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Rezession nicht so schlimm wie befürchtet?

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Die Konjunkturdaten der vergangenen Tage und Wochen darf man getrost als durchwachsen bezeichnen.

Dass man die Worte „Inflation“, „10 Prozent“ und „gesunken“ mal in einem Satz würde unterbringen können, hätten die meisten vor einem Jahr wohl kaum für möglich gehalten – und doch ist es genau so gekommen: Laut ersten Schätzungen des europäischen Statistikamts Eurostat ist die Inflationsrate im Euroraum im November erstmals seit Monaten leicht gesunken – eben auf 10,0 Prozent. Noch im Oktober hatte die Inflation bei 10,6 Prozent gelegen. Ein Rückgang war erwartet worden, allerdings ein geringerer auf 10,4 Prozent.

Preise für Energie und Lebensmittel erneut deutlich gestiegen

Erneut sind es vor allem die steigenden Preise für Energie und Lebensmittel, die die Inflation weiter anheizen. Zwar gab der Ölpreis am Weltmarkt im November zweistellig nach, und tatsächlich fiel der Preisanstieg im Energiesektor geringer aus als noch im Oktober. Binnen Jahresfrist lag die Teuerungsrate aber immer noch bei knapp 35 Prozent. Nahrungsmittelpreise stiegen um 13,6 Prozent und legten damit sogar stärker zu als im Oktober, als die Teuerungsrate in diesem Segment bei 13,1 Prozent gelegen hatte.

Angesichts der anhaltend hohen Inflation gelingt es Gewerkschaften immer häufiger, in Tarifabschlüssen größere Lohnsprünge durchzusetzen. Diese reichen zwar nicht aus, um die Inflation vollständig abzufangen, dennoch sind Abschlüsse von 6 oder 8 Prozent inzwischen keine Seltenheit mehr. Kritiker warnen vor einer Lohn-Preis-Spirale, auf der anderen Seite droht ein nachhaltiger Wohlstandsverlust, wenn die Kaufkraft dauerhaft rapide nachlässt.

Reallohnverlust von 6 Prozent im Sommerquartal

Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes sanken die Reallöhne im Sommerquartal um durchschnittlich rund 6 Prozent. Es ist das vierte Quartal in Folge, in dem die Statistiker für deutsche Beschäftigte einen Reallohnverlust auswiesen – und mit 6 Prozent der höchste seit Beginn der Berechnungen dieser Kennziffer im Jahr 2008.

Das Tempo des Kaufkraftverlustes nimmt dabei stetig zu: Im Schlussquartal 2021 lag der reale Lohnverlust bei 1,4 Prozent, im Auftaktquartal 2022 bei 1,8 Prozent und im Frühling bereits bei 4,4 Prozent. Politiker und Ökonomen haben unterdessen bereits zahlreiche Maßnahmen eingeleitet, um der Inflationsdynamik etwas entgegenzusetzen. So erhöhten die Notenbanker bereits mehrfach den Leitzins, die Bundesregierung legte Hilfspakete für Bürger und Unternehmen auf und Firmen zahlen ihren Beschäftigten höhere Gehälter.

Zaghaftes Entspannungssignal bei Erzeugerpreisen

Insgesamt rechnen Beobachter daher für das kommende Jahr mit einer Verlangsamung der Preissteigerungen. Bis zu einer Normalisierung, also einer Preisstabilität, die die Europäische Zentralbank bei einer Inflationsrate von 2 Prozent annimmt, dürfte es aber wohl noch mehrere Jahre dauern.

Ein zaghaftes Signal der Entspannung gab es zuletzt bei den Erzeugerpreisen. Diese gingen im Oktober erstmals seit zweieinhalb Jahren leicht zurück – entgegen den Erwartungen. Nach jeweils 45,8 Prozent im August und September stiegen die Erzeugerpreise im Oktober um nur noch 34,5 Prozent.

Ifo-Geschäftsklimaindex hellt sich überraschend auf

Ökonomen sehen hier einen Hoffnungsschimmer, dass sich die Entspannung mittelfristig auch auf die Verbraucherpreise übertragen könnte – doch der Weg dorthin ist noch lang. So haben die Unternehmen in Deutschland die gestiegenen Kosten bisher noch nicht vollständig, sondern lediglich zu etwa einem Drittel an die Kunden weitergereicht. Zu diesem Ergebnis kam eine Erhebung des Münchener Ifo-Instituts. Immerhin: Nach 51,3 Prozent im Oktober gaben im November nur noch 46,7 Prozent der befragten Unternehmen an, in den kommenden drei Monaten ihre Preise erhöhen zu wollen.

Auch der Ifo-Geschäftsklimaindex fiel zuletzt etwas besser aus als gedacht. Demnach hat sich die Stimmungslage in den Chefetagen deutscher Unternehmen im November etwas aufgehellt. Der Index stieg von 84,5 auf 86,3 Punkte. Zwar wird die aktuelle Geschäftslage weiterhin pessimistisch eingestuft, der Ausblick für die kommenden Monate fiel aber wieder etwas optimistischer aus als zuletzt.

EU-Kommission rechnet mit moderater Rezession

Die Material- und Lieferengpässe, die in den vergangenen zwei Jahren für herbe Einschnitte gesorgt hatten, lassen offenbar allmählich nach. Die Lieferketten funktionieren wieder besser. Zwar gehen Unternehmen wie Ökonomen weiterhin von einem Abgleiten in eine Rezession in den kommenden Monaten aus, diese könnte aber schwächer ausfallen als zunächst befürchtet, so die Interpretation der aktuellen Daten.

Auch die EU-Kommission rechnet in ihrem Herbstgutachten für das laufende sowie das kommende Quartal mit einer Rezession für die meisten Euro-Länder. Für Deutschland rechnet die Kommission mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 0,6 Prozent. Die Bundesregierung sowie das Gremium der Wirtschaftsweisen rechnen sogar nur mit 0,4 beziehungsweise 0,2 Prozent negativem Wirtschaftswachstum.