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Koalitionsvertrag steht: Welche Aktien jetzt interessant werden

Habemus Bundesregierung – zumindest theoretisch. Immerhin einen Koalitionsvertrag haben SPD, FDP und Grüne in dieser Woche vorgelegt, fast genau zwei Monate nach der Bundestagswahl.

Geben und Nehmen für Deutschlands erstes Dreierbündnis

Im Gegensatz zu den letztlich geplatzten Verhandlungen unter der Führung der Christdemokraten um ein Jamaica-Bündnis ist es diesmal gelungen, nicht nur während der Verhandlungen Stillschweigen nach außen zu wahren, sondern tatsächlich voraussichtlich die erste, von drei Fraktionen getragene Bundesregierung in der deutschen Nachkriegsgeschichte zu schmieden.

Das allein ist schon beachtlich, gerade im Hinblick auf die teils diametralen Unterschiede, die sich im Wahlkampf insbesondere zwischen den Grünen und den Liberalen deutlich abgezeichnet hatten. Das Ergebnis kann sich als „geben und nehmen“ verstehen lassen: Alle Parteien konnten Wünsche durchsetzen, mussten dafür aber an anderer Stelle Abstriche machen – wie es eben so ist, wenn man verschiedene Wahlprogramme zu einem Koalitionsvertrag zusammenfügen muss.

Ampel-Koalitionsvertrag: Progressivität trifft Kontinuität

Herausgekommen ist ein durchaus interessanter Mix aus Progressivität und Kontinuität. So ist eine Legalisierung von Cannabis für Erwachsene für den Freizeitgebrauch vorgesehen, was – je nach konkreter Ausgestaltung – zusätzliche Steuermilliarden in die Haushaltskassen der Ampelkoalitionäre spülen könnte. Auch in Sachen Migration zeigen sich die Parteien wesentlich offener als die bislang konservativ geführte Bundesregierung – was sich angesichts des sich verschärfenden Fachkräftemangels, hunderttausender freier Lehrstellen und der baldigen Verrentung der Babyboomer-Generation volkswirtschaftlich auszahlen könnte.

Interessant wird es aus Sicht von Wirtschaftsvertretern auch dadurch, dass die Richtlinienkompetenz beim designierten SPD-Kanzler Olaf Scholz liegen wird, das Finanzministerium in der Hand von FDP-Chef Christian Lindner landet und die Grünen sich ein Superministerium gesichert haben, das unter der Führung des Grünen Robert Habeck neben dem Wirtschaftsressort auch das Klima als expliziten Zuständigkeitsbereich im Namen trägt.

Klimaschutz und Energiewende werden zentrale Wirtschaftsthemen

Doch auch darüber hinaus zeigen sich Klimaschutzziele, die zwar Umweltverbänden oder der Bewegung „Fridays for Future“ erwartungsgemäß nicht weit genug gehen, aber doch deutlich ambitionierter daherkommen als die Maßnahmen, zu denen sich die Merkel-Regierungen in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten haben durchringen können.

So soll etwa die Energiewende, die ebenfalls in Habecks Superministerium angesiedelt ist, zügig vorangetrieben werden, sodass ein Ausstieg aus der Kohleverstromung „idealerweise“ bereits 2030 erfolgen kann und nicht, wie bislang geplant, erst im Jahr 2038. An genau diesem Wörtchen „idealerweise“ hatte sich der Fundi-Flügel der Grünen jedoch in der Vergangenheit aufgehangen, lässt er aus ihrer Sicht doch ein bequemes Schlupfloch bei Nichterreichen der selbstgesteckten Ziele.

FDP greift bei Verkehrsministerium zu

Vernünftig ist es dennoch, sich notfalls auf eine Übergangsphase einzulassen, sollte der Umstieg auf die Erneuerbaren bis zum Ende des Jahrzehnts noch nicht ausreichen, um die mehr als 80 Millionen Bundesbürger zuverlässig mit Strom zu versorgen. Der Strombedarf könnte zudem auch noch steigen, Stichwort Elektrifizierung des Automobilsektors.

In diesem Bereich wird die FDP jedoch ein gewichtiges Wörtchen mitreden, hat sie sich doch das Verkehrsministerium übertragen lassen. Ein allgemeines Tempolimit auf deutschen Autobahnen dürfte damit wohl vom Tisch sein.

Für Anleger bieten sich interessante Ansätze

Aus Sicht von Anlegern hat das Koalitionspapier demnach durchaus Potenzial, zumal zumindest mit Blick auf Industrie und Unternehmen ein allzu eklatanter Linksdrift unter Scholz, der dem eher rechten Flügel der SPD zugeordnet wird, zusammen mit einem Finanzminister Lindner eher nicht zu erwarten sein dürfte.

Neben den deutschen Schlüsselindustrien Automobil und Chemie werden angesichts der nun vorgestellten Koalitionspläne wohl vor allem Aktien interessant, die bislang eher ein Nischendasein führen und nur selten in großen Börsenindizes gelistet sind, etwa Unternehmen, die sich auf erneuerbare Energien spezialisiert haben, aber auch Cannabisaktien dürften im Zuge einer Legalisierung für den Freizeitkonsum in einem neuen Licht betrachtet werden.

Bauboom dürfte weitergehen

Zudem zeichnet sich ein anhaltender Boom für die Baubranche ab: Der Bereich Bauen und Wohnen gilt der designierten Bundesregierung als so zentral, dass hierfür sogar ein eigenes Ministerium geschaffen wurde. Es soll dabei helfen, Bauvorhaben zu beschleunigen, die Wohnungsnot in Ballungsräumen zu verringern und die teils massiv steigenden Mietpreise in den Griff zu bekommen.

Auch Unternehmen, die in den Bereichen städtische Nachverdichtung, Gebäudesanierung von Bestandsimmobilien, aber auch Neubauprojekten aktiv sind, werden damit aus Anlegersicht noch einmal interessanter.

Unterm Strich haben sich die Koalitionäre viel vorgenommen, nun kommt es auf die Details an. Zunächst jedoch müssen die Parteien dem nun vorgelegten Kompromiss noch zustimmen, und das umfasst idealerweise auch die Grünen.

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Über den Autor
Felix-Reinecke
Felix Reinecke

Nach mehreren Stationen bei renommierten deutschen Tageszeitungen berichtet er seit 2016 regelmäßig für den Investor Verlag über die wichtigsten Ereignisse in der Wirtschaftsbranche - egal ob Mittelstandsunternehmen von der schwäbischen Alb oder IT-Konzern aus dem Silicon Valley.

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