Derivate – gut oder schlecht?
unserem Korrespondenten Eric Fry an der Wall Street in Investors Daily zum Thema Derivate & Hebelprodukte
vom 22. November 2002 18:00 Uhr
ENL5462
Die Aktienkurse steigen wieder – aber leider schreiben wir das Jahr 2002, und nicht 1999. Die Unternehmensgewinne fallen, sie steigen nicht. Und die Bilanzierungspraxis der Unternehmen wir hinterfragt. Aber das hält die Investoren nicht davon ab, zu kaufen, als ob wir wieder im Jahre 1999 wären.
Aktienhungrige Investoren lassen ihren Appetit durch nichts vermindern. Noch nicht einmal dadurch, dass die letzten Zahlen vom US-Immobilienmarkt ernüchternd waren. Im Oktober ging die Zahl der Hausneubauten um saisonbereinigte 11 % zurück – mehr, als im September gewonnen worden war. Kein gutes Omen für den US-Immobilienmarkt. Dennoch – die Investoren kaufen und kaufen.
Was ist der Grund für diese Kaufwut? Sollten wir den Derivate-Markt dafür verantwortlich machen? Handelt es sich um einen "Short Squeeze" (Trader, die Aktien leer verkauft haben, müssen sich um jeden Preis eindecken)? Wenn man Alan Greenspan glauben kann, dann gibt es fast nichts, was Derivate nicht können, wenn es um die Verbesserung des Wohlstands der Menschheit geht.
Alan Greenspan hielt am Dienstag eine Rede. Seine Botschaft in Kürze: "Derivate sind gut, und gut für Sie." Laut seiner Rede sind Derivate so ziemlich das Beste, was der Finanzwelt je widerfahren ist, und uns allen würde es erheblich besser gehen, wenn es mehr von ihnen geben würde. Vielleicht hat Greenspan Recht. Aber die Welt hat bereits ein paar von diesen finanziellen Wunder-Papieren.
Sind Derivate wirklich so stabilisierend, wie Alan Greenspan und Banken wie J.P. Morgan uns weismachen wollen? Oder sind sie destabilisierend, wie Nitroglyzerin, das sehr schnell explodieren kann? Keiner weiß das. Alles, was wir wissen, ist, dass das Volumen der gehandelten Derivate deutlich steigt.
Mein Kollege Addison Wiggins hat letzte Woche darüber geschrieben. Laut seinem Artikel hat die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) festgestellt, dass sich der Wert der neu emittierten Derivate in den letzten vier Jahren auf 127,6 Billionen Dollar fast verdoppelt hat. Das hört sich nach einer ziemlich großen Zahl an. Zins-Derivate wachsen am schnellsten. Ihr Anteil am Gesamtvolumen liegt bei rund 90 Billionen Dollar. Das verwundert nicht wirklich, denn schließlich sind es Zins-Derivate, die der US-Hypothekenindustrie den nötigen Treibstoff liefern.
Also was macht Derivate so großartig?
Laut Alan Greenspan, alles. Den Anfängern erklärt der Fed-Vorsitzende stolz, dass Zins-Derivate "die große schuldenfinanzierte Expansionswelle auf dem Immobilienmarkt ermöglicht haben, was das Konsumentenvertrauen in der letzten Periode des zyklischen Stresses oben gehalten hätte."
Sie wissen, dass sich Alan Greenspan meist etwas umständlich ausdrückt. Was er sagen wollte: Wenn es keine Derivate gegeben hätte, dann hätten die Leute auch nicht in diesem Umfang ihre Hypotheken erhöhen können, was es ihnen ermöglichte, Autos und DVD-Player zu kaufen. Und dank dieses umfangreichen Konsums auf Schulden haben die Konsumenten die US-Wirtschaft vor einem erneuten Abtauchen bewahrt.
Vielleicht werden wir dieses Abtauchen nächstes Jahr sehen – aber das ist eine andere Geschichte. Eins ist klar: Derivate können sehr nützliche Dinge sein. Aber das unbegrenzte Wachstum der Derivate-Emissionen, so wie es Alan Greenspan wünscht, ist vielleicht nicht etwas, das man sich wünschen sollte.
Denn Derivate erhöhen die Hebelwirkung im Finanzsystem, weshalb sich die Auswirkungen von bestimmten Entwicklungen verstärken können. Selbst Greenspan hat gesagt: "Derivate haben von Natur aus einen Hebel, was sehr gut oder auch sehr schlecht sein kann ... ein Hebel bietet auch die entfernte Möglichkeit einer Kettenreaktion, einer Folge von Fehlern, die in einer finanziellen Implosion münden können."
Wie entfernt ist eine "entfernte Möglichkeit"? Mehr dazu Morgen.
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