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Gewinnt die USA gerade eine Art "Wirtschaftskrieg" gegen China?

von Jochen Steffens

Oft, wenn es um den hohen Ölpreis geht, wird die hohe Nachfrage in China als einer der Gründe genannt. Ich bin da auf der einen Seite sehr skeptisch, und auf der anderen entwickelt sich daraus eine Theorie, die ich hier schon einmal vor einigen Jahren in Ansätzen vorgestellt hatte.

Unlängst war im Manager-Magazin zu lesen, dass in diesem Jahr viele Wanderarbeiter nach dem Neujahrsfest nicht mehr in die Fabriken in den Osten und Süden zurückgekehrt seien. Andere, die zurückkehrten, hätten vor verschlossenen Türen gestanden, da viele Fabriken in den Wachstumszonen geschlossen wurden.

Natürlich sind solche Nachrichten aus China immer schwierig zu beurteilen. Das Land ist einfach zu groß, so dass man nie weiß, wie tiefgreifend eine solche Entwicklung wirklich ist – welche Umwälzungen, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Bei 200-300 Millionen Wanderarbeitern ist ein Überblick schwierig.

Die Kosten in China explodieren

Aber die Begründung war interessant: Die Kosten in China explodieren. Nahrungsmittel, Energie und Rohstoffe sind primäre Effekte. Aber auch die Löhne steigen dramatisch. Einerseits, um die steigenden Lebenshaltungskosten zu finanzieren, andererseits gibt es wohl auch in dem bevölkerungsreichsten Land der Erde mittlerweile eine höhere Nachfrage nach billiger Arbeit. Und wenn die Nachfrage schneller als das Angebot steigt, steigen die Preise, in diesem Fall die Löhne.Selbst der Staat mischt über höhere Steuern und schärfere Umweltauflagen beim Preisanstieg mit.

Steigender Yuan

Ein letzter, sehr wichtiger Punkt ist allerdings die Aufwertung des Yuans gegenüber dem Dollar.

Chart

Wenn ein chinesischer Unternehmer sein Produkt in den USA verkauft, erhält er dafür Dollar, die er bei einem steigenden Yuan in immer weniger Yuan eintauschen kann. Er muss aber seinen Arbeiter immer noch Yuan auszahlen. Damit sinkt seine Gewinnmarge.

Man kann es auch umdrehen, dann wird es vielleicht noch deutlicher: Letztendlich bedeutet ein steigender Yuan, dass man mit einem Yuan mehr Dollar kaufen kann. Ein steigender Yuan führt im Prinzip also dazu, dass die Arbeitnehmer, wenn wir das in Dollar umrechnen würden, mehr Dollar für ihre Arbeit erhalten. Kurz, in Dollar gerechnet, steigen die Löhne durch die Aufwertung des Yuans und damit verringert sich der Lohnunterschied zwischen den USA und China. Letztlich sollte das in der Konsequenz zu steigenden Preisen der chinesischen Produkte auf dem US-Markt führen, wenn die Unternehmen in China nicht dauerhaft Margeneinbußen hinnehmen wollen – der Wettbewerbsvorteil sinkt. Kein Wunder also, dass diese Aufwertung von den USA beständig gefordert wurde.

Das Ende des Billiglohnlandes China?

Damit verliert aber China immer mehr den Status des „Billiglohnlandes“. Und genau darum geht es. Nur durch die extrem niedrigen Löhne konnte China die Welt (besonders die USA) trotz weiter Transportwege mit billigen Waren fluten.

Jetzt kommt in China alles zusammen. Die Rohstoffpreise steigen, die Nahrungsmittelpreise steigen und die Löhne steigen. Hinzu kommt die Aufwertung des Yuans und die damit verbundene geringere Wettbewerbsfähigkeit Chinas weltweit.

Ölpreis steigt weiter, warum?

Wenn sich aber doch abzeichnet, dass das Wirtschaftswachstum in China ins Stottern gerät, warum steigt dann der Ölpreis munter weiter, wenn doch ein Hauptargument vieler Analysten die Nachfrage aus China ist?

Ist das das bekannte letzte Aufflackern der Übertreibung, kurz bevor auch der Masse klar wird, dass eine Übertreibung vorbei ist? Oder gibt es einen anderen Grund?

Wirtschaftskrieg oder freier Markt?

Vor einiger Zeit hatte ich hier im Investor’s Daily einmal geschrieben, dass es durchaus sein kann, dass auch ein gewisses „Kalkül“ hinter den steigenden Ölpreisen steht. Damals weigerte sich China die starre Dollarbindung aufzugeben.

  1. Der Anteil der Rohstoffkosten in der Kalkulation der chinesischen Unternehmen macht prozentual einen wesentlich größeren Anteil aus, als in den westlichen Länder. Hier sind es die Löhne, die einen wesentlich größeren Anteil ausmachen. Diese Löhne sinken hier zudem jedoch seit Jahren real, während sie in China ansteigen. Die Auswirkungen steigender Rohstoffpreise belasten demnach die chinesischen Unternehmen um ein Vielfaches.
  2. Die steigenden Rohstoffpreise (inkl. Nahrungsmittel) führen natürlich weltweit zu steigenden Preisen (Inflation). Wie wir wissen, führt auch Wirtschaftswachstum direkt zu Inflation. Hat man es demnach mit einem starken Wirtschaftswachstum und gleichzeitig mit stark steigenden Rohstoffpreisen zu tun, kann es zu einer massiven Inflationsspirale kommen. Das gilt insbesondere dann, wenn auch noch die Löhne mitziehen. Natürlich ist eine galoppierende Inflation (gleichzusetzen mit einem Vertrauensverlust in die eigene Währung) ein nicht zu tolerierendes Szenario, da diese meistens zu einer starken Wirtschaftskrise führt. Das musste die chinesische Regierung verhindern. Wichtige Hilfsmittel dabei: Zinserhöhungen, Beschränkungen der Kreditvergabe und Kontrolle der Geldmengenausweitung. Alles das hat China gemacht. Normalerweise führen diese Interventionen im Nebeneffekt zu einer (weiteren) Aufwertung der Währung.
  3. Wenn jedoch der Yuan an den Dollar gebunden ist, kann es nicht zu dieser Aufwertung kommen. Nun verliert der Dollar in den letzten Jahren auch noch beständig an Wert. Das dramatisiert die Entwicklung in China zusätzlich. So gesehen blieb China gar nichts anderes übrig, als die Bindung an den Dollar aufzugeben und eine Aufwertung zuzulassen. Alles andere würde zu einer galoppierenden Inflation mit all den gefürchteten Folgen führen.

Diese Aspekte führen im Moment dazu, dass China immer mehr seine Vorteile als Billiglohnland nach und nach verliert.

Wurde alles geplant?

Liest man diese drei Punkte und dreht einmal den Spieß gedanklich um, wird es faszinierend.

Ich erinnere mich noch gut daran, dass 2002-2004 viel über einen Wirtschaftskrieg zwischen den USA und China spekuliert wurde. Wie sollte die USA dem Billiglohnland entgegentreten, welche Waffen hat ein Land, wenn der „Gegner“ (China) über riesige Währungsreserven in Dollar verfügt und damit über sehr viel Macht? Damals schien die USA dem chinesischen Wirtschaftswachstum und den billigen Waren aus China hilflos ausgeliefert. Die Kommentatoren sahen China deutlich im Vorteil. Heute sieht das Bild vielleicht schon etwas anders aus.

Natürlich kennen sich gerade die Verantwortlichen in den USA bestens mit den entscheidenden Faktoren der ökonomischen Strukturen aus. Stellen wir uns demnach einfach einmal vor, 2002-2005 haben sich einige wichtige Leute an entscheidender Stelle in den USA Gedanken gemacht, wie sie der Billig-Konkurrenz aus China entgegentreten könnten. Menschen, die Zeit haben, die rechnen können und sich verdammt gut in makroökonomischen Zusammenhängen auskennen.

Wenn die hohen Rohstoffpreise, die steigenden Löhne, die Aufwertung des Yuans usw. die chinesische Wirtschaft tatsächlich in Bedrängnis bringt und China (so wie es im Manager-Magazin angerissen wird) tatsächlich den Status als Billiglohnland verliert, wäre aus Sicht der USA alles bestens gelaufen.

Die westlichen Länder verkraften den Anstieg der Rohstoffpreise wesentlich besser. Aufgrund des niedrigeren Wirtschaftswachstums sind hier (zumindest zurzeit noch) die Inflationsgefahren geringer. Da die wirtschaftlichen Strukturen der großen Unternehmen weltweit besser verflochten sind, können die Rohstoffpreise aber auch die Inflation in den USA wesentlich besser ausgeglichen werden.

Kann es also sein, dass die USA vielleicht diverse Entwicklungen absichtlich gefördert haben? Steigt der Ölpreis auch jetzt noch weiter, obwohl Ermüdungserscheinungen in China deutlich sichtbar werden (und auch schon in den Börsenkursen des Landes vorweggenommen werden), um China den "Rest" zu geben? Eigentlich müsste es doch zu fallenden Ölpreisen kommen, wenn Chinas Ölhunger derart entscheidend sein sollte (was ich, wie gesagt, nicht einmal so unbedingt glaube). Steckt hinter allem also ein unglaublich raffiniertes Kalkül?

Normale Kräfte des Marktes?

Oder sind das alles die oft beschworenen Selbstheilungskräfte des freien Marktes? Und nur im Nachhinein betrachtet ergeben eigentlich zufällige Ereignisse einen übergeordneten aber tatsächlich nicht existenten Sinn.

Ich überlasse Ihnen die Entscheidung zwischen Verschwörungstheorie und logisch struktureller Entwicklungen.

Sie wissen, ich bin kein Freund dieser Verschwörungsgedanken. Das einzige, was mich etwas verunsichert ist, dass diese Idee zumindest im Ansatz schon vor langer Zeit hier vorgestellt wurde und nun, Jahre später, scheint es um ein Vielfaches perfekter realisiert. Da schuddert’s einen doch – ehrlich …

Viele Grüße

Jochen Steffens

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