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Trotz Inflation: EZB erwartet keinen Zinsschritt bis Ende 2022

Die Europäische Zentralbank (EZB) ist praktisch die letzte westliche Notenbank, die eine zeitnahe Straffung ihrer Geldpolitik zur Bekämpfung der gravierenden Inflation ausschließt. Womit sie nicht gerade ein Musterbeispiel an Fachkompetenz abliefert.

Trotz Inflation: EZB erwartet keinen Zinsschritt bis Ende 2022

So erteilte das italienische EZB-Ratsmitglied Ignazio Visco erst kürzlich baldigen Leitzinserhöhungen eine Absage erteilt. Markterwartungen, wonach ein erster Zinsschritt Ende 2022 (das ist bei der EZB offenbar „baldig“) möglich sei, entsprächen nicht sonderlich gut der Forward Guidance der EZB, sagte Visco in einem Interview mit Bloomberg TV.

Die EZB habe zur Bedingung für Zinserhöhungen gemacht, dass die Inflation bis zum Ende ihres Prognosezeitraums kontinuierlich beim EZB-Ziel erwartet werde. Zur Erinnerung: dieses Ziel liegt bei 2 Prozent.

„Vorübergehende Inflation“ steigt schon das ganze Jahr 2021 kräftig

Die Inflationsrate in der Eurozone lag zuletzt bei 3,0 Prozent im August. Für den September (Daten kommen am Mittwoch) sind 3,4 Prozent prognostiziert. Das ist nach meiner Rechnung ziemlich deutlich über 2 Prozent. Die Inflation liegt seit Mai nahe oder über 2 Prozent. Tendenz ist seit Jahresbeginn deutlich steigend. Sie hat seit August sogar beunruhigend stark zugenommen.

Aber ich bin ja auch kein Zentralbanker. Wer weiß was diese schlauen Leute alles sehen was ein Normalsterblicher wie ich nicht sehen kann. Visco jedenfalls sieht die aktuell erhöhte Inflation weiter nur als einen “vorübergehenden” Effekt.

Natürlich wäre es hier gut zu wissen, wie die EZB „vorübergehend“ definiert. Wo sie doch schon das Wort „baldig“ (sagen wir mal) unkonventionell interpretiert.

Aber lauschen wir dem offenbar mit einer Glaskugel vertrauten EZB-Mitglied Visco weiter gespannt: Zwar gebe es “sicherlich Preisdruck”, bisher seien aber keine relevanten Zweitrundeneffekte mit steigenden Löhnen zu beobachten. Der Inflationsdruck könne für einige Monate bzw. bis ins nächste Jahr erhalten bleiben, werde dann aber wieder abnehmen.

EZB will weiter untätig bleiben – deshalb müssen Sie jetzt handeln!

Das verwundert mich jetzt etwas. Wenn also der Spritpreis weiter in Richtung 2 Euro pro Liter klettert, die Nudeln und das Heizen drastisch teurer werden, die meisten anderen Lebensmittel sowieso und in Kürze auch die Mieten – dann werden die Leute auch weiterhin keine höheren Löhne fordern, obwohl der Arbeitsmarkt ziemlich leergefegt ist (ein ideales Umfeld für die Durchsetzung höherer Lohnforderungen)? Und dann soll die Inflation ganz von allein wieder verschwinden?

Das widerspricht so ziemlich allen ökonomischen Gesetzen. Aber wie gesagt: ich bin ja auch kein Zentralbanker. Die leben sicherlich in ihrer eigenen Welt voller rosa Einhörner.

Immerhin schob Visco noch diesen Satz hinterher: Die EZB solle bei ihrer Geldpolitik weiterhin flexibel agieren, da sich die Flexibilität bewährt habe. Da muss ich nachhaken: Ist mit Flexibilität gemeint, dass man die einmal gelockerte Geldpolitik jahrelang nicht mehr ändert? Denn danach sieht es aus. Wieder so ein Wort, das Zentralbanker in einem völlig anderen Sinn gebrauchen als wir Menschen.

Fakt ist: Für den normalen Anleger aus Fleisch und Blut bedeuten die Aussagen Viscos, dass die EZB auch weiterhin nicht einmal versuchen wird, etwas gegen die bereits beunruhigende Inflation zu unternehmen.

Das wiederum bedeutet für Sie als Anleger, dass Ihnen künftig nur noch Sachwerte mit starkem Inflationsschutz (wie Edelmetalle, Kryptowährungen und ganz wenige ausgewählte Aktien) im Depot gute Dienste leisten werden. Alles andere ist durch die Inflation bedroht. Übrigens auch die meisten Aktien, da die Unternehmen bald nicht mehr in der Lage sein werden, ihre eigenen Kostensteigerungen in ausreichendem Maße auf ihre Verkaufspreise umzulegen.

Das bedeutet der Kurswechsel in der US-Geldpolitik für Ihre AktienDie Inflation geht durch die Decke. Jetzt wacht die erste große Notenbank auf. In den USA soll die Inflation jetzt doch bekämpft werden.  › mehr lesen

 

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Über den Autor
170407 Invest Voigt 72 04
Henrik Voigt

Henrik Voigt hat an der renommierten TU Dresden Wirtschaftsingenieurwesen studiert und als einer der Jahrgangsbesten sein Studium abgeschlossen. Seit Februar 2009 obliegt ihm die Chefredaktion für den überaus erfolgreichen Börsenbrief DAX Profits.

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