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Brexit wirkt negativ auf Außenhandel – Stimmung unter Brexiteers kippt

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Die Kritiker haben es schon immer gewusst, alle anderen haben es inzwischen schwarz auf weiß: Ein Jahr nach dem endgültigen Abschied Großbritanniens aus der Europäischen Union steht das Königreich wirtschaftlich schlechter da als zuvor.

Sicherlich, auch die britischen Unternehmen hatten an den Auswirkungen der Pandemie zu knabbern. Doch längst nicht alles, was an der neuen EU-Außengrenze schiefläuft, lässt sich damit begründen. Vielmehr zeigt sich die Kehrseite des Ausstiegs aus der Staatengemeinschaft und ihren wirtschaftlichen Vorzügen, wie etwa Binnenmarkt oder Zollunion.

Kaum bilaterale Handelsabkommen ein Jahr nach EU-Austritt

Vom ursprünglichen Ziel, eigenständig bessere Konditionen mit internationalen Handelspartnern austarieren zu können, wenn nur die Geißeln der EU einmal abgeschüttelt sind, ist nicht viel übriggeblieben. Zwar konnte die Regierung unter Premierminister Boris Johnson inzwischen einzelne bilaterale Handelsabkommen unterzeichnen, doch häufig handelt es sich dabei um Länder, die nur einen geringen Bruchteil der Außenhandelsbeziehungen Großbritanniens abdecken. Mit den USA etwa besteht bis heute kein solches Einzelabkommen, und die Biden-Administration scheint dem Thema auch keine sonderlich hohe Priorität einzuräumen.

Doch auch der Handel mit europäischen Ländern ist beschwerlicher geworden – und verzeichnet insgesamt eine rückläufige Entwicklung. Zwar wurde kurz vor dem finalen EU-Austritt noch ein Handelspakt zwischen London und Brüssel vereinbart, doch Unternehmen stoßen trotzdem immer wieder an ihre Grenzen.

Parlamentsausschuss mit vernichtendem Urteil: „Mehr Bürokratie, höhere Kosten“

Anstelle größtmöglicher Freiheit ohne die lästigen Vorgaben der EU sehen sich britische Exporteure mit „höheren Kosten, mehr Bürokratie und Verzögerungen an den Grenzen“ konfrontiert. Zu diesem Ergebnis kam zuletzt ein Parlamentsbericht, der die Brexit-Folgen ein Jahr nach dem EU-Abschied bilanzieren sollte.

Zum gleichen Ergebnis wie der Parlamentsausschuss kam auch eine Umfrage unter mehr als 1.000 britischen, größtenteils mittelständischen Unternehmen: Auch sie sahen den Handelspakt mit großer Mehrheit als nicht hilfreich an für ihr Exportgeschäft.

Großbritannien nur noch knapp in Top Ten deutscher Außenhandelspartner

In dieselbe Richtung deuten aktuelle Zahlen zum deutsch-britischen Warenverkehr: Über viele Jahre zählte Großbritannien zu den wichtigsten Außenhandelspartnern der Bundesrepublik, ein Platz in den Top Five galt als sicher. Das hat sich mittlerweile drastisch verändert: Nach Rang 7 im Vorjahr landete Großbritannien im Jahr 2021 gerade noch auf Platz 10 der wichtigsten deutschen Außenhandelspartner.

Mehr noch: Während die Handelsbilanz mit allen anderen in den Top Ten vertretenen Ländern im Zuge der wirtschaftlichen Erholung mit Abflachen der Corona-Krise kräftig zulegen konnte, ging der Warenhandel zwischen Deutschland und Großbritannien im vergangenen Jahr sogar um 4,6 Prozentpunkte zurück. Demnach exportierte die Bundesrepublik 2,6 Prozent weniger ins Königreich als im Vorjahr, während die Importe von den britischen Inseln sogar um 8,5 Prozent schrumpften. Ein Abschied aus den Top Ten ist laut Beobachtern nur noch eine Frage der Zeit.

Denn die Entwicklung wird weiter belastet, so etwa seit Beginn des Jahres durch zusätzliche britische Kontrollen von EU-Importen, die seither zu weiteren Verzögerungen im grenzüberschreitenden Warenverkehr führen. Im Sommer steht zudem die Einführung weiterer Zollvorschriften im Lebensmittelhandel an, was die Herausforderungen noch ausweiten und sich entsprechend negativ auf den deutsch-britischen Außenhandel auswirken dürfte.

Johnson unter Druck: Kritik am Brexit wird lauter – auch unter Brexiteers

In Großbritannien wächst unterdessen der Unmut über die gebrochenen Versprechen der Brexit-Kampagne: Laut einer Umfrage von Dezember mehr als 60 Prozent der Briten den bisherigen Verlauf des EU-Ausstiegs negativ bewerten. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass inzwischen auch die Stimmung bei denjenigen Wählerinnen und Wählern kippt, die 2016 im Rahmen der Volksbefragung für den EU-Austritt votiert hatten. 42 Prozent von ihnen äußerten sich inzwischen kritisch über den Brexit.

Gegner des Brexits sehen sich in ihren Ansichten nach wie vor bestätigt, während die Zustimmung im Lager der Brexitbefürworter zunehmend zu bröckeln beginnt. Unzufrieden mit ihrem Regierungschef zeigten sich die Briten zuletzt jedoch vor allem wegen seiner öffentlich gewordenen Eskapaden während der Pandemie: Zu Zeiten des Lockdowns, als sich die Bevölkerung strikten Restriktionen unterwerfen musste, wurde in Downing Street offenbar mehrfach ausgelassen gefeiert – in Kenntnis, teils auch im Beisein des Premierministers. Selbst in den eigenen Reihen der konservativen Tories werden die kritischen Stimmen immer lauter.

Die Kombination aus Pandemiemanagement – Großbritannien verzeichnet europaweit eine der höchsten Sterberaten durch das Coronavirus –, „Partygate“ und Brexit-Auswirkungen könnten Johnson unterm Strich womöglich den Job kosten.