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Brexit wird vor allem für Deutschland teuer

Die EU-Kommission will den Brexit für Großbritannien offenbar so teuer wie möglich machen. Und schießt sich damit ins eigene Knie.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sagte am Dienstag vor dem belgischen Senat in Brüssel, dass sich Großbritannien bei seinem geplanten Austritt aus der EU auf hohe Geldforderungen aus Brüssel einstellen müsse. Zitat: Die Austrittsrechnung werde „sehr gesalzen sein“.

Absurde Forderungen aus Brüssel

Hier geht es wohl darum, dass Großbritannien trotz des 2019 erwarteten Austritts weiterhin Zahlungen an die EU leistet, also etwa langfristige Zusagen für den EU-Haushalt oder Pensionszahlungen für europäische Beamte leistet.

Nach Angaben aus EU-Kreisen handelt es sich hier um eine Größenordnung von bis zu 60 Milliarden Euro.

Ich weiß nicht, in welcher Welt Herr Juncker lebt, aber warum sollte Großbritannien weiter für die EU zahlen, wenn es kein Mitglied mehr ist?

Zahlen Sie weiter Beiträge für Ihre alte Krankenkasse, nachdem Sie längst die Versicherung gewechselt haben? Was hat die EU anzubieten, damit London auf diesen Unsinn eingeht?

Neben einer saftigen Rechnung kündigte Jean-Claude Juncker den Briten „schwierige Verhandlungen“ an, die „Jahre dauern werden“. Der EU-Austritt könne dabei nicht „zu reduzierten Kosten oder gar keinen Kosten“ erfolgen.

Gleichzeitig sagte er auch, die Verhandlungen mit Großbritannien sollten „nicht mit einem von Feindseligkeit erfülltem Herzen“ geführt werden.

Schon klar. Solange eine austrittswillige Nation weiter schön Zahlungen an die EU leistet, muss sie (noch) nicht als Feind behandelt werden.

Juncker führte weiter aus, dass London die vier EU-Grundfreiheiten respektieren müsse, wenn es weiter von den Vorteilen des europäischen Binnenmarktes profitieren wolle.

Dazu gehört eigentlich auch die Arbeitnehmer- und Niederlassungsfreiheit für EU-Bürger.

Die EU hat den Brexit noch immer nicht verstanden

Hier hat Juncker offenbar nicht die Ursache für den Brexit verstanden. Eine Mehrheit der Briten hatte sich für den EU-Austritt ausgesprochen, um wieder die volle nationale Souveränität zurückzuerlangen und sich gerade in Einwanderungsfragen nicht länger von Brüssel hineinreden zu lassen.

Welchen Sinn würde der Brexit für Großbritannien machen, wenn es für die Vorteile der EU (Binnenmarkt) künftig zahlen müsste, gleichzeitig aber die Nachteile (Fremdbestimmung aus Brüssel; Zahlungen an Brüssel, aber ohne Leistungsanspruch aus EU-Töpfen) weitgehend behält?

Offenbar hat Herr Juncker auch nicht verstanden, dass das Freihandelsabkommen zwischen UK und USA den Briten bereits einen sehr attraktiven Marktzugang ermöglicht und die EU für wirtschaftlichen Wohlstand nicht mehr zwingend vonnöten ist.

Umgekehrt schaut die Sache anders aus. Wo ist der attraktive Ersatz-Kandidat für die EU, der die Lücke Großbritanniens ausfüllt? Die Ukraine vielleicht?

Hauptverlierer der Brüsseler Machtspielchen ist Deutschland

Der Hauptverlierer dieser dümmlichen Machtspielchen aus Brüssel ist noch nicht einmal Brüssel selbst, sondern Deutschland, welches einen der wichtigsten Exportmärkte innerhalb der EU verliert.

Sicher, Deutschland könnte mit Großbritannien theoretisch ein bilaterales Handelsabkommen schließen. Doch genau das wird die EU zu verhindern wissen, da diese ein Monopol auf solche Verträge für sich in Anspruch nimmt.

EU-Haushaltskommissar Günther Oettinger beziffert die Verluste für Deutschland aus dem geringeren Außenhandel auf eine Milliarde Euro pro Jahr.

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Unterdessen scheint sich der Brexit für Großbritannien immer mehr zum Erfolgsmodell zu wandeln. Nach dem Freihandelsabkommen mit den USA wollen sich immer mehr große Unternehmen in dem neuen Markt ansiedeln.

Von den 15.000 neuen Stellen, die Amazon in Europa schaffen will, sollen allein 5.000 in Großbritannien geschaffen werden (nur 2.000 in Deutschland).

Wegen der „Vorteile durch den Brexit“ sei in Großbritannien ein überproportionaler Stellenaufbau vorgesehen.

Fazit: Für Brüssel geht es beim Brexit darum, maximale Abschreckung in Bezug auf weitere austrittswillige Kandidaten (Frankreich, Holland, Italien, Finnland) zu produzieren, um einen weiteren Zerfall zu verhindern. Gerne auch zum Nachteil der eigenen EU-Bürger.

Der bessere Weg für alle Seiten wäre…

Der richtige Weg wäre, für die verbliebenen Mitglieder attraktiver zu werden, indem man über mögliche Austrittsgründe nachdenkt und diese beseitigt.

Mit dem eingeschlagenen Weg wird der weitere EU-Zerfall nur beschleunigt, da eine Mitgliedschaft umso unattraktiver wird, je kleiner der Wirtschaftsraum ist.

Mit Großbritannien hat sich bereits ein zahlungskräftiges Mitglied mit einem großen Wirtschaftsraum verabschiedet.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis weitere Länder folgen werden. So hält Brüssel den eigenen Zerfall bestimmt nicht auf. Hier droht auch Gefahr für die europäische Wirtschaft und damit Ihre Aktienanlagen in Europa.

Offenlegung gemäß §34b WpHG wegen möglicher Interessenkonflikte: Der Autor ist in den besprochenen Wertpapieren bzw. Basiswerten dieser Ausgabe investiert.

 

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Über den Autor
170407 Invest Voigt 72 04
Henrik Voigt

Henrik Voigt hat an der renommierten TU Dresden Wirtschaftsingenieurwesen studiert und als einer der Jahrgangsbesten sein Studium abgeschlossen. Seit Februar 2009 obliegt ihm die Chefredaktion für den überaus erfolgreichen Börsenbrief DAX Profits.

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