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Paukenschlag bei Verdi: Startet jetzt die Lohn-Preis-Spirale?

Inhaltsverzeichnis

Jetzt ist es amtlich: Die Inflationsrate hat im September auch in Deutschland einen zweistelligen Wert erreicht.

Das Statistische Bundesamt bestätigte vor wenigen Tagen seine erste Schätzung: Mit 10,0 Prozent fiel die Steigerung der Verbraucherpreise im Vergleich zum Vorjahresmonat so hoch aus wie zuletzt Anfang der 1950er Jahre, also unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Gründung der Bundesrepublik.

Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst: Gewerkschaften fordern zweistelliges Lohnplus

Mit einer entsprechend historisch hohen Forderung startet nun die Tarifrunde für Beschäftigte im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und der Deutsche Beamtenbund ziehen mit einem Ziel von 10,5 Prozent Lohnsteigerung, mindestens aber 500 Euro monatlich in die neuen Verhandlungen, die offiziell im Januar beginnen werden.

Es gehe bei dieser Tarifrunde ganz vorrangig ums Geld und darum, dass die Beschäftigten angesichts der extremen Inflation keine Reallohnverluste einfahren, so die Arbeitnehmerseite. Die Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände hingegen beziffert die Kosten einer solchen Forderung auf mehr als 15 Milliarden Euro und wies sie als „nicht leistbar“ zurück.

Neue Warnstreiks im kommenden Jahr?

Natürlich wissen beide Seiten, dass zu Beginn der Verhandlungsrunde stets die Maximalforderung auf dem Tisch liegt und das Ergebnis am Ende üblicherweise geringer ausfällt. Dennoch ist es ein starkes Signal, das ausgesendet wird – vor allem angesichts der Tatsache, dass Verdi Arbeitnehmer in etlichen Branchen und Lebensbereichen vertritt, sodass auch in anderen Berufsgruppen künftig ähnlich hohe Forderungen gestellt werden könnten.

Es drohen harte Verhandlungen und neuerliche Warnstreiks, im öffentlichen Dienst hat man sich bereits auf drei Verhandlungsrunden im ersten Quartal 2023 verständigt. Der Beamtenbund bezeichnete die vorgebrachte Lohnforderung als moderat: Eigentlich müsse man bis zu 20 Prozent mehr Lohn fordern.

Bundesbankpräsident: 7 Prozent Inflation im nächsten Jahr?

Der Unmut der Beschäftigten ist indes mehr als verständlich: Nicht nur Wirtschaftsforscher, sondern auch immer mehr Institutionen gehen inzwischen davon aus, dass auch das kommende Jahr von Inflation und wohl auch Rezession geprägt sein wird.

Bundesbankpräsident Joachim Nagel etwa rechnet für das kommende Jahr weiterhin mit steigenden Preisen – und einer Inflationsrate, die im Jahresschnitt „eine Sieben vor dem Komma“ haben dürfte. Vor allem wegen der stark gestiegenen Energiekosten könnte die Teuerungsrate sogar noch höher ausfallen.

Massive Preissteigerungen bei Energie und Lebensmitteln

Es sind vor allem die Energiepreise, die für sich genommen, aber auch wegen ihrer Folgewirkungen auf Produktion und Transport etlicher anderer Güter die Inflation weiter in die Höhe treiben. Im September kostete Energie knapp 44 Prozent mehr als im Vergleichsmonat des Vorjahres, wobei sich leichtes Heizöl und Erdgas jeweils im Preis ungefähr verdoppelt haben. Der Strompreis legte um gut ein Fünftel zu, an der Tankstelle wurde fast ein Drittel mehr fällig als noch vor einem Jahr.

Nahrungsmittel verteuerten sich im Schnitt um fast 19 Prozent, wobei die Preissteigerungen in einzelnen Produktgruppen deutlich darüber lagen, etwa bei Speiseöl oder Milchprodukten. Obwohl die höheren Energiekosten bei vielen Haushalten bislang noch gar nicht angekommen sind, sondern sich die Abschlagszahlungen an die Versorger erst in den kommenden Monaten erhöhen werden, geraten schon jetzt viele an ihre finanziellen Belastungsgrenzen. Spielräume, um Geld zu sparen oder gar gewinnbringend anzulegen, fallen bei vielen Haushalten aktuell komplett weg – es geht alles für die Lebenshaltung drauf.

Etliche Branchen schlagen Alarm – droht eine Pleitewelle?

Entsprechend besorgt blickt unter anderem der Einzelhandel auf das bevorstehende Weihnachtsgeschäft. Einerseits wurde vielfach dazu geraten, möglichst frühzeitig mit dem Geschenkeshopping zu beginnen, um Lieferengpässe und lange Wartezeiten zu umgehen. Andererseits dürfte das Budget für Weihnachtsgeschenke und Co. in diesem Jahr deutlich schmaler ausfallen als üblich – sehr zum Leidwesen der Einzelhändler, die nach zweieinhalb Jahren Pandemie vielfach immer noch stark angeschlagen sind.

Quer durch die Wirtschaftszweige schlagen Branchenvertreter dieser Tage Alarm. Vor allem das produzierende Gewerbe fürchtet eine Pleitewelle, wenn nicht bald eine politische Lösung für die Energiepreisexplosion umgesetzt wird.

Regierung diskutiert nächstes Entlastungspaket

Zurzeit diskutiert die Bundesregierung über die Details eines dritten Entlastungspaketes, um Privathaushalte und Unternehmen in den Wintermonaten zu entlasten. Doch klar ist auch: Der Bund wird nicht alles auffangen können. Die zahlreichen Hilfsmaßnahmen, die Bund und Länder in den vergangenen drei Jahren auf den Weg gebracht haben, sorgen bereits für Milliardenverluste in der Staatskasse. Zwar pocht Finanzminister Christian Lindner bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf, im kommenden Jahr die Schuldenbremse wieder einhalten zu wollen – doch der Kreis derer, die daran wirklich glauben, schrumpft.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck stimmt die Bürger mit Blick auf die kommenden Kältemonate auf „ernste Zeiten“ ein. In ihrer aktuellen Konjunkturprognose geht die Bundesregierung demnach von einem Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent im laufenden Jahr aus. In der Frühjahrsprognose hatte man noch mit einem Plus von 2,2 Prozent in diesem und 2,5 Prozent im kommenden Jahr gerechnet. Für 2023 gilt nun eine Rezession als hochwahrscheinlich, die Herbstprognose rechnet mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 0,4 Prozent. Eine Rückkehr in die Wachstumszone ist demnach erst 2024 wieder zu erwarten.

Bundesregierung: Herbstprognose macht wenig Hoffnung

Mit Blick auf die Inflationsentwicklung rechnet die Bundesregierung in ihrer aktuellen Schätzung nur mit einer geringen Entspannung: Für 2022 liegt der Prognosewert bei 8,0 Prozent, für 2023 bei 7,0 Prozent. Dabei gilt es jedoch zu berücksichtigen, dass die Preissteigerungen im kommenden Jahr ins Verhältnis gesetzt werden zu den bereits sehr hohen Preisen in diesem Jahr. Ein Preisniveau, wie man es vor der Pandemie kannte, wird wohl so schnell nicht wieder zurückkehren.

Mit ihren pessimistischen Prognosen befindet sich die Bundesregierung in guter Gesellschaft. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt vor einer globalen Wirtschaftskrise und hat seine Konjunkturerwartungen einmal mehr deutlich heruntergeschraubt.

IWF: Rezession in einem Drittel der Welt

So rechnet der IWF für das kommende Jahr mit einem globalen Wirtschaftswachstum von nur noch 2,7 Prozent. Im Juli waren die Experten noch von 2,9 Prozent ausgegangen. Für den Euroraum liegt die Wachstumsprognose des IWF für 2023 bei nur noch 0,5 Prozent. Deutschlands Bruttoinlandsprodukt wird der Schätzung zufolge um 0,3 Prozentpunkte schrumpfen. Insgesamt sieht der IWF etwa ein Drittel der Weltwirtschaft von einer Rezession bedroht. Die USA, China und die Europäische Union stehen demnach im Schnitt vor einem Jahr der wirtschaftlichen Stagnation.

Die Inflation sieht auch der IWF für das laufende und das kommende Jahr deutlich oberhalb der von den Notenbanken angestrebten Zielmarke von 2 Prozent. In den Industriestaaten werde der Wert demnach in diesem Jahr bei 7,2 Prozent liegen und 2023 auf 4,4 Prozent zurückgehen. Mit deutlich höheren Preissteigerungen haben Schwellen- und Entwicklungsländer zu kämpfen, wo die Teuerung nach durchschnittlich knapp 10 Prozent in diesem Jahr nur moderat zurückgehen dürfte, der IWF rechnet hier für das kommende Jahr noch immer mit 8,1 Prozent.

Es drohen eine Lohn-Preis-Spirale – und soziale Unruhen

Kein Wunder also, dass die Gewerkschaften auf die Barrikaden gehen und bei zweistelligen Inflationsraten nun auch zweistellige Lohnanpassungen fordern. Ökonomen warnen bereits seit Monaten vor einer Lohn-Preis-Spirale, die dadurch in Gang gesetzt werden und die Inflationsdynamik weiter ankurbeln könnte. Werden die Löhne hingegen nicht ausreichend stark angehoben, drohen massive soziale Unruhen und gesellschaftliche Verwerfungen.

Minister Habeck hat also recht: Das Land steht vor schweren Zeiten.