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Der Brexit – Erfolgsmodell für Großbritannien?

Ich erinnere mich noch gut an die Häme und Hetze in den hiesigen Mainstream-Medien, als die Briten es im vergangenen Jahr in einer freien Wahlentscheidung unter ungewöhnlich hoher Wahlbeteiligung wagten, sich mehrheitlich für einen Austritt aus der EU auszusprechen.

Seither sind die abwertenden und realitätsverdrehenden Artikel aber nicht weniger geworden. Grundtenor: Die Briten hätten eingesehen, dass die Brexit-Entscheidung falsch war.

Sie bemühen sich jetzt, wenigstens den Austritt aus dem Binnenmarkt zu vermeiden. Die Banken bangen um ihr Geschäft auf dem Kontinent. Was für ein Blödsinn!

Die Mainstream-Presse liegt schon wieder völlig daneben

Aber wie sieht es eigentlich in Großbritannien wirklich aus? Kernpunkt der Mainstream-Propaganda war, dass die Briten ohne die EU und bereits durch den bloßen Austrittwunsch fortan in Höhlen leben müssten.

Komischerweise ist das genaue Gegenteil der Fall. Das hat verschiedene Ursachen, die nicht alle mit der EU zusammenhängen. Doch kommt es auf das Ergebnis an.

Überraschend ist die Stärke des britischen Aufschwunges gerade angesichts der angeblichen Brexitkrise allemal.

Großbritannien wächst stärker als die Eurozone

Im Gesamtjahr 2016 ist das reale BIP in Großbritannien mit 1,8 % stärker gestiegen als im Euroraum (1,6 %). Inzwischen hat das UK ein reales BIP erreicht, welches bereits wieder um 7 % über dem Vor-Finanzkrisenniveau liegt.

Der Euroraum konnte im letzten Jahr gerade wieder das damalige Level erreichen. Die Eurokrise 2012 samt ihren teuren Rettungspaketen hat diesen weit zurückgeworfen

In diesem Jahr wird das britische Wachstum voraussichtlich noch mehr zunehmen. Zuerst beflügelte das schwache britische Pfund, es werte nach der Brexit-Entscheidung in kurzer Zeit um bis zu 18% ab – den Dienstleistungssektor (hier vor allem den Tourismus) und die Exportindustrie.

Inzwischen werde durch die Schwachwährung aber auch lange brachliegende Sektoren wie die Stahl- oder Autobranche (namentlich Jaguar Land Rover) wieder konkurrenzfähig.

Britische Arbeitslosenquote auf dem tiefsten Stand des Jahrzehnts

In diesen Sektoren herrschte lange Zeit eine hohe Arbeitslosigkeit. Jetzt entstehen hier plötzlich wieder Arbeitsplätze!

Großbritannien hat derzeit eine Arbeitslosenrate von nur 4,8 Prozent – eine der niedrigsten in ganz Europa und gleichzeitig der niedrigste Stand dieses Jahrzehntes. Damit sind die Briten fast an der Vollbeschäftigung.

Exporte, Dienstleistungen, Schwerindustrie und Konsum boomen

Die Konsumenten haben sich entgegen aller Schwarzmalerei wegen dem Brexit nicht zurückgehalten, sondern stattdessen weiter kräftig konsumiert.

Der private Konsum wuchs im dritten Quartal 2016 mit einer Jahresrate von 2,8 % real. Dies führte zu einer stabilen Binnenkonjunktur.

Das neue Freihandelsabkommen dürfte diesen Binnenmarkt nochmals um ein Vielfaches vergrößern und damit ganz neue Dimensionen ermöglichen!

Freilich, das schwache Pfund hat auch eine Kehrseite. Großbritannien importiert massiv Inflation. Die wiederum schmälert die Kaufkraft der Konsumenten und macht eine straffere Geldpolitik notwendig.

Insgesamt fällt die Brexit-Bilanz für das Land jedoch bisher ungeahnt positiv aus und straft damit die Schwarzmaler Lügen.

Die EU sollte die Briten nicht als Bittsteller behandeln

Ist es bei dieser exzellenten britischen Verhandlungsposition zielführend für die EU, bei den Brexit-Verhandlungen auf dem hohen Ross zu sitzen und die Briten als Bittsteller betrachten?

Liegt es nicht vielmehr im Interesse beider Seiten, ein vernünftiges Handelsabkommen hinzubekommen?

Erst recht im deutschen Interesse, wo 7,5% der gesamten Exporte nach Großbritannien gehen (die sich zuletzt für britische Käufer schon massiv verteuert haben).

Oder können wir nach Russland auf einen weiteren großen Exportmarkt wegen politischer Differenzen verzichten? Was kommt dann als nächstes – die USA, die mit 10% unsere Exporte den größten deutschen Absatzmarkt darstellen?

Gerade für Deutschland ist Großbritannien ein enorm wichtiger Exportmarkt. Ein Grund mehr, moderate Töne bei den Brexitverhandlungen zu pflegen.

Von Häme wird man schließlich nicht satt. Häme schafft auch keine Arbeitsplätze (es sei denn in manchen Redaktionsstuben).

Offenlegung gemäß §34b WpHG wegen möglicher Interessenkonflikte: Der Autor ist in den besprochenen Wertpapieren bzw. Basiswerten dieser Ausgabe investiert.

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Über den Autor Henrik Voigt

Henrik Voigt hat an der renommierten TU Dresden Wirtschaftsingenieurwesen studiert und als einer der Jahrgangsbesten sein Studium abgeschlossen.

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