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Continental wird zum Spielball der Politik

Inhaltsverzeichnis

Freud und Leid liegen in Zeiten der Globalisierung nah beieinander. Denn wirtschaftliche Verflechtungen werden allzu häufig zu Abhängigkeiten, die dann wiederum als Spielball in geopolitischen Machtfragen instrumentalisiert werden. Eine solche Gemengelage lässt sich derzeit gleich an mehreren Schauplätzen beobachten.

Europas China-Politik: Zwischen mahnenden Worten und guten Geschäften

Bereits seit Langem kritisiert Europa gebetsmühlenartig die Verletzung von Menschenrechten in China. Doch das Reich der Mitte ist für deutsche und europäische Firmen längst nicht mehr nur die „verlängerte Werkbank“ mit niedrigen Produktionskosten, sondern gilt seit Jahren als einer der wichtigsten und wachstumsstärksten Absatzmärkte der Welt.

Deutsche Autobauer etwa erwirtschaften mittlerweile einen substanziellen Anteil ihrer Umsätze in China. Politische Diskussionen können das Geschäft daher durchaus empfindlich beeinträchtigen. Weil deutsche Diplomaten und Spitzenpolitiker etwa die Zustände in der chinesischen Provinz Xinjiang kritisierten, wo die muslimische Minderheit der Uiguren in Umerziehungslagern zu Zwangsarbeit genötigt werden, rief China zum Boykott zahlreicher deutscher Firmen auf. Pikant dabei: Auch einige Dax-Konzerne ließen Produkte in Xinjiang herstellen.

Zwist um Taiwan: China streicht Litauen von der Landkarte

Neuester Zankapfel ist der Streit zwischen China und Litauen um die Anerkennung Taiwans als eigenständigem Staat. Litauen hatte auf seinem Staatsgebiet kürzlich die Eröffnung einer offiziellen taiwanesischen Vertretung zugelassen, was China als Affront wertete, da die Volksrepublik die Insel Taiwan als chinesisches Staatsgebiet betrachtet.

Die Konsequenz: Litauen wurde beim chinesischen Zoll von der Liste gestrichen, Produkte aus Litauen können seither in China nicht mehr eingeführt werden, da keine zulässigen Formulare mehr existieren. Für Litauen selbst ist dieser Einschnitt politisch bedeutsam, aber wirtschaftlich verkraftbar: Die Handelsbeziehungen des kleinen baltischen Staates mit China sind überschaubar.

Weitreichende Konsequenzen für globale Lieferketten

Doch nach und nach zeigen sich die weitreichenden Konsequenzen dieses Konflikts: Unter anderem lässt der deutsche Autozulieferer Continental einige Komponenten in Litauen fertigen, die dann zur Weiterverarbeitung nach China verschifft werden. Das ist nun offenbar nicht mehr möglich.

Mehrere Unternehmen berichten davon, dass sie von der Volksrepublik zuletzt dazu aufgefordert worden seien, ihre Geschäftsbeziehungen zu Litauen deutlich einzuschränken. Hinter den Kulissen finden seither Gespräche statt, um die Lage zu entspannen, doch die chinesische Führung weiß um ihre Macht und die wirtschaftliche Abhängigkeit gerade der Europäer von dem asiatischen Standort.

Befeuert der Disput die Inflationsentwicklung?

Besonders heikel: Die Auseinandersetzung könnte die ohnehin gravierenden Lieferkettenprobleme noch weiter verschärfen. Seit Monaten kommt die Industrie mit der Produktion nicht mehr hinterher, die Märkte sind leergekauft, wegen fehlender Bauteile können beispielsweise hunderttausende Fahrzeuge nicht fertiggebaut und ausgeliefert werden.

Werden nun noch einzelne Standorte aus politischen Gründen aus dem Lieferkettennetz gestrichen, droht das System noch weiter zu kollabieren – eine Hiobsbotschaft, gerade angesichts der ohnehin schon galoppierenden Inflation, die durch die Diskrepanz von schwindendem Angebot bei steigender Nachfrage zusätzlich befeuert wird.

Conti Aktie nach volatilem Jahresverlauf schwer angeschlagen

Continental hat sich bislang nicht offiziell geäußert. Das Unternehmen mit Sitz in Hannover hat die Probleme, die Pandemie und Lieferengpässe mit sich gebracht haben, in diesem Jahr aber deutlich zu spüren bekommen: Die Conti Aktie ist seit Beginn des Jahres um mehr als ein Fünftel abgesackt und war zuletzt für rund 91 Euro zu haben.

So volatil der Kursverlauf, so uneinheitlich fallen auch die Einschätzungen der Analysten mit Blick auf die Conti Aktie aus: Die Spanne reicht von Verkaufsempfehlungen durch die britische Barclays-Bank oder die US-Großbank Goldman Sachs mit Kurszielen von 95 beziehungsweise 100 Euro bis hin zu einer aktuellen Kaufempfehlung durch die Schweizer UBS mit Kursziel 136 Euro.