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Wie der Ukraine-Krieg die Weltwirtschaft auf den Kopf stellen kann

Der Krieg in der Ukraine hat Europa kalt erwischt, genauer gesagt: Teile Europas.

Denn während Staaten wie Polen oder das Baltikum seit Langem vor russischen Aggressionen warnen, wollte man dies westlich der einstigen Sowjet-Gebiete nicht wahrhaben. Während des Kalten Krieges gelang der Waffenstillstand durch wechselseitige Abschreckung. Weil beide Seiten über Atomwaffen verfügten, hat es niemand gewagt, einen Krieg anzufangen.

Wirtschaftsbeziehungen taugen nicht mehr als Friedensgarant

Seit dem Ende des Kalten Krieges war ein Paradigmenwechsel zu beobachten. Auf militärische Abschreckung folgte diplomatische Annäherung, basierend auf und verstärkt durch wirtschaftliche Verflechtung. Beiderseitige wirtschaftliche Abhängigkeiten, so das Kalkül, würde einen Krieg verhindern können. Dies zumindest war die Hoffnung des Westens, die seit dem 24. Februar 2022 tief erschüttert wurde.

Die Entscheidung zum Einmarsch in die Ukraine fällte Russlands Präsident Wladimir Putin wohl weitgehend allein. Handlungsleitend waren dabei offenbar weniger rationale oder wirtschaftliche Erwägungen, sondern vielmehr die Sehnsucht des Machtmenschen und Autokraten Putin nach einer Rückkehr Russlands zu alter Stärke auf globaler Bühne – inklusive ehemaliger Sowjetgebiete, wie eben der Ukraine.

Wehrloser Westen?

Aus Putins Warte ist die Ukraine ein logisches Ziel, gerade weil sie – zumindest bisher – weder der Nato noch der Europäischen Union angehört. Einen Nato-Bündnisfall gilt es aus westlicher Sicht tunlichst zu vermeiden, zu groß wäre die Gefahr eines tatsächlichen Atomkriegs zwischen Moskau und Washington, der vermutlich erneut vor allem auf europäischem Boden stattfinden würde.

Die EU selbst aber hat es seit Jahrzehnten versäumt, eigene Streitkräfte aufzubauen, die jenseits der Nato schlagkräftig genug wären, um Putin selbst in die Schranken zu weisen. Das hektische Aufrüsten ausgerechnet unter einer rot-grün-gelben Bundesregierung ändert daran auch erst einmal nichts.

Wirtschaftliche Auswirkungen in Europa erwartet

Immerhin: Die westlichen Bündnisse sind in diesem Krisenfall ziemlich schnell ziemlich nah zusammengerückt. Die Differenzen zwischen Polen und der EU rücken in den Hintergrund, selbst Demokraten und Republikaner im US-Kongress sind einig wie schon lange nicht mehr, wenn es um die Bewertung des Krieges in der Ukraine geht.

Dennoch dürfte es den Westen noch teuer zu stehen kommen, dass er sich in den vergangenen drei Jahrzehnten so sehr verkalkuliert hat mit Blick auf Moskau. Das zeigt sich bereits jetzt an den wirtschaftlichen Sanktionen, die die USA und auch die EU gegen Russland verhängt haben: Von Ikea bis McDonalds wurde das Russlandgeschäft westlicher Firmen abrupt unterbrochen und auf Eis gelegt, möglicherweise erfolgt auch ein kompletter Rückzug, zumindest schließen einige Unternehmen dies nicht gänzlich aus. Exporte sind gestoppt, Lieferketten unterbrochen, der Ölpreis und mit ihm die Inflation steigen in ungeahnte Sphären. All das wirkt sich schon jetzt auf die Wirtschaftsentwicklung in Europa aus und könnte das Wachstum für das Gesamtjahr erheblich belasten.

Wirtschaftsforscher stutzen Wachstumsprognosen zurecht

Zumindest haben in den vergangenen Tagen diverse Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Konjunkturprognosen deutlich nach unten korrigiert. So hat unter anderem das Institut für Weltwirtschaft (IfW) seine Wachstumsprognose für Deutschland für das laufende Jahr in dieser Woche halbiert. Waren die Kieler Wirtschaftsforscher noch im Dezember von einem Wachstum von 4,0 Prozent ausgegangen, beziffern sie es nunmehr auf lediglich 2,1 Prozent. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) und das Bundeswirtschaftsministerium dämpften zuletzt die Konjunkturerwartungen für 2022 vor dem Hintergrund der Auswirkungen des Ukraine-Krieges.

Eigentlich standen die Zeichen in Deutschland und Europa auf Aufschwung: Die Corona-Beschränkungen wurden schrittweise aufgehoben, während der Pandemie angespartes Kapital wartete darauf, ausgegeben zu werden, und die Exportindustrie kommt mit dem Abarbeiten ihrer vollen Auftragsbücher kaum hinterher.

Etliche Branchen von Kriegsfolgen getroffen

Der Krieg jedoch verändert alles. Zwar spielen Russland und die Ukraine als Absatzmärkte deutscher Exportunternehmen eine nachrangige Rolle. Doch die Industrie rechnet mit einer erheblichen Verschärfung der Lieferengpässe von Rohstoffen und Bauteilen, die schon im vergangenen Jahr die Wirtschaftskraft in Deutschland merklich abgewürgt haben. Insbesondere die Chemieindustrie warnt zudem vor den Auswirkungen der steigenden Energiekosten, zahlreiche Firmen der Branche könnten in die Verlustzone abrutschen.

Weil hohe Gas- und Ölpreise einerseits, Lieferengpässe und Angebotsmangel andererseits aber auch die Inflation immer weiter antreiben, bleibt von dem angesparten Privatkapital ebenfalls kaum etwas übrig. Die Folge: rückläufige Konsumausgaben, die weitere Branchen treffen, etwa Einzelhandel, Tourismus oder Gastronomie, die nach zwei Jahren Pandemie ohnehin stark angeschlagen sind.

Weltweite Wirtschaftsordnung vor kompletter Neujustierung

Das aber sind nur die kurzfristigen, direkten Folgen, die in diesem Jahr zu erwarten sind und deren Intensität vom weiteren Verlauf der Ereignisse in der Ukraine abhängig sein dürften. Auf lange Sicht hingegen wirken die Risiken noch weitaus größer.

Kommt es tatsächlich zu einer erneuten Abkühlung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Ost und West, wäre langfristig mit einer grundlegenden Neuordnung der globalen Wirtschaftsgeflechte zu rechnen.

Interkulturelle Missverständnisse und geopolitisches Machtstreben

Russlands Macht gegenüber Europa liegt vor allem im Energiesektor: Ohne den Gasimport aus Russland wäre die Versorgung hierzulande nicht mehr sichergestellt. Händeringend sucht man nun nach Alternativen, weil ein politisch gewolltes Embargo gegen russische Gasimporte schlichtweg nicht ohne Weiteres umsetzbar ist. Sollte Putin seinerseits den Gashahn zudrehen, ohne dass alternative Versorgungswege organisiert sind – es drohte das blanke Chaos, gerade auch in Deutschland.

Die Abhängigkeit von Russland bezieht sich weitgehend auf Rohstofflieferungen und den Energiemarkt. Weitaus komplexer sind längst die wirtschaftlichen Verflechtungen, die Europa mit China eingegangen ist – ein Partner, der als mindestens genauso unberechenbar anzusehen ist wie Putin. Interkulturelle Missverständnisse können den Effekt begünstigen, dass westliche Konzern- und Regierungschefs lieber wegschauen, als sich einzugestehen, dass geopolitisches Machtstreben in autokratisch regierten Großstaaten maßgeblich handlungsleitend sein könnte und es nicht allein darum geht, dass beide Seiten von wirtschaftlichem Aufschwung profitieren.

Was, wenn sich China einmischt – und den Kreml unterstützt?

Es ist kein Geheimnis, dass die Regierung in Peking dem Kreml nähersteht als etwa der EU-Kommission oder gar der US-Administration. Bislang hat sich China bedeckt gehalten im Ukrainekonflikt. Sollte sich das Reich der Mitte jedoch auf die Seite Moskaus schlagen, wären die wirtschaftlichen Auswirkungen auf Europa um ein Vielfaches verheerender, als sie es ohnehin schon sind.

Die Idee, wechselseitige wirtschaftliche Verflechtungen als friedenssichernde Maßnahme im globalen Machtgefüge einzusetzen, ist grundsätzlich nicht schlecht. Sie funktioniert aber nur solange, wie das Primat des wirtschaftlichen Aufschwungs für alle Beteiligten eine gewisse Priorität besitzt.

Zumindest beim russischen Präsidenten ist das aktuell offenkundig nicht der Fall. So hart die Sanktionen den Westen selbst treffen mögen, der größte wirtschaftliche Verlierer dieses Krieges ist bis auf Weiteres: Russland.

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Über den Autor
Felix-Reinecke
Felix Reinecke

Nach mehreren Stationen bei renommierten deutschen Tageszeitungen berichtet er seit 2016 regelmäßig für den Investor Verlag über die wichtigsten Ereignisse in der Wirtschaftsbranche - egal ob Mittelstandsunternehmen von der schwäbischen Alb oder IT-Konzern aus dem Silicon Valley.

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