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Finanzplatz Frankfurt – ein Brexit-Verlierer?

Große Hoffnungen hatte man in Frankfurt auf den Brexit gesetzt: Wenn die europäische Finanzmetropole London die Staatengemeinschaft verlassen würde, müssten sich etliche internationale Großbanken und sonstige Finanzdienstleister einen anderen Standort suchen, um ihre Europageschäfte zu bündeln.

Londoner Banker fühlen sich wohler in Paris

Als einer der wichtigsten europäischen Börsenplätze, beheimatet in der stärksten Wirtschaftskraft der Eurozone und mit dem Sitz der Europäischen Zentralbank im Stadtgebiet hatte man sich in „Mainhattan“ schon auf die Londoner Banker gefreut – doch die fühlen sich offenbar wohler in Paris.

Das liegt zum einen am Flair der Metropole: Wer London gewohnt ist, dem ist Frankfurt schlichtweg zu schnöde. Zwischen Bahnhofsviertel und Bankentürmen fehlt der Charme, den französische Straßencafés zu verströmen imstande sind. Auch das Metro-System von Paris und London ist eher miteinander vergleichbar als das teils oberirdisch, teils unterirdisch verlaufende Stadtbahnnetz der Mainmetropole. Wo London mit Riesenrad und Royals punkten kann und Paris mit Louvre und Eiffelturm auftrumpft, hat Frankfurt eine vergleichsweise unspektakuläre Innenstadt zu bieten – man ist eben weder Regierungssitz noch Touristenmagnet, sondern in erster Linie Finanzplatz.

Niedergang des deutschen Finanzsektors

Doch jenseits persönlicher Befindlichkeiten und Wohnvorlieben hat sich auch Deutschland in Sachen Finanzwesen in den vergangenen Jahren nicht unbedingt einen ruhmreichen Namen erarbeitet. Die Deutsche Bank war in sämtliche größeren internationalen Bankenskandale verwickelt. Die zweitgrößte Bank des Landes, die Commerzbank, war durch die Übernahme der Dresdner Bank in Schieflage geraten, musste im Zuge der Finanzkrise gerettet werden und gehört immer noch zum Teil dem Staat. Die Commerzbank Aktie ist aus dem Dax längst in die zweite Reihe abgestiegen.

Ersetzt wurde sie seinerzeit durch Wirecard, jenen Finanzdienstleister, der vor fast genau einem Jahr spektakulär Insolvenz anmelden musste: Luftbuchungen in Höhe von knapp 2 Milliarden Euro waren jahrelang niemandem aufgefallen, Wirtschaftsprüfer und Finanzaufsicht haben offenbar nicht so genau hingesehen, ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss hat mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet.

Kommt Frankfurt noch zum Zuge?

Die Finanzaufsichtsbehörde Bafin macht eine schlechte Figur, ebenso wie die Wirtschaftsprüfer von EY und auch das Bundesfinanzministerium. Die einen wollten nichts bemerkt haben, die anderen fühlten sich nicht zuständig oder schlichtweg zu schwach, um wirksam durchzugreifen. Die Bafin – ein Papiertiger?

Auch der Cum-Ex-Skandal wirft kein gutes Licht auf die Behörde oder das Bundesfinanzministerium. Die Liste der Verfehlungen ließe sich problemlos fortsetzen, doch schon die Spitze des Eisbergs genügt, um einen verheerenden Eindruck zu hinterlassen. Solche Rahmenbedingungen wirken nicht eben einladend auf die seriösen Teile der Finanzbranche.

Zuletzt kamen daher immer wieder Paris, aber auch Amsterdam zum Zuge, wenn es darum ging, britischen Bankern nach dem Brexit eine neue Wirkungsstätte schmackhaft zu machen. Ob Frankfurt vom Londoner Kuchen auch noch ein größeres Stück abbekommen wird, darauf könnte auch die künftige Bundesregierung Einfluss nehmen – je nachdem, wie sie die finanzpolitischen Rahmenbedingungen für die Akteure der Branche aus- oder umgestaltet.

 

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Über den Autor
Felix-Reinecke
Felix Reinecke

Nach mehreren Stationen bei renommierten deutschen Tageszeitungen berichtet er seit 2016 regelmäßig für den Investor Verlag über die wichtigsten Ereignisse in der Wirtschaftsbranche - egal ob Mittelstandsunternehmen von der schwäbischen Alb oder IT-Konzern aus dem Silicon Valley.

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