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Fibonacci Retracement: Beispiel und Erklärung

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Der Name Fibonacci gehört zum italienischen Mathematiker Leonardo Fibonacci (ca. 1170-1240). Er entdeckte die nach ihm benannten Zusammenhänge, die unter anderem die Fibonacci Zahlenreihe enthalten.

William Delbert Gann (1878-1955) war wahrscheinlich der erste Trader, der die Fibonacci-Zahlenverhältnisse verwendet hat. Die Fibonacci-Zahlenfolge kommt in der Natur häufig vor. Dabei ist jede Fibonacci-Zahl gleich der Summe der beiden vorangegangenen Fibonacci-Zahlen. Diese Zahlenserie wird in kurzer Zeit immens groß.

Ich möchte zu Anfang betonen, dass es sich hier um eins der umstrittensten Analysetools handelt, das die Technische Analyse zu bieten hat. Trotzdem ist es vor allem aus bestimmten Gründen bei Day-Tradern beliebt.

Ein Erfolg ist statistisch nicht nachweisbar. Trotzdem rechnen Day-Trader bei Retracements (Kurskorrekturen) gerne mit den Fibonaccizahlen 38,20 und 61,80 Prozent, was an sich schon als selbsterfüllende Prophezeiung genügen soll.

Wenn sich viele Marktteilnehmer nach einer Regel richten, dann kann es uns erst einmal egal sein, ob sie sich wissenschaftlich ergründen lässt. Hauptsache es kann damit gearbeitet werden.

Errechnung der Fibonacci Retracements

Jede Fibonacci-Zahl ermittelt sich aus der Summe der beiden vorangegangenen Fibonacci-Zahlen. Gestartet wird mit 0, womit sich folgende Zahlenreihe ergibt: 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144… Spannend wird es erst, wenn man das Verhältnis sämtlicher Fibonacci-Zahlen zueinander betrachtet. Denn für alle Zahlen gilt:

  • Die Division einer Zahl durch die nachfolgende Zahl ergibt mit steigenden Werten ein Ergebnis nahe 0,618.
  • Die Division einer Zahl dieser Reihe durch die ihr vorangehende Zahl ergibt einen Wert nahe 1,618.
  • Die Division einer Zahl der Reihe durch die um zwei Stellen nachfolgende Zahl ergibt einen Wert nahe 0,382.

Die beiden Verhältniszahlen von einer Zahl zur nächst höheren (0,618) und der Zahl zur jeweils niedrigeren (1,618) sind auch als „Goldenes Verhältnis“ oder „Goldene Mitte“ bekannt und finden sich nicht nur in der Mathematik, sondern auch in der Musik, in der Kunst, der Architektur und der Biologie wieder.

Je höher die Zahlen, desto näher liegt das Ergebnis an diesem Verhältnis. Aus den Verhältnissen dieser Zahlen zueinander ergeben sich die Prozentwerte 38%, 50% und 62%. Wie sich herausstellt, stimmen diese Werte fast mit den Gann-Zahlen überein: 3/8 (37,5 %), 4/8 (50 %) und 5/8 (62,5 %). Gann hat diese Zahlen ständig für seine Chartberechnungen verwendet.

Populär wurden diese Zahlen insbesondere in den 1920er Jahren, als der Wissenschaftler Ralph Nelson Elliott in seinem Werk „Nature´s Law“ die Fibonacci-Verhältnisse erklärte. Elliot machte sie zur Basis seiner Elliott-Wellen-Theorie. Die Zahlenfolgen lassen sich auf Kursabstände und Winkel anwenden. Analyseprogramme zeichnen diese nach Vorgabe der Extrempunkte ein.

Die Faustformel lautet: Die maximale Korrektur einer Marktbewegung sollte die 61,80-Prozent-Linie nicht überschreiten. Reicht die Korrektur nur bis 38,20 Prozent, dann ist mit großer Wahrscheinlichkeit damit zu rechnen, dass der Markt keine Trendwende vollziehen, sondern zu seinem übergeordneten Trend zurückkehren wird.

Die Korrektur im Markt oder in der Aktie ist dann mit großer Wahrscheinlichkeit abgeschlossen. Zusätzlich sollten Unterstützungs- und Widerstandslinien in Form der Gleitenden Durchschnitte MA38 oder MA50 für eine Anlageentscheidung herangezogen werden. Stochastik und MACD können weitere wertvolle Dienste leisten und helfen das Timing zu verbessern.

Ermittlung des Korrekturziels

Um das Kursziel für einen Rücklauf von zum Beispiel 38,20 % festzulegen, wird der Beginn und das Ende eines Trends festgelegt. Dann wird die zurückgelegte Entfernung in Punkten gemessen.

Im folgenden Chart startete ein Trend im DAX 30 bei 4.965 Punkten und endete bei 7.194,33 Punkten (unterste und oberste blaue waagerechte Linie). Eine zurückgelegte Strecke von 2.229 Punkten.

Trendbestimmung mittels Fibonacci Retracement im DAX Chart vom September 2012

(Quelle: Tradesignalonline.com) DAX 30, Candlestick-Chart, Tageskerzen

Errechnet man von dieser Strecke 38,20%, ergibt sich (2.229 * 0,382 =) 851. Der Kurs sollte also vom Hoch bei 7.194 Punkten nun 38,2 % bzw. 851 Punkte zurück laufen. Das Kursziel der 38,20 %-Marke läge also bei 6.343 Punkten (zweite waagerechte Linie von oben). Genau so errechnet man auch die 50 %-Marke bzw. das 61,8 %-Fibonacci-Retracement.

Das Phänomen des Fibonacci-Rretracement kommt häufig vor

Die Abbildung 1 unten zeigt drei 50-%-Retracements. »Retracement« (Einbruch) bedeutet, dass die Kurse von ihrem Hoch einen Einbruch von 50 % der vorherigen Kursbewegung vollziehen. Sie sehen beispielsweise, dass sich im August in der Aktie von Mobile (MOB) ein Tief und im September ein Hoch ergeben hat.

Wenn Sie die Entfernung zwischen diesen beiden Punkten durch zwei teilen, erhalten Sie den annähernden Punkt, an dem Mitte November eine Kurswende stattgefunden hat. Das Phänomen des Fibonacci-Retracement ereignet sich immer wieder und kommt in allen Märkten vor.

Sie müssen sich lediglich am letzten bedeutsamen Tief und Hoch orientieren und daraufhin die Entfernung zwischen diesen beiden Punkten abmessen. Berechnen Sie zuerst 38 % dieser Entfernung vom letzten Pivot-Punkt an und achten Sie dann auf eine Kurswende an dieser Stelle. Wenn diese nicht eintritt, gehen Sie zu 4/8 (50 %) und schließlich zu 5/8 (62 %) über.

Fibonacci Retracement im Chart der Mobile Aktie vom Jahre 1999

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Abbildung 1 Fibonacci-Retracements

In diesem Chart wurden drei 50-%-Retracements gekennzeichnet. Können Sie noch weitere finden?

Es sollte erwähnt werden, dass das 50-%-Retracement das gebräuchlichste ist. Danach folgen das 38-%-Retracement und zum Schluss das 62-%-Retracement. Daraus folgt, dass Sie immer mit einem 50-%-Retracement rechnen, aber auch auf ein 38-%- oder 62-%-Retracement vorbereitet sein sollten.

Als Faustregel gilt, dass man bei einem 50-%-Retracement eine Position eröffnet und sie bei einem 38-%-Retracement wieder schließt. Dies dient der Sicherung von Gewinnen am nächsten Retracement-Punkt. Wenn wir bis zum 50-%-Retracement warten, ist es vielleicht schon zu spät.

Diese Methoden funktionieren besonders gut im Dow Jones und bei Futures. Die Technik dürfte in jedem einigermaßen liquiden Markt gut funktionieren.

Ein praktisches Beispiel von Fibonacci-Retracements

Eine praktische Anwendung von Fibonacci-Retracements und weiteren Indikatoren bei der Microsoft-Aktie im Wochenchart.

  • Der Verkaufsdruck, den wir im untersten Chartbereich in Form des MACD sehen, bildet sich zurück. Das Verkaufssignal ist noch aktiv, allerdings mit nachlassendem Momentum.
  • Zwischen dem Tief bei 14,29 US-Dollar (untere blaue Linie) und dem Hoch bei 30,99 US-Dollar (obere blaue Linie) errechnet sich das Kursziel für die maximal zulässige Korrektur bei 61,80 Prozent dieser Spanne, also bei 20,67 US-Dollar. Analog ergibt sich das minimale Kurskorrekturziel bei 38,20 Prozent oder 24,61 US-Dollar. Tatsächlich hat die Aktie bis 50 Prozent (blauer Pfeil) korrigiert. Diese Marke wird von Händlern ebenfalls gerne als maximales Korrekturziel angesteuert, allerdings zählt sie für uns nicht zum goldenen Schnitt von Fibonacci.
  • Die gleitenden Durchschnitte MA200 (rot) und MA50 (blau) werden im Zuge der Gegenbewegung zurückerobert, was die Wahrscheinlichkeit steigen lässt, dass die 38,20-Prozent-Marke nicht noch einmal unterschritten wird.
  • Die weiße Kerze der Vorwoche entsteht, weil der Wochenschlusskurs höher liegt als der Eröffnungskurs. Damit wird eine Serie von dunklen Kerzen beendet, die im Januar ihren Anfang nahm.
  • Der RSI im oberen Chartbereich signalisiert steigendes Momentum, was positiv zu werten ist.
  • Das Umsatzverhalten ändert sich. Haben wir im Februar und März noch überwiegend große rote Umsatzbalken (unten im Kurschartbereich), wechselt das Bild und es werden antizyklisch größere Mengen der Aktie akkumuliert.

Fibonacci Retracement im Chart der Microsoft Aktie vom April 2011

Fazit für das Beispiel mit der Microsoft Aktie

Bis auf den MACD ist das Gesamtbild für Microsoft überwiegend positiv zu sehen. Offensichtlich rechnen Fondsmanager und Vermögensverwalter vor der Veröffentlichung des nächsten Quartalsergebnisses nicht mehr mit großen negativen Überraschungen.

Der Verkaufsdruck, wie wir ihn im Februar und März gesehen haben, weicht jetzt den positiven Umsatzsäulen, was auf Akkumulation schließen lässt.

 

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