LNG-Markt: Zu viel des Guten? Chancen und Risiken!

LNG-Markt: Zu viel des Guten? Chancen und Risiken!
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2022 war das Jahr des LNG. Wie Sie sicherlich wissen, hat das Flüssigerdgas wegen des Ukraine-Kriegs massiv aufgewertet. Im Chart sehen Sie die langfristige Entwicklung des LNG-Preises bezüglich der US-Exporte:

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Quelle: Amt für Energiestatistik der USA (EIA), eigene Bearbeitung (https://www.eia.gov/dnav/ng/hist/n9133us3M.htm)

Hintergrund: Einige europäische Staaten – darunter Deutschland – haben wegen der politischen Verwerfungen mit Russland Alternativen an Land ziehen müssen und greifen deshalb verstärkt auf LNG-Lieferungen per Schiff aus Nordamerika und dem Nahen Osten zurück. Der LNG-Preis schoss daraufhin nach oben.

Inzwischen hat sich der Markt jedoch wieder deutlich beruhigt, auch weil sich die Gastanks etwa in Deutschland schnell füllten und die Angst vor Engpässen daher verschwand.

LNG-Wettrennen in den USA

Die USA jedenfalls sehen in dem Flüssigerdgas trotzdem enormes Geschäftspotenzial. Das Exportvolumen soll in den kommenden Jahren drastisch erhöht werden. Neben Cheniere Energy stehen aktuell vor allem die beiden Player Golden Pass LNG und Venture Global LNG im Mittelpunkt.

Golden Pass ist ein Joint-Venture von Qatar Energy und dem Ölkonzern Exxon Mobil. Die Firma entwickelt das gleichnamige LNG-Terminal in Texas in der Nähe des Flusses Sabine Pass, der in den Golf von Mexiko mündet. In der zweiten Jahreshälfte 2024 soll eine erste Verflüssigungsanlage des Standorts in Betrieb gehen. Bis 2025 forcieren Qatar Energy und Exxon Mobil die vollständige Inbetriebnahme. Pro Jahr sollen dort dann rund 18 Millionen Tonnen LNG produziert und in die Welt exportiert werden.

Und auch Venture Global will in Plaquemines (Louisiana) ab dem zweiten Halbjahr 2024 LNG herstellen und den Betrieb 2025 vollends hochfahren. Jener Standort, der sich ebenfalls am Golf von Mexiko befindet, soll jährlich 20 Millionen Tonnen hervorbringen.

Laut Experten findet in den USA derzeit ein Wettrennen statt, um schnellstens so viele LNG-Kapazitäten wie möglich aus dem Boden zu stampfen. Die Unternehmen dürfen sich derweil auf Unterstützung des Staates einstellen. Medienberichten zufolge erhielt Venture Global kürzlich eine Genehmigung von Behörden, wonach die für den Bau zuständigen Partnerfirmen rund um die Uhr arbeiten dürfen – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

IEA befürchtet Angebotsschwemme

Ganz unproblematisch ist das Ganze aber nicht. Denn: Experten befürchten, dass die ambitionierten Investitionen in neue LNG-Kapazitäten in den USA und anderen Ländern wie Australien oder Katar zu viel des Guten sein könnten. Das heißt: Der LNG-Markt könnte auf einen nachhaltigen Angebotsüberschuss zusteuern.

In ihrem neuen World Energy Outlook hat die Internationale Energieagentur (IEA) kürzlich auf dieses Risiko hingewiesen. Demnach könnte es bereits 2025 so weit sein. Wie oben erwähnt sollen in jenem Jahr gleich mehrere amerikanische LNG-Terminals vollständig in Betrieb gehen. Hinzu kommen andere Standorte in anderen Staaten.

Die IEA sieht deshalb einen „beispiellosen Schub“ auf der Angebotsseite. Zwischen 2025 und 2030 könnte dies zu einer neuen Kapazität von mehr als 250 Milliarden Kubikmetern führen. Das würde in etwa 45 Prozent des derzeit verfügbaren LNG-Angebots entsprechen. Innerhalb weniger Jahre würde die Welt also wesentlich mehr Flüssigerdgas zur Verfügung haben.

Mögliche Auswirkungen auf LNG-Preise

Gleichzeitig ist die IEA in Sachen Nachfrage längst nicht mehr so optimistisch gestimmt wie noch vor einigen Jahren. Im Rahmen ihres neuen World Energy Outlooks hat die Agentur ihre Prognose nach unten angepasst. Demnach dürfte die LNG-Nachfrage bis 2050 um 15 Prozent stärker fallen im Vergleich zum 2021 getätigten Ausblick.

Zwar konstatiert die IEA, dass die LNG-Märkte immer noch von der Energiekrise betroffen seien, was Versorgungsängste gerade in Europa schüre. Doch das werde sich ab Mitte des Jahrzehnts ändern. Die Nachfrage nach Erdgas bzw. LNG dürfte ab dann laut Schätzungen der Experten sukzessive unter Druck geraten.

Gepaart mit der Angebotsschwemme wird das die LNG-Marktpreise wohl in Schach halten. Nach Schätzungen der IEA könnte der Preis 2030 auf 6,9 US-Dollar pro mmbtu (million British thermal unit) fallen. Zum Vergleich: 2022 waren es teilweise mehr als 32 Dollar pro mmbtu gewesen. Die Einheit mmbtu ist eine Kennziffer, die angibt, wie viel Wärmeenergie erforderlich ist, um ein britisches Pfund Wasser um 1 Grad Fahrenheit zu erwärmen. 1 mmbtu entspricht im Schnitt 26,4 Kubikmeter Gas.

Aber welche Schlüsse können wir daraus jetzt ziehen?

Sollten sich die Einschätzungen der IEA bewahrheiten, würde das die Gewinnmargen der LNG-Aktien perspektivisch unter Druck setzen. Betroffen davon wäre zum Beispiel Cheniere Energy.

Auf der anderen Seite wäre diese Entwicklung für uns Verbraucher, aber auch für große Teile der Industrie eine eher gute Sache. Die Energiepreise in Europa und Deutschland dürften in der Folge sinken, was die Konsumausgaben und die wirtschaftliche Aktivität unterstützen würde. Gerade für die aktuell strauchelnde Konjunktur hierzulande scheint es also längerfristiges Erholungspotenzial zu geben.

Das könnte sich in den kommenden Jahren auch positiv auf den Aktienmarkt auswirken – wenngleich die finanziellen Belastungen durch die Energiewende (z.B. wegen des relativ teuren grünes Wasserstoffs) nicht zu unterschätzen sind.