hoher Nutzwert. Wir essen ein zweites Stück Kuchen. Der Nutzwert ich schon geringer. Beim dritten Stück Kuchen sind wir satt, der Zusatznutzen ist äußerst gering. Beim 4.Stück wird uns schlecht und der Nutzwert kehrt sich ins Negative.

Der zusätzliche Nutzen einer zweiten, dritten, vierten usw. Konsumeinheit des Gutes nimmt ab, bis hin zum Sättigungsgrad. Dies lässt sich mathematisch mit Hilfe der Nutzenfunktion darstellen, mit der wir uns in der nächsten Ausgabe beschäftigen wollen.

Zweites Gossensches Gesetz

Auch Grenznutzenausgleichsgesetz.

„Der Mensch, dem die Wahl zwischen mehren Genüssen frei steht, dessen Zeit aber nicht ausreicht, alle vollaus sich zu bereiten, muß, wie verschieden auch die absolute Größe der einzelnen Genüsse sein mag, um die Summe seines Genusses zum Größten zu bringen, bevor er auch nur den größten sich vollaus bereitet, sie alle theilweise bereiten, und zwar in einem solchen Verhältniß, daß die Größe eines jeden Genusses in dem Augenblick, in welchem seine Bereitung abgebrochen wird, bei allen noch die gleiche bleibt. Es folgt dieses aus dem Gesetz der Abnahme der Genüsse…“ (Hermann Heinrich Gossen; Entwicklung der Gesetze des menschlichen Verkehrs und der daraus fließenden Regeln für menschliches Handeln; 1854)

Hierbei geht es darum einen Gesamtnutzen aus dem Genuss aller Güter zu ziehen. Oder anders: der Grenznutzen für alle Güter (dividiert durch den Preis eines Gutes) muss (so wäre es optimal) übereinstimmen.

Das heißt man verteilt sein Einkommen auf eine Vielzahl von Konsumgütern (oder Genüssen) [schließlich isst niemand nur Kuchen, man trinkt auch Wasser] und versucht den höchsten Gesamtnutzen zu erzielen. Dieser ergibt sich, wenn der Grenznutzen der Güter übereinstimmt. Man könnte auch sagen: der Nutzen der letzten Einheit Kuchen, ist gleich dem Nutzen der letzten Einheit Wasser, ist gleich dem Nutzen der letzten Einheit Diamant.

Oder anders gesagt: es geht darum so weit zu diversifizieren, bis ein Maximum an Gesamtnutzen erreicht wird. Wenn wir eine Menge eines Gutes zur Bedürfnisbefriedigung besitzen (zum Beispiel Geld), geht es darum dieses so weit auf die verschiedenen Güter aufzuteilen, bis ein optimales Ergebnis besteht. Dieses entsteht , wenn der Grenznutzen der Güter gleich ist.

Wenn der Grenznutzen (geteilt durch den Preis) von 2 Einheiten Wasser, dem Grenznutzen (geteilt durch den Preis) von 1 Einheit Kuchen und dem Grenznutzen (geteilt durch den Preis) von 1 Einheit Diamant entspricht, kaufen wir für unsere Einheit Geld 2 Glas Wasser, 1 Stück Kuchen und 1 Diamantsplitter und sind zufrieden.

Nicht gerade der einfachste Tobak das Ganze. Nächstes Mal aber wird es anschaulicher, wenn wir uns dem Ganzen von Seiten der Mathematik nähern. Der Grenznutzen lässt sich grafisch darstellen und so nähern wir uns der Nutzenfunktion. Dann sehen wir uns das 2.Gossensche Gesetz näher an und klären, wie dieses das Wertparadoxon auflöst.

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Über den Autor Miriam Kraus

Miriam Kraus ist eine freiberufliche Finanzanalystin, deren besondere Kennzeichen die hartnäckige Recherche und ein Gespür für wesentliche Aspekte sind.

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