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Devisen: Britisches Pfund explodiert bei May-Rede

Das wichtigste Marktereignis des gestrigen Tages (und wohl des gesamten Monats) war zweifellos die Grundsatzrede der britischen Premierministerin Theresa May. Hier zeigte sich, dass Großbritannien (wie in meinem gestrigen Artikel prognostiziert) tatsächlich auf einen „harten Brexit“ zusteuert. Also nicht mehr Teil des EU-Binnenmarktes sein wird und sich auch keine Bedingungen von der EU diktieren lassen wird.

„Harter Brexit“ wird bald Realität

Wir erinnern uns: Im vergangenen Sommer entschied sich eine knappe Mehrheit der Briten für einen Austritt aus der EU. Hauptsächlich, um in Fragen von Einwanderung und staatlicher Souveränität wieder vollständig selbst entscheiden zu können. Die neue britische Premierministerin Theresa May schickt sich an, genau dieses Votum umzusetzen. Und sie zieht die Sache inzwischen bewundernswert klar durch.

In den vergangenen Monaten gab es haufenweise Kommentare aus Medien und Politik, die den Briten mit einem Austritt aus der EU gleichzeitig die Rückkehr zum Faustkeil in Aussicht stellten. Am Devisenmarkt zeigte diese Propaganda Wirkung: Das Britische Pfund fiel auf Tiefststände, die es seit Jahrzehnten nicht gegeben hat.

Der Schock in der britischen Wirtschaft blieb jedoch aus. Das schwache Pfund löste hier nämlich eine Art Konjunkturprogramm aus (hauptsächlich im Tourismus), so dass das Wachstum deutlich anzog. Ebenso wie die Kurse britischer Aktien. Der Weltuntergang blieb bisher aus.

Er könnte auch weiterhin ausbleiben. Mit den USA steht bereits ein neuer und sehr gewichtiger Freihandelspartner in den Startlöchern. Auch mit der EU ist ein Freihandelsabkommen möglich. Bisher lehnt die EU dies öffentlich als „Rosinenpickerei“ ab. Freihandel soll es eigentlich nur im Tausch gegen Bürokratie aus Brüssel oder zumindest gegen Bezahlung geben.

UK hat bereits Freihandels-Alternativen – die EU nicht

Sie vergisst jedoch, dass die EU (und namentlich Deutschland) den Zugang zum britischen Markt ebenso braucht wie umgekehrt. Während die Briten den Freihandel mit den USA ganz sicher hinbekommen werden, steht ein Freihandelsabkommen zwischen EU und USA (TTIP) weiterhin in den Sternen. Kann sich die EU nach Russland (sanktionsbedingt) nun auch das Wegbrechen des britischen Marktes leisten?

Was mir in der gegenwärtigen Debatte um den Brexit eindeutig zu kurz kommt, ist die Frage, wie die EU für ihre Mitglieder wieder attraktiv werden kann, um weitere Austritte zu verhindern. Im Gegenzug versucht man, den Briten den Austritt so richtig zu versalzen. Ob diese Abschreckungswaffe angesichts der zunehmend stärkeren britischen Position nicht nach hinten losgeht, muss sich jedoch erst noch zeigen.

Britisches Pfund explodiert bei May-Rede, weitere Aufwertung wahrscheinlich

Für das britische Pfund ist die jüngste Entwicklung offenbar eine äußerst positive Nachricht. Unmittelbar nach der gestrigen Grundsatzrede zog es gestern um bis zu 2,5 % gegen die anderen Hauptwährungen (USD, EUR, YEN, CHF) an.

Das allein beendet noch nicht den dramatischen Abwärtstrend der vergangenen Jahre. Doch es könnte der Anfang einer Bodenbildung sein, die zu einer mindestens temporären Aufwertung führt.

Hält der Boden bei 1,20, wären in den kommenden Monaten Kurse um die 1,40 möglich. Das wäre eine Aufwertung von über 15 Prozent. Ähnliche Bodenbildungsmuster wie jetzt gab es zuletzt in den Jahren 2009 und 2013. Danach wertete das Pfund jedes Mal ein ganzes Jahr lang auf.

Ob über die 1,40er Marke hinaus noch mehr möglich ist (also eine echte Pfund-Rally), wird sich dann an eben dieser Marke entscheiden. Sie stellt einen extrem starken Widerstand dar. Mehr dazu von mir, wenn es soweit ist.

In jedem Fall gehe ich davon aus, dass die nächsten Monate eine Pfund-Aufwertung bringen werden, die bisher kaum ein Anleger auf der Rechnung hat. Alle waren und sind sich einig, dass das Pfund zum Altpapier gehört. Doch wenn sich alle einig sind, passiert meist das Gegenteil.

GBP/USD Monatschart: Das sieht nach einem Boden aus

gbp

Die gestrigen Brexit-Vorstellungen der britischen Premierministerin Theresa May machen die Bodenbildungs-Ambitionen des Pfundes komplett.

DAX reagiert verschnupft auf Brexit-Pläne

Auch beim DAX zeigte sich gestern eine Reaktion: Er stürzte zwischenzeitlich um 150 Punkte auf ein Zwei-Wochen-Tief, fing sich jedoch im Zuge erholter US-Börsen zum Handelsschluss wieder.

Möglicherweise dämmert es den ersten Anlegern, dass die deutsche Wirtschaft der größere Verlierer des vorgestellten Brexit-Fahrplanes sein könnte. Bisher dämmert es allerdings nur ein wenig, Das wird sich ändern. Mehr dazu in Kürze.

Offenlegung gemäß §34b WpHG wegen möglicher Interessenkonflikte: Der Autor ist in den besprochenen Wertpapieren bzw. Basiswerten dieser Ausgabe investiert.

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Über den Autor Henrik Voigt

Henrik Voigt hat an der renommierten TU Dresden Wirtschaftsingenieurwesen studiert und als einer der Jahrgangsbesten sein Studium abgeschlossen.

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