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Es ist beschlossen: Warum Linde dem Dax Lebewohl sagt!

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Es wird also tatsächlich zur Realität: Wie Sie sicherlich mitbekommen haben, wird der Gasekonzern Linde voraussichtlich Anfang März aus dem Dax ausscheiden. In dieser Größenordnung ist das ein beispielloser Akt und für den Finanzplatz Deutschland ein Schlag in die Magengrube.

Dax-Abgang: Linde-Aktionäre stimmen mit großer Mehrheit zu

Doch von vorne: Bereits im Oktober hatte der Verwaltungsrat von Linde entschieden, dass die eigenen Aktien nicht mehr in Frankfurt, sondern nur noch in New York an der Wall Street gehandelt werden sollen. Am 18. Januar 2023 veranstaltete der Konzern dann eine außerordentliche Hauptversammlung, um die Maßnahme von den Aktionären absegnen zu lassen.

Bezeichnenderweise fand das Aktionärstreffen nicht in Deutschland, sondern im US-Bundesstaat Connecticut statt, wo der Konzern seit der Fusion mit dem US-Wettbewerber Praxair seine operative Zentrale hat. Rund 93 Prozent der auf der Versammlung abgegebenen Stimmen haben sich für das Delisting in Deutschland ausgesprochen und damit deutlich mehr als notwendig gewesen wäre (75 %).

Im Vorfeld war eine weitreichende Zustimmung erwartet worden, auch weil große deutsche Fondsgesellschaften bei Linde inzwischen nur noch eine Nebenrolle spielen. Die Bedeutung der Entscheidung könnte jedenfalls kaum größer sein. Die Frankfurter Börse verliert mit Linde nicht nur ein Dax-Gründungsmitglied, sondern auch den wertvollsten Konzern im Leitindex – mit einem Börsenwert von 150 Milliarden Euro.

Linde war zu wertvoll

Umso bitterer, dass ausgerechnet jene hohe Bewertung laut dem Management der entscheidende Faktor für den Abgang darstellt. Schauen Sie: Nach deutschem Börsenrecht darf ein einzelner Wert im Dax maximal zehn Prozent der Marktkapitalisierung des gesamten Index ausmachen. Damit soll eine breitere Diversifizierung gewährleistet werden.

Die Bewertung von Linde überschritt in den letzten Jahren aber immer wieder diese Kappungsgrenze. In der Folge mussten Indexfonds Aktien des Unternehmens verkaufen, was die Kursentwicklung künstlich gebremst und die Bedeutung des Titels beschränkt hat.

Fokus auf Amerika

In den USA jedenfalls gibt es eine solche Regelung nicht. Doch das ist nur ein Grund für das Delisting: Nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg halten amerikanische Investoren ohnehin rund 73 Prozent der Linde-Aktien – und nur etwa 8 Prozent befinden sich in der Hand deutscher Aktionäre. Der Abgang ist also, auch wenn er für den deutschen Aktienmarkt schmerzhaft ist, durchaus naheliegend.

Aber auch operativ ist Linde längst über dem Teich, nicht zuletzt wegen der vor einigen Jahren erfolgten Fusion mit Praxair. Schauen Sie: Im Jahr 2021 entfielen auf die „Americas“-Region knapp 40 Prozent der Linde-Umsätze, auf Europa, den mittleren Osten und Afrika (EMEA) lediglich 25 Prozent.

Aber was bedeutet das jetzt für Sie als Anleger?

Zunächst einmal wird die gesamte Marktkapitalisierung des Dax nach dem Linde-Austritt schrumpfen. Das könnte die Attraktivität des deutschen Leitindex gerade für ausländische Investoren belasten – auch weil der Dax mit Linde einen der aussichtreichsten Börsenkonzerne verliert, gerade mit Blick auf den Bereich Wasserstoff. Entsprechende ETFs, die den Dax künftig ohne Linde abbilden müssen, könnten darunter leiden.

Neuer Spitzenreiter im Dax dürfte – nach aktuellem Kursstand –  indes der Softwarekonzern SAP werden, mit einem Börsenwert von 125 Milliarden Euro. Dahinter folgt Siemens mit 114 Milliarden und die Deutsche Telekeom mit 102 Milliarden Euro (Stand: 19.01.2023, 10:00 Uhr).

Rheinmetall oder Commerzbank: Wer rückt in den Dax nach?

Interessant ist nun, welcher Konzern Linde im Dax nachfolgen wird. Am Markt werden derzeit zwei Möglichkeiten in Erwägung gezogen: der Rüstungskonzern Rheinmetall oder die Commerzbank.

Zwar ist die Commerzbank (12,05 Mrd. €) an der Börse derzeit höher bewertet als Rheinmetall (9,59 Mrd. €). Das aber ist nicht der entscheidende Faktor – zumindest mit Blick auf die Commerzbank. Denn: 2021 hatte die Deutsche Börse im Zuge einer Indexreform ein Kriterium zur Profitabilität eingeführt. Demnach kann ein Konzern nur dann in den Dax aufgenommen werden, wenn er in den letzten zwei Geschäftsjahren ein positives operatives Ergebnis (EBITDA) erzielt hat.

Das Problem: Die Commerzbank war 2020 operativ nicht profitabel, 2021 allerding schon. Entsprechend müsste die Bank für 2022 ebenfalls ein positives EBITDA vorlegen. Das dürfte laut den Prognosen zwar gelingen. Die Commerzbank aber will erst im Februar ihre Geschäftszahlen zu 2022 präsentieren, was laut Experten für eine Dax-Berücksichtigung vonseiten der Deutschen Börse zu spät sein könnte.

Linde-Aktie: mein Fazit für Sie

Der Abgang von Linde ist für den deutschen Finanzplatz zweifelsohne schmerzlich. Der Dax verliert damit eine der interessantesten Wachstumsstorys und unterm Strich wohl auch an Attraktivität. Als deutscher Anleger können Sie natürlich weiterhin auf die Linde-Aktie setzen, auch  wenn der Konzern nicht mehr an der Frankfurter Börse notiert ist.

Linde jedenfalls hat laut eigenen Prognosen im letzten Jahr seinen Gewinn gesteigert. Das unterstreicht die operative Belastbarkeit des Gasekonzerns inmitten enormer makroökonomischer Herausforderungen. Gleichzeitig gilt Linde als Wegbereiter der Wasserstoffwirtschaft und einer der größten Profiteure des massiven Öko-Subventionspakets der US-Regierung.

Meiner Meinung nach ist und bleibt die Aktie also ein interessantes Investment – auch ohne das Attribut „Dax“.