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Brexit: Wieviel kostet es, wenn die Briten in der EU bleiben?

Viel wurde im Vorfeld des EU-Referendums der Briten darüber spekuliert, wieviel ein Brexit sowohl die Briten als auch uns restliche Europäer kosten könnte. „Teuer für alle Seiten“, so das Credo. Richtig.

Aber nirgendwo habe ich gelesen, dass sich irgendjemand Gedanken darüber gemacht hätte, wie viel es die EU-Europäer in Zukunft kosten könnte, die Briten weiterhin im Club zu behalten.

Gestatten, der Brite, die personifizierte Ausnahme

Die Briten leider unter einer Identitätskrise. Gestern noch ein Weltreich, heute Teil der EU, da kann man schon mal die Krise kriegen. Leider führt das bei einem großen Teil der Briten zu dem Wunsch eine Mauer um ihre Insel zu bauen.

Ich verstehe das, solche Tendenzen kenne ich auch von meinem 3-jährigen. Wenn er ins Bett gehen soll, ist er schwer beleidigt, wirft sich schreiend auf den Fußboden und versucht hernach Sonderkonditionen (doppelt so viele Gutenachtgeschichten, Autos mit ins Bett nehmen usw.) auszuhandeln.

Meistens erhält er 1-2 Zugeständnisse. Ich will es mir mit ihm ja schließlich nicht verscherzen und meistens beschleunigt sich dann auch der Zu-Bett-Geh-Vorgang.

Tja, die Briten haben sich in der letzten Zeit wirklich schwer auf dem Boden gewälzt.

Was folgt? Nun zum Redaktionsschluss stand das Wahlergebnis noch nicht fest. Aber die Märkte befinden sich eher in positiver Stimmung, das Pfund kann gegenüber dem US-Dollar zulegen – die Wahrscheinlichkeit ist also höher, dass die Briten uns erhalten bleiben. Wenn auch nur knapp.

Also was folgt logischerweise? Wenn die Briten bleiben, werden sie als nächstes versuchen neue Sonderkonditionen mit der EU auszuhandeln.

Großbritannien, die lebende Sonderkondition

Das können sie im Übrigen ziemlich gut, die Briten. Sonderkonditionen sind fast schon ihr Markenzeichen. Schon 1984 sorgte beispielsweise die „Eiserne Lady“ Maggie Thatcher für den berühmten Britenrabatt.

Weil die Briten ja keine Agrarwirtschaft haben und deshalb angeblich kaum von den Agrarsubventionen profitieren, wurde ihre Beitragssumme mal eben um 2/3 Drittel gekürzt. Die Ausfälle schultern im Übrigen hauptsächlich Italien, Spanien und Frankeich. Das sind nebenbei bemerkt die Länder, welche den Briten die Gurken, Erdbeeren und den Weizen auf den Teller liefern.

Diese Sonderkondition sorgt im Übrigen dafür, dassGroßbritannien pro Kopf der kleinste Nettozahler der gesamten EU ist. Alle anderen zahlen mehr pro Kopf ein. Am meisten Dänemark, Luxemburg und Schweden.

Und auch die absolute Belastung ist für ein Land, das sich doch so seiner wirtschaftlichen Stärke rühmt nicht besonders hoch. Liegt knapp über jener der Niederlande und Italiens. Natürlich können sich die Briten da nicht mit Deutschland und Frankreich messen, die unangefochten die größten Nettozahler der EU sind.

Aber Geld ist ja nicht alles. Angst ist manchmal auch ein sehr beherrschender Ratgeber. Und weil die Briten Angst davor haben, sie könnten politisch mit dem Rest Europas zusammenwachsen, sind sie nun auch nicht mehr „zu einer weiteren politischen Integration verpflichtet“.

Aha! Was soll das heißen? Ab sofort passt sich der Kontinent der Insel an? Wo kommen wir da hin? Sprechen wir dann plötzlich alle englisch miteinander?

Außerdem würden die Briten ja gerne mehr Vetorechte in der EU ausüben. Das hat aber mehr mit dem Schutz ihres Ausnahme-Finanzplatzes London zu tun, als alles anderes. Das verstehe ich wiederum sehr gut.

Der Ausnahme-Finanzplatz funktioniert eben nur, wenn er nicht durch doofe EU-Regularien blockiert wird. Und dass die Briten diesen Finanzplatz unter allen Umständen schützen wollen, verstehe ich auch sehr gut. Schließlich ist er die größte Stütze ihrer Wirtschaftskraft.

Allerdings ist die Produktion von Derivaten leider nicht ganz so nachhaltig wie die von Maschinen und Autos. Deshalb hat es Großbritanniens Wirtschaft mit einer schwachen Leistungs- und Handelsbilanz, sowie einer hohen Arbeitslosigkeit zu tun.

Da ist klar, dass man dann neben den vielen Einwanderern aus den ehemaligen Kolonien, nicht auch neue Einwanderer aus Kontinental-Europa haben, geschweige denn finanzieren will. Müssen die Briten jetzt auch nicht mehr.

Dafür sorgt eine weitere Ausnahmeregelung, die der famose Cameron ausgehandelt hat. EU-Ausländer können für 4 Jahre von den staatlichen Leistungen ausgeschlossen werden. Das können vermutlich noch recht viele Steuerzahler in den Nettozahler-Ländern der EU nachvollziehen.

Die Sonderregelung gilt aber nur für Großbritannien. Und sollte es daraus Konsequenzen, also Verschiebungen bei den Bewegungen der EU-Arbeitsuchenden geben, dann werden diese von den übrigen EU-Staaten getragen werden müssen.

Großbritannien, frag nicht was die EU für dich tun kann, frag was Du für die EU tun kannst

Es lässt sich heute noch nicht absehen, geschweige denn beziffern, wie viel ein Bremain, also ein Verbleib der Briten in der EU, jene an Zugeständnissen kosten wird. Aber diesen Preis werden die Briten einfordern. Das ist sicher.

Weitere Zugeständnisse, politische Ausnahmen, finanzielle Rabatte – das alles wird die EU noch weiter aufweichen.

Und es wird noch weitere Schwächen des dysfunktionalen und desolaten Systems der EU heraufbeschwören.

Es ist fast schon Ironie. Doch am Ende macht ein Bremain nur ein weiteres Mal deutlich: Die EU funktioniert nicht. Nicht so wie sie sollte zumindest.

Doch Großbritannien hat leider gar nichts dafür getan, das zu ändern!

Ich erinnere mich immer gerne an dieses herrliche Lied Bruttosozialprodukt von Geier Sturzflug…kennen Sie das noch?….ich war noch sehr klein, doch der Refrain hat sich in mein Gedächtnis gebrannt….“WIR steigern das Bruttosozialprodukt, denn jetzt wird wieder in die Hände gespuckt.“

….oder wie mein Opa zu sagen pflegt: Von Nichts, kommt nichts…also, liebe Briten, weniger monieren und lieber die Probleme anpacken…..für echte EU-Reformvorschläge sind mit Sicherheit auch die anderen EU-Bürger sehr zu haben…

 

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Über den Autor Miriam Kraus

Miriam Kraus ist eine freiberufliche Finanzanalystin, deren besondere Kennzeichen die hartnäckige Recherche und ein Gespür für wesentliche Aspekte sind.

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