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Die wichtigsten Emerging Markets

Eines dürfte Ihnen schon jetzt klar geworden sein: Sie müssen sich über die Situation der Emerging Markets ein umfassendes Bild machen, bevor Sie investieren. Einen sehr guten Überblick über die allgemeine Stimmung an den Börsen für die Emerging Markets bietet Ihnen der Emerging-Markets-Index „MSCI Emerging Markets Free Index“, kurz „MSCI EMF“ genannt. Denn der MSCI EMF, der über 600 Aktien umfasst, setzt sich aus den wichtigsten Emerging Markets der Welt zusammen. Daher gilt der Index für viele Fonds, vor allem Globale Aktienfonds, als Benchmark (dazu mehr in Kapitel 5.1). Allerdings bietet der „MSCI Emerging Markets Free Index“ nur einen allgemeinen Überblick. Er eignet sich als gute Informationsquelle für Anleger, deren globale Fonds oder Zertifikate alle Emerging Markets abdecken. Wenn Sie jedoch auf bestimmte Regionen oder Einzelländer setzen wollen, dann müssen Sie dafür in einem nächsten Schritt die einzelnen Emerging Markets analysieren. Im Folgenden stelle ich Ihnen deshalb die wichtigsten Länder und Regionen in einem kurzen Portrait vor. Damit Sie die folgenden volkswirtschaftlichen Zahlen richtig einordnen können, zeige ich Ihnen hier erst einmal eine Tabelle mit den wichtigsten Eckdaten zur deutschen Wirtschaft.

 

China Der schlafende Drache ist aufgewacht. Und er hat mächtigen Hunger. Hunger nach der Rolle der Weltmacht von morgen. Innerhalb von nur wenigen Jahren hat sich das Reich der Mitte zur Lokomotive der Weltkonjunktur aufgeschwungen. Inzwischen ist das bevölkerungsreichste Land der Erde hinter Japan die zweitgrößte Volkswirtschaft Asiens und auf dem klaren Weg, eine wirtschaftliche Supermacht zu werden. Was Chinas Wirtschaft für den Westen so gefährlich macht, ist nicht der günstige Preis. Chinesische Produkte waren auf den Weltmärkten schon immer extrem günstig. Aber in der Vergangenheit waren diese Produkte von minderer Qualität und daher in den verwöhnten Industriestaaten nicht konkurrenzfähig. Doch dieses Bild hat sich komplett gedreht. In vielen Wirtschaftsbereichen sind chinesische Produkte heute den Produkten europäischer oder amerikanischer Firmen qualitativ ebenbürtig. Aber eben trotzdem billig. Eine explosive Mischung für die boomende chinesische Exportwirtschaft. Daher ist China auch der Emerging Market schlechthin. Kein Wunder, dass die Direktinvestitionen in 2004 auf mächtige 60,6 Mrd. USD anstiegen. Aber die Erkenntnis das China ein Markt der Zukunft wird, ist nun wahrlich kein Geheimnis mehr. Jeder Taxifahrer wird Ihnen inzwischen erzählen, dass in China die Zukunft liegt. Das ist erst einmal schlecht. Denn wenn Sie irgendetwas aus dem Platzen der Neue-Markt-Blase gelernt haben, dann bitte Folgendes: Wenn selbst die Verkäuferin hinter der Wursttheke Ihnen zwischen 2 Scheiben Parmaschinken den neuesten Aktien-Geheimtipp zuflüstert, dann ist es Zeit, auszusteigen. Tatsächlich haben die ersten 2 Stufen der Chinarakete schon gezündet. Die 1. Stufe erfolgte Anfang der 90ziger, als die chinesische Regierung die Börsen in Shanghai und Shenzhen öffnete. Das war sozusagen das Aufwachen des roten Riesen, was allerdings in einer platzenden Spekulationsblase, die primär durch chinesische Anleger getrieben wurde, endete. Die 2. Stufe startete dann Anfang dieses Jahrtausends. Dieses Mal basierte sie auf der ersten großen Entdeckungswelle durch eine breitere Masse ausländischer Investoren. Aber jede Rakete hat bekanntlich mehrere Antriebsstufen. Und das ist in China genauso. Hier wird in den kommenden Jahren noch viel Geld zu verdienen sein. Denn China wird die USA in 10-15 Jahren als Wirtschaftsmacht Nr. 1 ablösen. Inzwischen ist das Reich der Mitte schon zum größten Handelspartner Japans und auch Südkoreas aufgestiegen. Noch vor den USA oder Europa. Schon heute importiert die USA mehr Waren aus China als aus Japan. Für die USA ist China schon der drittgrößte Handelspartner. Für die EU ist China sogar schon zur Nr.2 aufgestiegen. In 2004 kamen satte 12% aller EU-Importe aus dem Reich der Mitte. Beeindruckend für ein Land, das sich erst Mitte der 70ziger die kommunistische Planwirtschaft abwandte. Damals legte Deng Xiaoping den Grundstein für einen kontrollierten Wandel zu einer sozialistischen Marktwirtschaft. Diese schrittweise Öffnung Chinas zur freien Marktwirtschaft steht im völligen Gegensatz zu dem Ansatz der osteuropäischen Staaten, die statt schleichender Reformen den roten Stern und alles, was dazu gehört, mit einem radikalen Rundumschlag abschafften. Aber der wirtschaftliche Erfolg gibt Mao Zedongs Erben zumindest bis heute Recht. In den letzten 20 Jahren ist Chinas Wirtschaft um durchschnittlich 7,0% gewachsen. So klettert China auf der Rangliste der größten globalen Volkswirtschaften unaufhaltsam immer weiter nach oben. Aktuell ist man schon die Nr. 6! Innerhalb der nächsten 4 Jahre wird China Deutschland überholen. (Einige Jahre danach wird übrigens auch Indien an uns vorbeiziehen.) Trotzdem ist das Reich der Mitte erst zu einem geringen Anteil industrialisiert. Das zukünftige Potenzial ist gewaltig. Allerdings sind auch die Risiken nicht zu unterschätzen. Neben einem unausgereiften Finanzsektor und einer immer noch unterdurchschnittlichen Infrastruktur, besteht das unmittelbare Hauptrisiko in einer heftigen Abkühlung des Wirtschaftswachstums und einem „Hard Landing“ der chinesischen Wirtschaft. Allerdings wurden aller Unkenrufe der „Experten“, die einen Einbruch des Wirtschaftsbooms voraussahen, bis jetzt bitter enttäuscht. Tatsächlich erwartet die chinesische Regierung für 2005 schon wieder ein Wirtschaftswachstum von 9,0%. Und das könnte sich auch als zu konservativ herausstellen, denn in der ersten Jahreshälfte wuchs Chinas Wirtschaft schon wieder um 9,5%. Die derzeitige Jahreserwartung von 9,0% liegt übrigens sogar über den ursprünglichen Erwartungen aus Beijing, wo man Anfang des Jahres mit einem Wachstum von 8,5% gerechnet hatte. Es wird natürlich zu einer Abkühlung kommen, aber seien wir mal ehrlich: Selbst ein Rückgang auf 8,5% ist immer noch eine sensationelle Traumrate. In Deutschland können wir schon froh sein, wenn wir 1,85% in 2005 schaffen. Für die nächsten Jahre rechnen Ökonomen weiterhin mit einem konstant hohen Wachstum zwischen 7-8%. Die entscheidende Frage ist nur, ob eine „Abkühlung“ von 9,5% auf 7,5% zwangsläufig zu einem schlechten „Hard Landing“ führen muss. Dagegen unternimmt die chinesische Regierung richtige Schritte, um das Wachstum in kontrollierbare Bahnen zu lenken und vor einer völligen Überdrehung zu bewahren. So hat Peking bereits eingegriffen, um die explodierenden Investitionen, primär im Bereich der Direktinvestitionen, zu reduzieren. Das Gleiche gilt für den Bereich Gewerbeimmobilien, wo inzwischen deutlich restriktivere Baugenehmigungen zu einer kontrollierten Verlangsamung führen. Zudem wurden die Zinsen leicht erhöht, um die Kreditnachfrage zu senken. Schritte wie diese, und es werden noch mehr folgen, zeigen, dass die chinesische Regierung hier mit einer erfreulichen Besonnenheit und Vorsicht agiert, um keine Implosion auszulösen und ein „Soft Landing“ zu ermöglichen. Doch das Risiko eines „Hard Landing“ und einer folgenden Rezession besteht ohne Frage, zumal es in China bei den chronisch unterkapitalisierten Banken eine hohe Quote an faulen Krediten gibt. Ich sehe noch weitere Gefahren aus zwei anderen Richtungen kommen: Das sind zum einen die steigenden Rohstoffpreise, die sich auf die Gewinne der chinesischen Unternehmen niederschlagen werden. Zum anderen entwickelt sich China immer mehr zu einer Konsumgesellschaft, ähnlich wie in den USA. Viele denken bei den chinesischen Billigprodukten zuerst an eine reine Exportwirtschaft, aber in Wahrheit sind die Konsumentenausgaben der Chinesen inzwischen für die Hälfte des Wirtschaftswachstums verantwortlich. Das ist einer der Gründe, warum Investoren das Reich der Mitte so lieben. Oder genauer gesagt: Die 1,3 Mrd. Gründe. Und bei diesen Zahlen sind wahrscheinlich einige 100.000 Chinesen „übersehen“ worden, so viele Bürger hat dieses Land. Hier schließt sich der Kreis zu dem 1. Punkt: Wenn die Geschäftsentwicklungen der Unternehmen durch die wachsenden Rohstoffpreise Schieflage bekommen, werden die Manager diese Kosten über Einsparungen wieder ausgleichen. Und das bedeutet mindestens stagnierende Einkommen, oder sogar Entlassungen, wie wir es ja leider aktuell seit Jahren in Deutschland erleben. Das wird aber dazu führen, dass die Chinesen weniger Geld für den Konsum ausgeben, was dann die wirkliche Gefahr für das chinesische Wirtschaftswachstum darstellt. Denn der Export befindet sich ohnehin schon in harten Preiskämpfen mit anderen Niedriglohnländern wie Indien oder Vietnam. Zudem sollten Sie zwei makroökonomische Risiken unbedingt im Auge behalten, die vielfach noch völlig übersehen werden: 1. Innerhalb Chinas herrscht ein großes soziales Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich. Denn der Wirtschaftsaufschwung hat längst noch nicht alle Menschen erfasst. Das gilt besonders für den großen Landwirtschaftssektor, an dem der Aufschwung weitgehend vorüber gegangen ist. Hier entsteht ein Konfliktpotenzial für mögliche gesellschaftliche Unruhen, das nicht unterschätzt werden sollte. 2. Trotz Wirtschaftsaufschwung und Sommerolympiade – China ist immer noch ein kommunistisches Land mit einer kommunistischen Machtelite. Die Politiker waren klug genug, nicht den gleichen Fehler wie Russland zu machen. Aber bis jetzt gibt es in der Geschichte keinen Beweis dafür, dass eine Transformation von einer kommunistischen Planwirtschaft zu einer marktwirtschaftlichen Gesellschaft und der Spagat zu der kommunistischen Gesellschaftsstruktur ohne schwere wirtschaftliche oder gesellschaftliche Krisen erfolgreich durchgeführt werden kann. Kommen wir damit zu einem Punkt, der für internationale Anleger wie Sie zwar kein Risiko darstellt, aber zweifellos problematisch ist: Der extrem komplexe chinesische Kapitalmarkt. Ich will diesen wichtigen und zugleich undurchsichtigen Bereich ganz „simplified“ angehen. Fangen wir zusammen mit den Börsen an. In China gibt es 3 dominierende Börsen: Die historische Shanghai Stock Exchange, die neue, 1991 gegründete Shenzhen Stock Exchange und die Hongkong Stock Exchange. Deshalb sehen Sie auch immer wieder völlig unterschiedliche Charts über den chinesischen Aktienmarkt, denn verschiedene Autoren haben jeweils verschiedene Indizes der unterschiedlichen Börsen als Grundlage ihrer Argumentationen genommen. Der entscheidende Punkt für Sie ist: Die Börsen Shanghai und Shenzhen sind chinesischen Anlegern vorbehalten. Ausländische Investoren können hier so gut wie gar nicht aktiv werden. Deshalb ist für Sie als internationaler Anleger Hongkong der Börsenplatz Nr. 1. Hier trifft sich das Anlegerkapital aus der ganzen Welt, denn in Hongkong können Sie chinesische Aktien problemlos handeln. Der wichtigste Index für internationale Investoren ist daher der seit 1969 berechnete Hang Seng Index (HSI). Zudem besitzt die Hongkong Stock Exchange von allen 3 Börsen auch die anspruchvollsten Listingauflagen, was eine hohe Qualität der dort gehandelten Unternehmen sicherstellt. Deshalb sind die dort gelisteten Firmen aufgrund der Hongkonger Bilanzierungsregeln einfacher und seriöser zu analysieren. Aber egal ob Shanghai, Shenzhen oder Hongkong – der chinesische Aktienhandel ist immer noch von einer extrem starken Kontrolle des Staates geprägt. So sind lediglich ein Drittel aller Wertpapiere zum Handel freigegeben. Damit sind wir schon beim nächsten Punkt, der bei Privatanlegern immer wieder zu Konfusionen führt: die chinesischen Aktien. Wie Sie wissen wird der Kapitalmarkt von der kommunistischen Regierung immer noch stark reglementiert, um den Geldfluss in das Land, aber vor allem aus dem Land, zu überwachen. Das hat dazu geführt, dass es eine ganze Anzahl verschiedener Aktiengattungen gibt, die jeweils nur bestimmten Anlegergruppen geöffnet sind. Diese unterschiedlichen Gattungen lernen Sie jetzt kennen. Da die einzelnen Gattungen durch unterschiedliche Anfangsbuchstaben gekennzeichnet sind, spricht man in Emerging-Markets-Kreisen auch vom „chinesischen Aktienalphabet“: 1. A-Aktien: Der Großteil der chinesischen Aktien (ca. 1.400) fällt in diese Kategorie. Bei den hier gelisteten Firmen handelt es sich um Unternehmen, deren Firmensitz und Geschäftsfeld in der PRC (People Republic of China), also auf dem chinesischen Festland ist. Bis vor 2 Jahren war es nur chinesischen Anlegern erlaubt, A-Aktien zu kaufen. Inzwischen gibt es für ausländische institutionelle Anleger bestimmte Wege, in A-Aktien zu investieren, aber das Interesse ist sehr gering. Denn A-Aktien sind gegenüber H-Aktien sehr teuer (auf die Gründe komme ich gleich), und zudem sind Leerverkäufe verboten. A-Aktien werden an den Börsen Shanghai und Shenzen in der Währung Yuan gehandelt. 2. B-Aktien: Hierbei handelt es sich ebenfalls um Wertpapiere von Unternehmen, die ihren Firmensitz und Geschäftsfeld in der PRC haben. Das Segment der B-Aktien (ca. 100) wurde 1993 geschaffen, um den chinesischen Markt in einer für die Regierung kontrollierbaren Art und Weise für ausländische Investoren zu öffnen. Deshalb durften ursprünglich nur Ausländer B-Aktien erwerben. Daher die Sondergattung. In 2001 öffnete die chinesische Regierung die B-Aktien aber auch für chinesische Investoren. Heute können also sowohl Ausländer als auch Chinesen B-Aktien handeln. Seitdem entwickeln sich A- und B-Aktien weitgehend parallel. B-Aktien werden in US-Dollar oder Yuan gehandelt. 3. H-Aktien: Für ausländische Investoren die mit weitem Abstand aussichtsreichste Aktienform. H-Aktien, das „H“ bezeichnet den Börseplatz Hongkong, sind Wertpapiere von Unternehmen, die ihren Firmensitz und ihr Geschäftsfeld in der PRC haben. Aber, und das ist der entscheidende Punkt: Diese Aktien (ca. 200) dürfen von Chinesen nicht gekauft werden. Sie sind ausschließlich ausländischen Investoren vorbehalten. Inzwischen hat man auch die veraltete Aktiengattung „Red Chips“ unter dem Mantel der H-Aktien zusammengefasst. Unter Red-Chips (eh nur ca.30) versteht man Aktien von Unternehmen, deren Firmensitz in Hongkong liegt, aber deren Produktionsstädten die der PRC sind. H-Aktien sind in Hongkong gelistet sind und werden in Hongkong-Dollar gehandelt. Neben den 3 großen Aktiengattungen gibt es noch 3 kleine Gattungen, die jedoch unbedeutend sind. Der Vollständigkeit halber will ich Sie Ihnen aber kurz vorstellen: 4. L-Aktien: Das L steht für den Börsenplatz London. 5. N-Aktien: Das N steht für den Börsenplatz New York. 6. S-Aktien: Das S steht für den Börsenplatz Singapur. Wichtig für Sie ist Folgendes: Wenn Sie chinesische Aktien kaufen, dann unbedingt HAktien, denn diese Werte besitzen das größte Potenzial aller Aktiengattungen. Der Grund ist etwas kompliziert, aber ich will versuchen, ihn so einfach wie möglich darzustellen.

 

Chart 7: Vergleich der Kursverläufe des HangSeng-Index für H-Aktien und des Shanhai-Index für A-Aktien zwischen 2003-2005

 

Quelle: Market Maker

 

Hier sehen Sie die unterschiedliche Entwicklung von H-Aktien und A-Aktien. Obwohl es sich bei beiden Aktiengattungen um chinesische Wertpapiere handelt, weisen sie eine dramatische gegensätzliche Kursperformance auf. Während die überteuerten A-Aktien eine schwere Baisse durchlebten, befinden sich die günstigeren H-Aktien in einer mustergültigen Baisse.

 

Alles beginnt mit den A-Aktien, die extrem teuer sind. Diese sehr hohe Bewertung resultiert aus 2 Gründen: 1. Der erste Grund liegt in den Eingriffen der kommunistischen Regierung in den freien Kapitalmarktfluss: Durch ein Verbot ist so genanntes Short Selling, also die Spekulation auf fallende Aktienpreise, nicht möglich. Diese Regulierung der chinesischen Regierung verhindert aber eine „natürliche“ Ausbalancierung der Aktien, wenn diese zu hoch gestiegen sind. 2. Die Chinesen investieren viel Geld in den Kapitalmarkt, da es keine lukrativeren Anlagealternativen gibt. Hintergrund ist die extreme Sparsamkeit der chinesischen Bevölkerung. Die Sparquote liegt bei unglaublichen 24%. Das ist Weltrekord. Hier können sich unsere Hamburger schmatzenden Freunde aus Amerika mit ihrer negativen Sparquote mal eine Scheibe abschneiden. Das Geld wird aber eben nicht im Reissack verbuddelt sondern angelegt. Bis 2001 kamen dafür nur A-Aktien in Frage, denn andere Aktien durften von Chinesen nicht gekauft werden. Das führte zu einer massiven Überbewertung der A-Aktien, denn das gesamte Inlandskapital floss ausschließlich in dieses Segment. Daher waren die B-Aktien jahrelang deutlich günstiger bewertet. Als der Markt für B-Aktien in 2001 für chinesische Anleger geöffnet wurde, setzte ein riesiger Run auf B-Aktien ein und die Aktienkurse explodierten, da die Werte ja viel günstiger waren als A-Aktien. Nun wird allgemein erwartet, dass China den Markt für H-Aktien auch für chinesische Anleger öffnen wird. Dann dürfte bei den H-Aktien mit einer ähnlichen Rallye wie damals bei den B-Aktien zu rechnen sein.

 

Tabelle 2: Die 7 größten H-Aktien nach Marktkapitalisierung Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass China natürlich ein ganz klares Basisinvestment ist. Aktien aus dem Reich der Mitte gehören in jedes Emerging-Markets-Depot. Hier geht es schon längst nicht mehr um den Aufstieg eines Emerging Markets zu einem Industrieland. Hier geht es um den Aufstieg zu einer neuen Supermacht. Damit sind jedoch neben den innenpolitischen Risiken auch außenpolitische Konflikte mit den USA vorprogrammiert. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Taiwan in den kommenden Jahren der erste Ort sein, wo es zum politischen Kräftemessen zwischen dem chinesischen Drachen und dem amerikanischen Adler kommen wird. Auseinandersetzungen wie diese werden in den kommenden Jahrzehnten immer wieder zu großen Kursschwankungen führen. Investieren Sie deshalb nicht alles auf einmal. Halten Sie Cash zurück, um die Möglichkeiten zu haben, Ihre Investments in Korrekturphasen auszubauen. Denn Eines ist sicher: Der schlafende Drache ist aufgewacht.

 

Indien China ist bei der Masse der Privatanleger zwar bekannter als Indien, aber ich sage Ihnen ganz klar: Indien wird in den kommenden 10 Jahren der spannendste Markt unter den NICEmerging-Markets sein. Nach einer Studie der Vereinten Nationen (UNO) wird Indien 2050 mit 1,6 Mrd. Menschen das bevölkerungsreichste Land der Erde sein. Nein, dies ist kein Tippfehler. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass China diese Position halten wird. Denn aufgrund der „1-Kind“-Politik dürfte sich die Zahl der chinesischen Bürger 2050 „nur“ auf 1,4 Mrd. belaufen. Dieses Beispiel alleine macht schon deutlich: Indien ist auf dem direkten Weg zu einer Großmacht. Daher werden in der Zukunft zwei Arten von Lebewesen Indien besonders lieben: Börsianer und Kühe. Trotz eines beeindruckenden Wirtschaftsaufschwungs ist der Siegeszug der indischen Wirtschaft und der Börse weitgehend an der Masse der Anleger vorbei gegangen. Der Grund, warum Indien von Investoren in seinem ganzen Potenzial immer noch verkannt wird, ist, dass man bisher immer im Schatten des chinesischen Wirtschaftswunders stand. Diese Wahrnehmung ist auch verständlich, denn beide Länder weisen deutliche Parallelen auf: ein rasantes Wirtschaftswachstum, niedrige Lohnkosten, eine stark wachsende Bevölkerung und daraus resultierendes Konsumpotenzial. Dabei braucht sich Indien vor gar niemandem zu verstecken. So ist die indische Wirtschaft im Windschatten Chinas seit 1994 um durchschnittlich 6,8% pro Jahr gewachsen. In 2004 lag das BIP-Wachstum bei 6,9% und in den nächsten beiden Jahren soll es im gleichen Tempo weitergehen: Die Schätzungen der Volkswirte für das indische Wirtschaftswachstum liegen bei 7,5% für 2005 und 6,5% für 2006. Das sind Spitzen-Raten. Trotzdem ist Indien auf dem aktuellen Stand da, wo China bereits vor 5 Jahren war. Denn Indien befindet sich erst in den Anfängen des Wandelungsprozesses von einer Agrarwirtschaft zu einer Dienstleistungsgesellschaft. So liegt das BIP pro Einwohner in Indien bei 632 USD. In China hat das BIP pro Kopf bereits die magische 1.000-USD-Marke überschritten. Aber diese Diskrepanz wird sich ändern. Einige Investmentbanken erwarten, dass Indien in der kommenden Dekade sogar ein stärkeres Wirtschaftswachstum als China erleben wird. Schon in den vergangen Jahren verzeichnete Indien weitgehend unbemerkt eine massive Steigerung von Auslandsinvestitionen. Dabei drehte es sich nicht nur um die so genannten „Portfolioinvestitionen“ in den indischen Kapitalmarkt. Auch die ausländischen „Direktinvestitionen“ in die indische Wirtschaft stiegen in den vergangenen Jahren um 50% p.a. an. Aber erst 2004 ist der Knoten richtig geplatzt und seitdem verzeichnet Indien massive Anstiege der Auslandsinvestitionen. In 2006 sollen diese ausländischen Investitionen die Marke von 8,0 Mrd. USD erreichen. Mutter des Erfolges sind die nachhaltigen Reformen gegen die veralteten sozialistischen Strukturen, die Ihren Anfang in den 90zigern nahmen und nun ihre positive Wirkung entfalten. Das Zeichen zum Aufbruch machte die Deregulierung des Arbeitsmarktes 1991, der weitere tief greifende Reformen folgten. Bis dahin war Indien eine sozialistisch geprägte Wirtschaft mit staatlichen Kontrolleingriffen vom Allerfeinsten. Aufgrund einer historisch verwurzelten Abneigung gegen ausländische Kontrolle (dafür dürfen wir uns bei den brittschen Rotröcken bedanken), legte man in Indien schon immergroßen Wert auf eine wirtschaftliche Eigenständigkeit. Das hat inzwischen aber auch sein Gutes, denn heute ist Indien mit einer Exportquote von lediglich 17% deutlich weniger vom Exporthandel abhängig als die viele andere Emerging Markets. Dabei hat Indien in der globalen Wirtschaftswelt einen äußerst lukrativen Markt für sich erschlossen, der von anderen Emerging Markets nicht annährend so professionell bedient wird: Das Outsourcing. Während also beispielsweise China vor allem durch seine Exportindustrie bekannt ist, schwingt sich Indien zum globalen Dienstleister auf. Aber der Outsourcing-Boom beschränkt sich schon lange nicht mehr nur auf den IT-Sektor. Inzwischen haben auch andere Branchen, wie Banken, Versicherungen oder Vertriebsdienstleister den indischen Markt für sich entdeckt. Die Gründe überzeugen jeden Vorstand. Verschiedene Studien aus unterschiedlichen Industriezweigen haben gezeigt, dass westliche Firmen mit dem „Offshore-Outsourcing“, wie das Ausgliedern von Unternehmenszweigen aufgrund der Übersee-Distanz in Fachkreisen genannt wird, nach Indien zwischen 20% und 40% Kosten einsparen können. Denn in Indien belaufen sich die Lohnkosten für qualifizierte Arbeiter, deren Ausbildung europäisches Niveau hat, lediglich auf 1/8 des deutschen Niveaus. Natürlich haben auch andere Emerging Markets, allen voran natürlich China, billige Arbeitskräfte zu bieten und versuchen, in den Outsourcing-Sektor vorzudringen. Aber nur Indien bietet neben purer „Manpower“ weitere exzellente Rahmenfaktoren, die das Land der Fakire für ausländische Firmen so interessant machen: Aufgrund der Historie als britische Kolonie basiert die indische Justiz auf dem englischen Rechtssystem. Zudem ist das Land die größte, wenn auch mächtig wackelige, Demokratie der Welt und besitzt beispielsweise die Pressefreiheit. Das Bildungsniveau ist zwar bisher nur einem begrenzten Teil der Bevölkerung zugänglich, aber es ist außergewöhnlich hoch und die englische Sprache ist weit verbreitet. Tatsächlich findet man in Indien ein Niveau an Englischkenntnissen, das gerade in den asiatischen Emerging Markets einzigartig ist und Seinesgleichen sucht. Da verwundert es nicht, dass der Outsourcing-Sektor seit 1999 jährlich um 46% gewachsen ist! Wenn China aufgrund seiner zahlreichen und billigen Arbeitskräfte als die „Fabrik der Welt“ bezeichnet wird, dann ist Indien wohl das zukünftige „High-Tech-Labor der Welt“. Nicht ohne Grund sind innovative High-Tech-Branchen, wie Software und IT, oder der Pharma/Biotech-Sektor, wie Generika, in Indien schon echte Wachstumsbranchen. Inzwischen besitzt Indien die zweitgrößte Zahl an Software-Entwicklern der Welt (hinter den USA). So fördert die indische Regierung in Bangalore ein noch relativ junges IT-Mekka, das das Silicon Valley Asiens werden soll. Dort entwickeln die indischen Computer-Programmierer die neuesten Technologien für so ziemlich jede Firma, die weltweit im High-Tech-Sektor irgendetwas zu sagen hat. Tatsächlich lässt sich das indische BIP auf 3 Sektoren herunter brechen. Auf die Bereiche Landwirtschaft und Industrie entfallen jeweils 25%. Aber der Outsoucring-Service-Sektor macht inzwischen sage und schreibe 50% aus und ist damit die treibende Kraft des indischen Wirtschaftswachstums. Doch Indien ist keineswegs nur auf ausländische Kunden angewiesen. Denn das größte Trumpf-Ass Indiens ist die eigene Bevölkerung. Der Altersdurchschnitt in Indien liegt gerade einmal bei 24 Jahren!

 

Grafik 7: Bevölkerung einzelner Emerging Markets und Industrienationen in 2000 und 2050 (p)

 

Quelle: Vereinte Nationen

 

Diese Grafik sagt alles. Klarer kann man die demographische Verschiebung zu Gunsten der Emerging Markets nicht darstellen. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden in 2050 ca. 60% der Weltbevölkerung in Asien leben. Ein Drittel der gesamten Erdbevölkerung wird allein China und Indien sein Zuhause nennen. In Europa werden dann gerade mal noch 7% aller Menschen leben. Der schwarze Balken ist das Jahr 2000. Der graue Balken ist das Jahr 2050.

 

Im Gegensatz dazu beträgt der Altersdurchschnitt in Deutschland 42 Jahre. Allein aufgrund dieser demographischen Fakten sehen Sie, wo die Zukunft liegen wird. Sage und schreibe 75% aller Inder sind unter 35 Jahre alt. Unglaubliche 45% unter 20 Jahren. Jedes Jahr machen 20 Millionen Menschen in Indien ihren Universitätsabschluss. Inzwischen hat sich in Indien eine neue Mittelschicht (Jahreseinkommen ab 15.000,- €) gebildet, die inzwischen über 300 Millionen Menschen umfasst. Das sind mehr Menschen als in den gesamten USA leben. Denn in den vergangenen 10 Jahren ist das durchschnittliche Einkommen der privaten Haushalte um 60% gestiegen. Das bedeutet: Hier wachsen die Konsumenten von morgen heran. Und es werden viele sein. Die jungen Generationen erhalten teilweise Ausbildungen auf hohem Niveau, was bedeutet, dass sie später Jobs mit besseren Gehältern bekommen werden. Damit werden diese kommenden Generationen in der Lage sein, Konsumprodukte zu kaufen, die über den lebensnotwendigen Grundbedürfnissen liegen. Sie führen die Rechnung zu Ende. In Indien wird die größte Binnenwirtschaft der Welt entstehen. Der anerkannte Börsenexperte Harry Dent hat errechnet, dass ein Mensch seinen Konsum-Höhepunkt mit 46 Jahren erreicht. Sprich: Mit 46 Jahren gibt er das meiste Geld für Konsum und Vorsorge aus. Das bedeutet: Ob Sie es nun hören wollen oder nicht: Deutschland überschreitet seinen Konsum-Höhepunkt langsam aber unaufhaltsam. Dagegen hat Indien seinen Zenit erst frühestens in 22 Jahren vor sich. Zudem partizipiert erst ein sehr kleiner Anteil der indischen Bevölkerung an dem bisherigen Aufschwung. Das verspricht goldene Zeiten für die Unternehmen und damit auch für den Aktienmarkt und seine Investoren. Damit sind wir auch schon beim Kapitalmarkt. In Indien gibt es zwar zahlreiche Regionalbörsen, aber für ausländische Anleger sind nur 2 Börsen wichtig. Am besten lässt sich die Situation in Mumbai (die indische Regierung hat Bombay 1995 in Mumbai umbenannt, aber der Name „Bombay“ ist weiterhin gültig), wo die beiden indischen Börsen beheimatet sind, mit New York vergleichen. Dort ist neben der bekannten New York Stock Exchange, die Sie aus dem Fernsehen kennen, auch die deutlich kleinere und unbekanntere American Stock Exchange beheimatet. In Indien gibt es ganz ähnlich die dominierende Bombay Stock Exchange (BSE) und die weniger bekannte National Stock Exchange (NSE). Die BSE wurde schon 1875 gegründet und ist damit sogar die älteste Börse Asiens. Was kaum ein Anleger weiß: Mit über 6.000 gelisteten Unternehmen ist die BSE nach der Wall Street die zweitgrößte Börse der Welt. Der Leitindex heißt Sensex 30 und ist international der bekannteste indische Index. Der Index der NSE trägt den knackigen Namen „Nifty Fifty“.

 

Chart 8: Vergleich der Kursverläufe des Sensex-Index und eines Zertifikates auf den NiftyFifty-Index zwischen 1990-2005

 

Quelle: Market Maker

 

Ein Herz und eine Seele. In dem Chart sehen Sie den bekannten indischen Leitindex Sensex 30 (schwarz) und des „Indien Open End“-Zertifikates der ABN-Amro auf den Nifty Fifty-Index (grau). Obwohl dem Zertifikat ein anderer Index zugrunde liegt, entwickelte das „Indian Open End“ fast identisch zum Sensex-Index. Deshalb spielt es für Sie bei der Auswahl von Zertifikaten nur eine untergeordnete Rolle, auf welchen Index sich ein Zertifikat bezieht. Die Charthistorie zeigt aber, dass sich beide Indizes weitgehend identisch entwickeln. Es macht für Sie bei Käufen von Zertifikaten also kaum einen Unterschied, ob Sie auf den Sensex 30 oder den Nifty Fifty setzen. Für ausländische Privatanleger ist es allerdings aufgrund von Börsenregularien bisher so gut wie unmöglich, direkt in Indien zu investieren. Es bieten sich also Fonds oder Zertifikate an. Zudem gibt es an der Wall Street und auch in Deutschland jede Menge ADR-Listings von spannenden indischen Firmen. Denn indische Aktien sind bei internationalen Investoren sehr beliebt, da der Großteil der Unternehmen schon heute standardmäßig nach US-GAAP oder IAS-Standards bilanziert. Die international bekanntesten indischen Firmen kommen natürlich aus dem IT-Sektor, obwohl das größte Unternehmen der Chemiekonzern Reliance Industries ist. Wesentlich vertrauter sind Investoren aber mit den Namen der großen IT-Dienstleister Infosys Technologies, Satyam Computer Services und Wipro (allesamt IT-Outsourcing-Spezialisten) oder der Generika-Unternehmen Ranbaxy Laboratories und Dr. Reddy s, die bei den Generika-Zulassungen in den USA, dem wichtigsten Pharmamarkt der Welt, schon die Nr. 2 und die Nr. 7 sind. Inzwischen kommen übrigens schon rund 40% aller weltweiten Generika-Medikamente aus Indien. Allerdings muss Indien natürlich noch einen weiten Weg zurücklegen. Es gibt einfach keinen Emerging Market ohne Risiken, und bei Indien ist das schon mal gar nicht der Fall. Da ist zum einen das extreme Gefälle zwischen Arm und Reich. Die Landwirtschaft macht zwar nur noch gut 25% des BIPs aus, beschäftigt aber über 50% aller Inder. Die Arbeitslosigkeit liegt bei knapp 10%. Noch ist Indien mit einer unglaublich hohen Analphabeten-Quote von über 35% einer der traurigen Spitzenreiter weltweit. Zum anderen gleichen die gesellschaftlichen Strukturen Indiens einem Pulverfass. Das Land wird immer wieder von schweren Unruhen zwischen den beiden dominierenden aber verfeindeten Bevölkerungsgruppen der Hindu und der Moslems erschüttert. Dazu regiert in Neu Delhi eine Koalition aus 20 (!) verschiedenen Parteien, was Reformprozesse, wie die Neuordnung des katastrophalen Steuersystems, stark verlangsamt. Als wären diese explosiven Spannungen noch nicht genug, fordert auch noch die Sikh-Minderheit die Abspaltung der Grenzprovinz Pandschab von Indien. Aufgrund der Häufigkeit von schrecklichen Attentaten und Massenausschreitungen hat an den Börsen inzwischen jedoch ein Gewöhnungseffekt eingesetzt, so dass die Aktienkurse auf die „normalen“ Ausschreitungen ohne große Ausschläge reagieren. Das wird allerdings nur so lange so bleiben, bis die Gewalttaten eine neue Dimension erreichen. Zwei weitere Probleme, die auf der Reformagenda ganz oben stehen müssen, sind die katastrophale Infrastruktur und die unzureichende Stromversorgung. Zudem weist das Land eine sehr hohe Staatsverschuldung auf. Um ganz nach oben zu kommen muss die Regierung daher die bisherigen Reformen unbedingt weiter fortsetzen. Dazu kommen aber noch die außenpolitischen Risiken um den ewig schwelenden Kaschmir-Konflikt mit dem Nachbarn Pakistan. Immerhin bemühen sich die beiden Atommächte in den letzten Jahren um politische Fortschritte. Insgesamt lässt sich sagen, dass die Risiken in Indien zwar groß, aber die Chancen noch viel größer sind.

 

Brasilien und Südamerika Der bekannteste Emerging Market in Südamerika ist zweifellos Brasilien. Auch ich bin ein bekennender Fan von Brasilien, und das nicht nur wegen der hübschen Damen mit kleinen Bikinis von der Copacabana. Okay zugegeben, das hilft schon sehr. Aber es gibt viele weitere wirtschaftliche und politische Fakten, die den Zuckerhut interessant machen. Brasilien ist das größte und bevölkerungsreichste Land Südamerikas und das Flaggschiff des Kontinents. Deshalb greife ich Brasilien als Einzelland heraus. Denn wenn Sie etwas über Südamerika lesen bezieht es sich zumeist auf das Land des mehrfachen und amtierenden Fußball-Weltmeisters.

 

Brasilien ist eine föderale Republik aus 26 Bundesstaaten, und besitzt die stärkste Volkswirtschaft Südamerikas. Über 40% der gesamten südamerikanischen Wirtschaftsleistung kommt aus Brasilien, dem fünftgrößten Land der Erde. 2004 stieg das reale BIP um beeindruckende 5,2%. Das war nicht immer so. Nachdem sich Brasilien im Jahr 1985 endlich von einer Militärdiktatur befreit hatte, taumelte das Land bis Ende der 90ziger von einer Währungskrise in die nächste. Die Wende begann 1994 mit den tief greifenden Reformen des Stabilisierungsplans Plano Real von Präsidenten Cardoso, die dann von seinem Nachfolger Lula da Silva fortgesetzt wurden. Nach der Wahl Lulas herrscht zunächst Unsicherheit an den internationalen Kapitalmärkten, ob der politisch links gerichtete Lula den begonnenen Reformkurs zu einer freien Marktwirtschaft weiter fortführen würde. Doch Lula blieb konsequent auf dem eingeschlagenen Weg und wurde damit sogar zum Darling der internationalen Investoren. Seitdem sprudeln die Direktinvestitionen nur so ins Land. 2004 stiegen sie gegenüber dem Vorjahr um 80,1% auf 18,2 Mrd. USD (10,1 Mrd. USD), was immer noch erst ein Bruchteil dessen ist, was nach China floss. Wie erfolgreich die Reformen in Brasilien sind zeigte sich in der jüngsten Argentinienkrise 2001/02. Historisch greifen Krisen eines südamerikanischen Landes immer wie ein Lauffeuer auf den ganzen Kontinent über. So führte beispielsweise die „Tequila-Krise“ in Mexiko 1994 zum berühmt berüchtigten Börsencrash des 12. Januar 1995, der an den südamerikanischen Kapitalmärkten als der „schwarze Dienstag“ bekannt ist. Eine Währungs- und Finanzkrise des Aztekenstaates sprang damals auf andere Staaten über und riss diese mit in den Abwärtsstrudel. Doch in 2001/02 war es anders: Die schlimme Krise, die Argentinien bis an den Rand des Staatsbankrotts brachte, ging an Brasilien weitgehend vorbei. Das zeigt Ihnen, welche beeindruckende eigene Stärke die brasilianische Wirtschaft inzwischen entwickelt hat. Wie in fast allen südamerikanischen Ländern sind der Rohstoffsektor und die Landwirtschaft die treibenden Kräfte für das Wirtschaftswachstum Brasiliens, das über große Ressourcen an Bodenschätzen verfügt. So liegen in den tiefen Gesteinen des Carajás Gebirges die größten Eisen-, Kupfer-, Nickeloder Bauxit-Reserven der Welt. Besonders stark ist Brasilien auch in den Bereichen Öl und Stahl. Beispielsweise kommt mit der Companhia Vale do Rio Doce der Weltmarktführer für Eisenerz, das ein Kernbestandteil der Stahlproduktion ist, aus Brasilien. Obwohl Brasilien das mit Abstand am weitesten industrialisierte Land auf dem südamerikanischen Kontinent ist, steuert die Landwirtschaft immer noch gut 25% zum Bruttoinlandsprodukt bei. Das zeigt Ihnen, wie viel Potenzial noch unter der gelb-grünen Landesfahne schlummert. Ein interessanter Fakt ist, dass der Export mit gerade einmal 25% des Bruttosozialproduktes sehr niedrig ist. Das entspricht ca. 1% des Welthandels. Viel zu niedrig für ein Land, das in den nächsten 20 Jahren in die Reihe der globalen Superstars aufsteigen wird. Für Sie hat dies jedoch 2 sehr gewichtige Vorteile: Erstens ist Brasilien damit nicht so stark wie andere Länder von der Entwicklung der globalen Weltwirtschaft abhängig. Das Land eignet sich also hervorragend als Diversifikationsmöglichkeit für Ihr Depot. Zweitens bietet dieses niedrige Niveau aber auch noch jede Menge Spielraum für zukünftiges Wachstum. So hat Präsident Lula schon in Aussicht gestellt, den Export stärker zu fördern. 2004 stiegen die Exporte gegenüber dem Vorjahr bereits um 17,9%. Die größten Risiken für Brasilien-Anleger liegen im innenpolitischen Bereich. Das Land ist wirtschaftlich fast zweigeteilt: In den wohlhabenden, wirtschaftlich erfolgreichen Süden und den armen Norden. In Brasilien gibt es zudem nur eine unterentwickelte Mittelschicht. Die Menschen sind entweder wohlhabend oder bettelarm. Derzeit leben immer noch ca. 18% der Bevölkerung unterhalb des Existenzminimums. Da in Brasilien Arm und Reich quasi nebeneinander wohnen, gibt es in dem Land hohe soziale Spannungen: Drogen und Bandenkriminalität sind zwei große innenpolitische Probleme. Besonders riskant sind für Sie jedoch die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen 2006. Der amtierende Präsident Lula sah schon wie der sichere Sieger aus, bevor ein schwerer Bestechungsskandal im Sommer 2005 über Lula und seine Partei hineinbrach. Dass dieser Skandal im Jahr vor der Wahl publik wird, kann kaum ein Zufall sein. Sie können also davon ausgehen, dass die Opposition vor der Wahl immer wieder neue Anschuldigungen aus dem Hut zaubern wird. Wie Sie aus Kapitel 2.2. wissen, wird bei solchen Ereignissen in Emerging Markets ganz tief geschossen. Der Schockeffekt des Skandals ist inzwischen in dem brasilianischen Börsenindex Bovespa eingepreist. Aber wenn sich durch neue Anschuldigungen abzeichnet, dass Lula aufgrund dieses Skandals die Wiederwahl verliert, wird das am brasilianischen Aktienmarkt zu volatilen Ausschlägen führen, bis klar ist, wer die Präsidentschaftswahl gewinnt und ob der eingeschlagene Reformkurs weitergeführt wird. Da man jedoch von einer Fortsetzung ausgehen kann, würden Ihnen solche Kursausschläge aller Voraussicht nach gute Einstiegsmöglichkeiten bieten. Der Bovepsa ist der bedeutendste Börsenindex Südamerikas. Fast idealtypisch für einen Emerging Market kommen die wichtigsten Unternehmen im brasilianischen Index aus den klassischen Emerging-Markets-Sektoren: Neben dem Ölmulti Petrobras, dem Aushängeschild des Bovespa, sind das vor allem die Telekomunternehmen Tele Norte Leste und Embratel sowie die Bank Banco Bradesco. An der Börse in São Paulo feiern die Brasilianer jedenfalls seit Jahren eine riesige Samba-Party. Und feiern, das können die Brasilianer. So stieg der Bovespa 2005 auf ein neues Allzeithoch. Doch lassen Sie sich davon nicht täuschen. Fast schon traditionell ist Brasilien nicht nur einer der am günstigsten bewerteten Emerging Markets in Südamerika, sondern auf der ganzen Welt. Neben Brasilien sind in Südamerika vor allem die bevölkerungsreichen Länder Argentinien und Mexiko interessant. Mexiko gehört geographisch natürlich zu Mittelamerika. Aber diese Region ist wirtschaftlich völlig unbedeutend, weshalb Mexiko traditionell zu Südamerika gezählt wird. Das Land ist aufgrund seiner engen wirtschaftlichen Beziehungen zu den USA sehr weit entwickelt und bietet Fondsmanagern daher eine weitere Investitionsmöglichkeit. Der Einbezug von Mexiko in das südamerikanische Investitionsspektrum passiert auf Seiten der Banken also nicht ganz uneigennützig. Bei Mexiko müssen Sie unbedingt die Nähe zu den USA beachten. Mexiko besitzt eine positive Korrelation zu den USA. Läuft die Wirtschaft im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, dann boomt es auch im Aztekenstaat. Wie in 2004, als die mexikanische Wirtschaft um 4,2% wuchs. Wenn die Wirtschaft in den USA allerdings ins Stocken gerät, dann schlägt sich das auch auf den mexikanischen Börsenindex IPC, kurz „Bolsa“ genannt, nieder. Mexiko eignet sich also nicht als Diversifikationsmöglichkeit, wenn Sie schon stark in den USA investiert sind. Das südamerikanische Argentinien mit seinen 39,5 Mio. Einwohnern ist ein hoch spannender aber auch risikoreicher Markt. Nachdem der totale Kollaps 2002 gerade noch verhindert werden konnte, beginnt sich in diesem Land und an der Börse, dessen Index „Merval“ heißt, nun langsam ein Turnaround abzuzeichnen. Aufgrund des niedrigen Ausgangsniveaus war das Wirtschaftswachstum in 2004 mit 9,0% exorbitant. In 2005 und 2006 soll sich das Wachstum deshalb auf 6,2% und dann 4,0% abschwächen, was für Südamerika immer noch sehr hohe Raten darstellt. Dennoch sind Investitionen in dieses Land immer noch als hoch-spekulativ einzustufen. Die anderen Länder Südamerikas zeichnen sich vor allem durch Rohstoffexporte und politische Instabilität sowie sehr hohe Staatsverschuldungen aus. Insgesamt ist Südamerika in 2004 mit bärenstarken 5,6% gewachsen. Auf den Landkarten der Finanzwelt sind vor allem Chile, durch seine gewaltigen Kupfervorkommen, und das gesellschaftlich hoch labile Venezuela, der 8.-größte Ölproduzent der Welt, vermerkt. Aber beide Länder sind aufgrund der hohen Risiken für Investments ungeeignet. Zwar gibt es in den südamerikanischen Ländern außerhalb von Brasilien und Argentinien immer wieder einzelne hervorragende Unternehmen. Da die Börsen jedoch noch unterentwickelt und die Länder politisch instabil sind, sollten Sie von diesen Märkten die Finger lassen. Bolivien, Ecuador, die innenpolitisch hochgradig unsicher sind, sowie Kolumbien bewegen sich seit Jahren nahe einer drohenden Zahlungsunfähigkeit. Venezuela ist erst dabei, sich von seiner schweren Rezession zu erholen und in Peru zeichnen sich soziale Unruhen ab. Bei den großen Börsen in Mexiko und Argentinien gilt es aber zu beachten, dass diese für Emerging Markets-Verhältnisse nicht mehr billig sind. Hier müssen Sie erst Korrekturen abwarten. Brasilien bleibt also in Südamerika Ihre allererste Wahl.

 

Russland Russland ist bei Privatanlegern vor allem für 2 Dinge bekannt: endlose Ölfelder und endlose Korruptionsskandale. Hier sei beispielhaft nur die Yukos-Affäre genannt. Fakt ist, dass Russland jahrelang als der „schlafende Riese“ unter den Emerging Markets galt. Dieses Land besitzt sehr viel Potenzial. Fakt ist aber auch, dass dieser schlafende Riese in den 90ziger Jahren immer weiter geschlafen hat. Erst jetzt beginnt die ehemalige Supermacht Bär langsam wach zu werden, nachdem sich bisher jeder Russland-Hype im Nachhinein nur als das Umdrehen des schlafenden Bärs auf die andere Seite des Bettes erwiesen hatte.

 

Denn nach knapp 70 Jahren kommunistischer Planwirtschaft, musste das neu demokratisierte Russland in den 90zigern bei dem wirtschaftlichen Wandel schmerzhaftes Lehrgeld zahlen. Bis Mitte der 90ziger brach die Industrieproduktion um 50% ein, die Auslandsschulden explodierten während der Rubel in sich zusammenfiel. Zu dieser Zeit soll jeder dritte Russe unter der Armutsgrenze gelebt haben. Inzwischen hat sich das Bild jedoch gedreht, aber noch immer ist Russland eines der Länder, in dem die politischen Entwicklungen immer wieder für massive Unruhe an den dortigen Aktienmärkten sorgen. Dabei steht der russische Bär schon seit Jahren auf dem Sprung in die Reihe der Star-Emerging-Markets unter den NIC-Ländern. Dass dieser Sprung bisher nicht geglückt ist liegt einerseits, wie oben beschrieben, an den wirtschaftlichen Krisen, die das Land seit dem Zusammenbruch des Kommunismus durchleben musste. Zum anderen kommt aber auch die immer noch labile politische Situation hinzu. Neben den wiederkehrenden außenpolitischen Problemen in den russischen Teilrepubliken, beispielsweise der Tschetschenien-Konflikt, liefert auch die Innenpolitik kein Glanzstück von Stabilität ab, das Investoren ruhig schlafen lässt. Diese Unsicherheit trägt vor allem einen Namen. Und der heißt Wladimir Wladimirowitsch. Den kennen Sie nicht? Doch, den kennen sie. Aber wahrscheinlich unter seinem bekannteren Namen Wladimir Putin. An Putin, der im Jahr 2000 Boris Jelzin als Präsident ablöste, und seiner politischen Philosophie scheiden sich die Geister der Politologen und Volkswirte. Das der ehemalige Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB ein extremer Hardliner ist, ist allgemein bekannt. Die Fürsprecher sehen das jedoch keineswegs negativ und halten Putin für einen Verfechter der Marktwirtschaft und der Demokratie. Tatsächlich hat Putin seine Macht genutzt, um überfällige Reformen auf den Weg zu bringen. Die Gegner werfen ihm vor, dass er immer mehr Macht aufsaugt und dabei ihm gefährlich werdende Kontrahenten mit eiserner Hand unterdrückt. Der populärste Beleg ist die Yukos-Affäre. Yukos-Boss Michail Chodorkowskij, ein einflussreicher russischer Oligarch, besaß politische Ambitionen und wurde damit zu einem ernstzunehmenden Gegner Putins. Prompt wurde der kapitalträchtige und einflussreiche Widersacher von Putin knallhart kaltgestellt (Chodorkowskij sitzt im Gefängnis). Diese Furcht, dass Putin die junge Demokratie langsam aber sicher aushöhlt, hängt immer wie dunkle Gewitterwolken über dem russischen Aktienmarkt. Es gibt nicht wenige, die fürchten, dass es unter Putin einen Richtungswandel zurück zu kommunistischen Machtstrukturen geben könnte. Hier wird die Spannung im Jahr 2008 ihren Höhepunkt erreichen. Dann endet die 2. Amtszeit Putins. Wie in den USA darf ein Präsident in Russland jedoch nur zwei Amtszeiten regieren. Damit Putin im Amt bleibt wird es einer Verfassungsänderung benötigen. Sollte der Machtmensch Putin dies anstreben, könnte dies jedoch auf eine weitere Machtkonzentration in den Händen des ehemaligen FSB-Geheimdienstlers hindeuten. Ein unstrittiger Fakt ist allerdings, dass trotz aller Skandale, Kriminalität und Korruption sowie einem vollkommen undurchschaubarem Steuersystem, die Reformen in Russland in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht haben. Hier hat Putin echte Erfolge vorzuweisen, die dazu geführt haben, dass der pragmatische, aber teilweise juristisch und demokratisch bedenkliche Reformkurs des Präsidenten den Namen „Putinomics“ erhalten hat. So ist die Arbeitslosigkeit inzwischen auf einen einstelligen Prozentsatz gesunken. Die Löhne steigen. Die Staatsschulden sind deutlich reduziert worden. Das Rentensystem wurde umstrukturiert. Noch wichtiger: Die volkswirtschaftlichen Rahmendaten haben sich in den letzten Jahren gravierend verbessert: So übersteigen die Währungsreserven die Staatsschulden. Ein klares Zeichen für wirtschaftliche Stabilität. Inzwischen drängt auch das ausländische Kapital ins Land. 2005 stiegen die Direktinvestitionen gegenüber dem Vorjahr um 50% auf 11,7 Mrd. USD. Allerdings sind die wirtschaftlichen Erfolge nicht allein Putins Verdienst, sondern haben noch einen 2. Ursprung: die stark gestiegenen Öl- und Gaspreise. Damit sind wir auch direkt bei den Risiken des russischen Marktes. Und ein Buch über die Risiken erreicht fraglos die Dimension von „Krieg und Frieden“. Zum einen sind Politik und Wirtschaft immer noch eng miteinander verflochten. Tatsächlich sind die extrem einflussreichen Oligarchen mit einer Schattenherrschaft die wahren Machthaber Russlands. Dabei handelt es sich um eine Gruppe ultrareicher Unternehmer, die nach dem Zusammenbruch der UDSSR aufgrund bester politischer Kontakte bei der Privatisierung der staatlichen Unternehmen die ehemaligen russischen Staatsbetriebe unter den fairen Werten zu Schnäppchenpreisen aufkauften und damit reich wurden. Diese Oligarchen haben mit der politischen Elite Moskaus ein stillschweigendes Abkommen: Solange die Oligarchen dem Kreml nicht in die Politik funken, können sie in einer Grauzone tun und lassen, was sie wollen. Yukos-Boss Chodorkowskij brach diese Vereinbarung und wurde dafür sofort aus dem Verkehr gezogen. Das bedeutet jedoch, dass die Oligarchen ihre eigenen Interessen verfolgen, ohne dabei staatliche Repressionen befürchten zu müssen. Für ausländische Kleinanleger und sogar Großanleger kann das sehr gefährlich sein, wenn man an der Börse auf der falschen Seite positioniert ist. Dann wird Russland trotz aller Reformerfolge von einem Steuerdschungel und einer Bürokratie erdrückt, gegen die selbst das deutsche Beamtentum wie ein Formel-1-Rennstall wirkt. Zudem ist die Wirtschaftsentwicklung von Russland, dem größten Erdölexporteur der Welt, stark vom Preis des schwarzen Goldes abhängig. Tatsächlich machen die Verkäufe von Öl, Gas und Metallen knapp 70% der Exportumsätze des flächenmäßig größten Landes der Erde aus. Die Weltbank hat errechnet, dass das russische Bruttoinlandsprodukt zu 25% vom eigenen Ölsektor abhängig ist. Das ist natürlich eine ungesunde Schieflage, die aber auf der anderen Seite bei steigenden Ölpreisen zu massiven Wachstumssprüngen führt.

 

Chart 9: Vergleich der Kursverläufe des RTS-Index und der Ölsorte Brent Crude zwischen 1996-2005

 

Quelle: Market Maker

 

Wie Sie im Chartbild eindrucksvoll sehen können, folgt der RTS (schwarz) dem Ölpreis (grau), hier die Sorte Brent Crude, auf dem Fuße. Sie sehen, dass die Rallye des RTS seit 2001 mit dem gleichzeitigen Beginn der Ölhausse startete.

 

Was Russland für internationale Investoren so spannend macht, ist die extrem günstige Bewertung, da sich internationale Anleger bisher aufgrund der politischen Risikofaktoren mit ihren Investments zurückgehalten haben. Sie suchen einen unterbewerteten Markt? Wie wäre es damit: Der gesamte russische Kapitalmarkt ist aufaddiert mit einer Marktkapitalisierung von gut 240 Mrd. USD gerade einmal so teuer wie das britische Ölunternehmen BP alleine. Sie kriegen also für den gleichen Preis entweder einen einzigen Ölkonzern oder ganz Russland mit all seinen Öl- und Gasreserven. Was würden Sie lieber kaufen? Wenn Sie sich also für den russischen Aktienmarkt interessieren, dann müssen Sie aber 3 Dinge wissen. 1. Die russische Börse wird von Rohstoff-Unternehmen, vornehmlich Öl- und Gaskonzernen, dominiert. Das hat einen großen Vorteil: Der russische Markt korreliert positiv mit einem steigenden Ölpreis und damit negativ mit westlichen Börsen, die traditionell von einem starken Ölpreis belastet werden. Hier wird es sich sehr positiv auf die russische Wirtschaft auswirken, dass die Öl- und Gasreserven in Russland deutlich erhöht worden sind. So verfügt das Land der Zaren über 20% der weltweiten Rohöl- und sogar 35% der weltweiten Erdgas-Reserven. Ein phantastisches Fundament für kommendes starkes Wachstum der rohstofflastigen russischen Wirtschaft. 2. Worte wie „Aktionärsschutz“, „Corporate Governance“ oder „Unternehmenstransparenz“ sind in Russlands Börsenkultur immer noch ein Fremdwort. Wenn Sie nicht auf die großen, etablierten, internationalen Firmen Lukoil oder Gazprom setzen, für die es Unternehmensanalysen großer Investmenthäuser gibt, bewegen Sie sich auf dünnem Eis. Bei kleinen Firmen ist es kaum möglich, seriöse Informationen zu erhalten. 3. Der Kapitalmarkt in Russland ist noch zersplittert. So gibt es keinen eigentlichen Leitindex, wie etwa der Bolsa in Mexiko. Am häufigsten wird der RTS-Index des Russian Trading Systems, einer 1995 ins Leben gerufenen elektronischen Handelsplattform, als Benchmark herangezogen. Allerdings spiegelt der RTS-Index die russische Wirtschaft nur sehr ungenau wider, obwohl das ja eigentlich das Ziel eines Index sein sollte. So sind einige der größten russischen Unternehmen wie Vimpel oder Gazprom in dem Index nicht enthalten. Zudem gibt es in Russland starke Handelsbeschränkungen für ausländische Investoren. Daher haben die pfiffigen Österreicher an der Wiener Börse einen eigenen Index namens RTX („Russian Traded Index“) entwickelt. Wenn Sie also Zertifikate auf dem russischen Aktienmarkt handeln wollen, dann basieren diese auf dem österreichischen RTX und nicht auf den russischen RTS, wobei die Indizes in ihrer Zusammensetzung nicht identisch sind und sich daher unterschiedlich entwickeln. Russland besitzt also wirklich alles, was einen Emerging Market ausmacht: Niedrige Börsenbewertungen, gute Zukunftsperspektiven, da der Ölpreis langfristig steigen wird, aber auch jede Menge innenpolitische und wirtschaftliche Risiken. Wenn Sie mit dem russischen Bären tanzen, dann müssen Sie auf brutal heftige Kursausschläge gewappnet sein. Daher sollten Sie das ehemalige Zarenreich nur als risikoreiche Anlage beimischen. Im Gegensatz zu vielen Bankhäusern halte ich Russland aufgrund der hohen Risiken auf allen Ebenen als Kernmarkt für ungeeignet. Hier sollten Sie Osteuropa vorziehen. Als spekulative Beimischung ist Russland allein aufgrund seiner positiven Korrelation zum Ölpreis aber ein Muss.

 

Osteuropa Wenn man von Osteuropa spricht, dann denken die meisten Anleger an Polen, Tschechien und Ungarn. Aber das ist nicht korrekt, denn unter Osteuropa verstehen Emerging-Markets-Experten alle ehemaligen UdSSR-Republiken exklusive Russland und den russischen Republiken. Oftmals wird auch die Türkei aufgrund der laufenden Verhandlungen über einen Beitritt in die EU dazu gezählt. Nach meiner Meinung ist das nicht richtig. Aufgrund der islamischen Gesellschaftsstrukturen und der geografische Lage (lediglich 3% der Gesamtfläche der Türkei liegt in Europa, 97% liegen auf dem asiatischen Kontinent) zähle ich die Türkei de facto zum Bereich „Naher Osten“. Ob das Land von Atatürk nun dazu gerechnet wird oder nicht – es besteht kein Zweifel, dass sich die osteuropäischen Länder wirklich beeindruckend entwickelt haben. Osteuropa kann man in 2 Gruppen unterteilen. In der 1. Liga finden Sie die neuen EUMitglieder und Anreinerstaaten an westeuropäische Länder. Dies sind Polen, Tschechei, Ungarn sowie Estland, Lettland und Litauen, wobei die Börsen der 3 letztgenannten Länder im internationalen Kapitalmarkt keine Rolle spielen. Wie wichtig der EU-Beitritt für diese Sechs war zeigt sich darin, dass diese Länder inzwischen über 85% ihrer Exporte und über 70% ihrer Importe mit den westeuropäischen Staaten abwickeln. Die 2. Liga besteht aus Ländern, die unbedingt in die 1. Liga aufsteigen wollen, aber noch nicht da sind. Dazu zählen natürlich Bulgarien und Rumänien, deren Beitrittsverhandlungen bereits abgeschlossen sind, und die beide am 1. Oktober 2007 in die EU aufgenommen werden sollen. Weiterhin setzt sich die 2. Liga aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawien, wie z.B. Kroatien, zusammen. Ich zähle auch noch die Ukraine dazu. Die Ukraine ist die weitest fortgeschrittene Splitterrepublik der ehemaligen UDSSR und bewirbt sich ebenfalls um eine EU-Aufnahme. Da dieses Buch leider nur einen Überblick geben kann, konzentrieren wir uns im Folgenden auf Polen und die 3 osteuropäischen Flaggschiffe, die an der Börse die größte Aufmerksamkeit genießen. Hier sieht die Zukunft sehr viel versprechend aus: Die Wachstumsraten für die Volkswirtschaften der 3 großen Vorreiter werden in den kommenden Jahren zwischen 3,0% und 5,5% liegen. Solche Steigerungen können wir uns hier in Deutschland nur mit dem Fernrohr anschauen. Die Wirtschaftserfolge Osteuropas basieren primär auf 2 Standbeinen: Dem boomenden Export nach Westeuropa und den ständig steigenden Direktinvestitionen westlicher Konzerne. Kein Wunder, denn die Entwicklungen sind ungebrochen positiv. So stabilisieren sich die osteuropäischen Ländern auf der volkswirtschaftlichen Ebene immer weiter, z.B. durch rückgängige Inflationen und sinkende Wechselkurs-Verhältnisse der Währungen gegenüber dem USD.

 

Polen

 

Unser östlicher Nachbar ist das Aushängeschild für den erfolgreichen Aufstieg eines Emerging-Markets-Landes. Tatsächlich gehört die polnische Börse zu den Top-Performern der Emerging-Markets der letzten 15 Jahre. Polen, das nach der Börsenkapitalisierung und mit über 200 gelisteten Aktiengesellschaften den größten Aktienmarkt in Osteuropa besitzt, trägt unter den osteuropäischen Ländern die Kapitänsbinde. Doch diese Ehre ist eher historischer Natur. Schon Anfang der 80ziger gab es in Polen mit der „Solidarnosc“- Bewegung starke, demokratisch orientierte Reformkräfte. 1989 fanden in Polen die ersten demokratischen Wahlen des Ostblocks statt.

 

 

Polen Der Leitindex der Börse Warschau heißt „WIG 20“. Alternativ hat die innovative Börse Wien den „Polish Traded Index“ (PTX) ins Leben gerufen. Der in Euro berechnete PTX umfasst 10 der größten polnischen Aktien. Diese 10 Aktien machen immerhin satte 52% der Marktkapitalisierung des gesamten polnischen Aktienmarktes aus. Insofern kann der PTX, trotz seiner geringen Anzahl an Werten, durchaus als repräsentativ für den polnischen Markt angesehen werden. Die größten Werte sind Telekomunikacja Polska, PKN Orlen, ein Rohstoff-Konzern, und die Bank Pekao. Polen ist wie sein großes Vorbild Deutschland ein Exportland. Allerdings gibt es dabei einige Probleme. Historisch ist die polnische Wirtschaft durch eine dominierende Landwirtschaft geprägt. Aber die ehemals mächtige Agrarwirtschaft ist aufgrund fehlender technischer Standards nicht produktiv genug und damit international kaum noch konkurrenzfähig. Es wird in Polen daher einen Wandel geben, von einer durch Planwirtschaft künstlich am Leben gehaltenen Agrargesellschaft zu einer klassischen Dienstleistungsgesellschaft. Aber dieser Wandel wird noch einige Zeit dauern. Die dadurch entstandenen gewaltigen Veränderungen sind einer der Hauptgründe das wahrscheinlich größte Problem Polens. Die extrem hohe Arbeitslosigkeit von knapp 18%. Allerdings zeigen sich seit 2003 Tendenzen, dass sich das Wirtschaftswachstum langsam auch auf den Arbeitsmarkt durchschlägt und zu einer sinken Arbeitslosenquote führt. Das heißt jedoch nicht viel: Für nächstes Jahr erwartet man immer noch eine äußerst hohe Arbeitslosigkeit von 15,0%. Aber dadurch wird sich die Inlandsnachfrage weiter beleben, was sich positiv auf die Konjunkturentwicklung auswirkt und zudem die Abhängigkeit vom Export etwas reduziert. Das größte volkswirtschaftliche Problem besteht in der hohen Staatsverschuldung.

 

Tschechien

 

Tschechien steht Polen in seinem Wirtschaftsaufschwung in nichts nach. In 2004 wuchs die tschechische Wirtschaft um 4,4%. Für 2005 und 2006 liegen die Schätzungen bei ähnlich dynamischen Wachstumsraten von 4,2% und 4,3%. Getragen von einem klassischen Exportboom haben die Regionen Böhmen, Mähren und Schlesien einen phantastischen Aufstieg erlebt. Tschechien ist ein Musterbeispiel der Vorteile, die der EU-Beitritt für einen osteuropäischen Emerging Market haben kann. Inzwischen gehen ca. 70% der Exportwaren in EU-Länder. Über 30% davon werden nach Deutschland verfrachtet. Dazu wird das Land von massiv ansteigenden Direktinvestitionen ausländischer Firmen getragen. Das ist aus Sicht der westlichen Unternehmen verständlich: Hier finden sich gut ausgebildete Arbeitskräfte zu deutlich geringeren Lohnkosten als in den westeuropäischen Ländern. So liegen die Stundenlöhne in Tschechien derzeit ca. 80% unter den Lohnsätzen in Deutschland, obwohl die Löhne in den letzten Jahren angestiegen sind. Das beflügelt jetzt langsam auch die eigene Binnenwirtschaft der 10,2 Mio. Einwohner. Die größten wirtschaftlichen Probleme in Tschechien sind das hohe Leistungsbilanzdefizit und eine Arbeitslosigkeit von 10%. Wie die polnische Börse hat auch der tschechische Kapitalmarkt das Problem, dass es nur eine sehr kleine Anzahl an Aktien mit ausreichender Größe und Liquidität gibt. Dabei ist die Lage im tschechischen Index „PX50“ (Prague Stock Exchange 50 Index) noch dramatischer. Denn beim PX50, der übrigens inzwischen nur noch 30 Aktien besitzt, machen die 4 Werte CEZ, Cesky Telecom, Erste Bank und Komercni Bank sage und schreibe 75% der gesamten Marktkapitalisierung aus. Auch hier hat die Wiener Börse einen Parallelindex namens „Czech Traded Index“ (CTX) aufgelegt, der sich aus 7 tschechischen Blue Chips zusammensetzt.

 

 

Ungarn

 

Aber die Verhältnisse an den Börsen in Polen und Tschechien sind noch gar nichts gegen den ultra-marktengen ungarischen Kapitalmarkt. Ungarn steht meist im Schatten der beiden anderen osteuropäischen Erfolgsstorys. Doch dies geschieht völlig zu Unrecht. So ist Ungarn das einzige Land, das seit 1996 in jedem Jahr ein positives Wachstum generieren konnte. Einen solchen Erfolg können sich weder Polen noch Tschechien auf die Fahnen schreiben. In 2004 wuchs das ungarische BIP um 4,2% und soll sich in 2005 und 2006 auf einem hohen Niveau zwischen 3,5%-4,0% einpendeln. Zudem kann Ungarn bei 10,0 Mio. Einwohnern eine vergleichsweise geringe Arbeitslosigkeit von 6,0% aufweisen, auch wenn die Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren leicht steigende Tendenzen aufgewiesen hat. Zum Vergleich: Die Arbeitslosigkeit der anderen neu beigetretenen EU-Länder liegt durchschnittlich bei ca. 14%. Die ausländischen Direktinvestitionen weisen wie bei den beiden anderen Ländern eine anhaltend hohe Dynamik auf. Aber auch in Ungarn gibt es Probleme. Das Hauptproblem ist ganz klar das anhaltend hohe Defizit in der Leistungsbilanz (-8,8 Mrd. USD in 2004). Zudem klafft ein mächtiges Loch in der Größe eines Asteroidenkraters im Staatshaushalt. Diese Schieflage wird durch immer noch immens hohe Zinssätze, die Ungarn seinen Kreditgebern zahlen muss, weiter belastet. Wie alle osteuropäischen Börsen hat auch der ungarische Leitindex „BUX“ (Budapest Stock Index) in den letzten Jahren eine sagenhafte Performance hingelegt. Die Sache hat nur einen Haken. Von den 12 im BUX enthaltenen Aktien machen die 4 Werte Matáv, Mol, OTP Bank und Gedeon Richter unglaubliche 88% der gesamten Marktkapitalisierung aus. Die Wiener-Variante heißt übrigens „Hugarian Traded Index“, kurz „HTX“. Beim HTX decken 9 Werte 80% der ungarischen Marktkapitalisierung ab.

 

 

Es bleibt also festzuhalten: Wer in Emerging Markets investieren will, der muss in Osteuropa aufgestellt sein. Der Fokus sollte dabei auf den 3 großen Ländern der ersten Reihe liegen. Länder aus der 2. Reihe, wie beispielsweise Rumänien, dienen nur als spekulative Beimischung, sind aber sehr aussichtsreich. Als hervorragende Investmentalternative für den Kauf einzelner Aktien aus Polen, Tschechien und Ungarn haben sich Zertifikate auf den so genannten „CECE“-Index bewährt. Der CECE-Index ist ein künstliches Konstrukt, das sich aus insgesamt 27 Aktien aus dem PTX, dem CTX und dem HTX zusammensetzt. Da in den 3 osteuropäischen Führungsländern wie oben erwähnt jedoch einige wenige Werte die Börsen dominieren, reichen die 27 Aktien völlig aus, um die Märkte hervorragend abzudecken. So bietet Ihnen der CECE-Index also die Chance, durch den Kauf eines einzigen Zertifikates in alle drei Premium-Märkte Osteuropas einzusteigen. Die Gewichtung ist sehr gut diversifiziert: Polen ist mit einem Anteil von ca. 45%, die Tschechei mit 31% und Ungarn mit 24% gewichtet.

 

Chart 10: Kursverlauf des osteuropäischen CECE-Index zwischen 2003-2005

 

Quelle: Market Maker

 

So sehen Sieger aus. Osteuropa ist bei internationalen Anlegern seit Jahren en vouge. Der CECE-Index ist der lebende Beweis dafür, dass Sie sich mit Fonds oder Zertifikaten auf künstlich kreierte Indizes, die sich aus verschiedenen Ländern zusammensetzen, eine goldene Nase verdienen können.

 

Allerdings muss Ihnen klar sein, dass Osteuropa schon sehr gut gelaufen ist und einen Teil seiner Unterbewertung gegenüber den westeuropäischen Börsen bereits abgebaut wurde. Dafür sind diese Märkte natürlich aber auch wesentlich stabiler als z.B. die Tigerstaaten (exklusive Südkorea). In den kommenden Jahren wird für die osteuropäischen Länder immer noch ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 4% pro Jahr erwartet. Das Potenzial ist also gegeben, vor allem wenn risikofreudige Anleger einen geschickten Mix aus den 3 großen Staaten und den aufstrebenden Ländern der 2. Liga bilden.

 

Südkorea und Tigerstaaten Unter den Begriff der „Tigerstaaten“ fallen primär die südöstlichen Asienstaaten wie Indonesien, Malaysia, Singapur, Taiwan, Thailand oder auch Vietnam. Dazu gehört auch Südkorea, das wie ein Riese unter Zwergen herausra

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