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Gazprom: Tag der Wahrheit am 21. Juli

Inhaltsverzeichnis

Der Gaspoker geht weiter: Bereits seit Mitte Juni hat der russische Staatskonzern Gazprom die Lieferungen an Deutschland über die Ostseepipeline Nord Stream 1 auf etwa 40 Prozent gedrosselt. Andere EU-Staaten erhalten schon seit Wochen überhaupt keine Gaslieferungen mehr aus Russland. Nun zittert auch Deutschland: Denn die geplanten Wartungsarbeiten an Nord Stream 1 sollen in der kommenden Woche beendet werden.

Politischer Poker zwischen Moskau und Berlin geht weiter

Völlig offen ist dabei, ob im Anschluss wieder Gaslieferungen durch das Rohrsystem strömen werden – oder ob Moskau den Gashahn dauerhaft geschlossen hält. Es ist ein geopolitisches Machtspiel, das sich dieser Tage zwischen dem Kreml und westlichen Verbündeten wie etwa der EU, Kanada und den USA abspielt. Deutschland ist mittendrin: Das gilt nicht nur für seine geografische Lage in der europäischen Staatengemeinschaft, sondern insbesondere auch im Hinblick auf seine starke Abhängigkeit von russischen Energielieferungen.

Gazprom äußerte zuletzt Zweifel am Weiterbetrieb der Pipeline und verwies auf Sicherheitsbedenken. Zurzeit wird eine defekte Turbine des deutschen Siemens-Konzerns in Kanada gewartet. Die Rückgabe gestaltet sich schwierig wegen der geltenden wirtschaftlichen Sanktionen, die auch das nordamerikanische Land gegenüber Russland nach Beginn des Krieges in der Ukraine verhängt hat.

In Kanada gewartete Turbine soll an Siemens Energy geliefert werden

Nun soll die Turbine offenbar an Siemens Energy nach Deutschland geliefert werden. Die auf 40 Prozent gedrosselten Lieferleistungen hatte Gazprom nicht zuletzt mit Verweis auf die verspätete Rückgabe eben jener Turbine begründet. In der Bundesregierung hingegen hält man technische Bedenken für vorgeschoben und vermutet politisches Kalkül hinter den reduzierten Gasströmen.

So oder so: Das Risiko eines Totalausfalls russischer Gaslieferungen auch für die Bundesrepublik ist in den vergangenen Wochen immens gestiegen und längst kein unrealistisches Horrorszenario mehr. Stattdessen bereiten sich Regierung, Unternehmen und Privatverbraucher zunehmend darauf vor, möglichst energiesparsam durch die Heizperiode in den Wintermonaten zu kommen.

Grünes Wirtschaftsministerium reaktiviert Kohleverstromung

Dazu soll vorübergehend die klimaschädliche Energiegewinnung durch Kohlekraft verstärkt genutzt werden. Das Bundeswirtschaftsministerium arbeitet unterdessen mit Hochdruck daran, die nationalen Gasreserven bis zum Herbst aufzufüllen. Selbst mit Katar hat Wirtschaftsminister Robert Habeck Kooperationsverträge geschlossen, um die Energieversorgung in Deutschland sicherzustellen. Der Ausbau erneuerbarer Energien wie Windkraft- und Solaranlagen hinkt den Klimazielen weit hinterher, soll aber nun stärker vorangetrieben werden.

Die Energiekrise belastet Unternehmen und Haushalte schon jetzt. Sie ächzen unter einer Rekordinflation von rund 8 Prozent – bezogen auf den Energiesektor liegen die Teuerungsraten um ein Vielfaches höher. Sollte Gazprom den Gashahn nach Ende der Wartungsarbeiten am 21. Juli nicht wieder aufdrehen, dürfte sich die Lage noch einmal zuspitzen.

Deutschlands fatale Abhängigkeit von russischem Gas rächt sich nun

Deutschlands Energiepolitik der vergangenen Jahrzehnte steht unterdessen massiv in der Kritik. Das politische Konzept von Annäherung durch eng verknüpfte Handelsbeziehungen ist mit Blick auf Russland gescheitert, das hat der Einmarsch von Putins Truppen in die Ukraine im Februar über Nacht deutlich gemacht. Die starke deutsche Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen rächt sich nun: Obwohl die wirtschaftlichen Auswirkungen sowie die Inflationsdynamik auch weit über Deutschland und Europa hinaus zu spüren sind und die globale Konjunktur belasten, sind die wirtschaftlichen Folgen des Krieges in der Ukraine für Europa bis dato besonders gravierend.

Zuletzt sorgte Uniper, einer der größten Energieversorger Deutschlands, für Schlagzeilen, als staatliche Hilfen beantragt werden mussten, um eine drohende Insolvenz abzuwenden. Das fehlende Gas aus Nord Stream 1 muss anderweitig teuer eingekauft werden, dadurch geriet das Unternehmen in eine bedrohliche Schieflage.