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China boomt – Deutschland bald auch?

China weiß zu überraschen. Das Land, in dem die Corona-Pandemie besonders früh und besonders heftig grassierte, hat die gesundheitliche und wirtschaftliche Krise erstaunlich schnell überwunden.

Das liegt nicht zuletzt am politischen System, das es erlaubt, ohne langwierige demokratische Prozesse ganze Regionen rigoros abzuriegeln, was bekanntlich auch in diversen Fällen geschehen ist. Bereits seit einigen Monaten verzeichnet das Reich der Mitte nur noch wenige Infektionsfälle, größere Ausbruchsgeschehen werden schnell und hart eingedämmt.

Dennoch hätte kaum jemand erwartet, dass sich die Wirtschaft des Landes so rasch und deutlich erholen würde. War die Konjunktur noch im ersten Quartal erheblich abgesackt mit einem Minus von 6,8 Prozent, verzeichnete die Volksrepublik bereits im dritten Quartal wieder ein spürbares Plus von 4,9 Prozent.

China wächst – der Rest der Welt schrumpft

Die Prognosen für das Schlussquartal sehen sogar noch besser aus, das Wachstum dürfte – je nach Experte – 5 oder auch 6 Prozent zulegen. Für das Gesamtjahr bedeutet das ein Plus von gut 2 Prozent. China ist damit die einzige größere Volkswirtschaft, die dieses Jahr der Pandemie mit positivem Wirtschaftswachstum beenden dürfte, während der Rest der Welt in die Rezession abrutscht.

Für Deutschland rechnen diverse Wirtschaftsforscher mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um gut 5 Prozent. Damit würde das Minus moderater ausfallen, als noch im Frühjahr befürchtet. Sämtliche Prognosen, die im Laufe des Jahres 2020 veröffentlicht wurden, kranken jedoch an der Unberechenbarkeit der Pandemie und ihrer Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Wann geht der Einzelhandel online?

Auch die präferierten Lösungswege sind kaum unter einen Hut zu bringen. Man dürfe die Geschäfte nicht dichtmachen, verlangen die einen. Ein kurzer, harter und konsequenter Lockdown ist für die Wirtschaft weniger schädlich als eine langwierige Aneinanderreihung milderer Maßnahmen, meinen die anderen.

Dass der Einzelhandel nun ausgerechnet in den umsatzstarken Wochen rund um Weihnachten komplett zumachen muss, dürfte für die Bilanz des Schlussquartals empfindlich ins Gewicht fallen. Abgefedert wird der Effekt allerdings durch die enormen Umsätze, die während der Rabattschlachten rund um Black Friday und Cyber Monday generiert werden konnten.

Auch haben inzwischen zahlreiche kleinere Geschäfte damit begonnen, einen eigenen Onlinehandel aufzubauen – der Lockdown aus dem Frühjahr war gewissermaßen der letzte Warnschuss, nachdem bereits in den Jahren zuvor mehr und mehr Marktanteile ins Internet und hier vor allem zu den großen Playern wie Amazon oder Ebay abgewandert sind.

Volle Containerschiffe: Chinas starker Außenhandel

Zurück zur überraschenden Stärke Chinas: Diese geht in erster Linie zurück auf einen starken Außenhandel. Alle Welt braucht Produkte, die in China produziert werden, die Containerschiffe sind randvoll, es kommt eher zu Lieferengpässen wegen zu hoher Nachfrage, man kommt mit der Produktion kaum hinterher. Das betrifft Medizinprodukte, aber auch Technik- und Industriekomponenten gleichermaßen.

Hier füllt China zudem eine Lücke, die gerissen wird, weil die Pandemie in anderen Ländern noch immer stark grassiert und Produktionsstandorte lahmlegt. Im Vergleich zu November 2019, also noch vor Ausbruch der Pandemie, legten die Ausfuhren in diesem Jahr um mehr als 21 Prozentpunkte zu.

BMW und Co. profitieren von Chinas Aufschwung

Von der wirtschaftlichen Stärke Chinas profitiert auch der deutsche Standort: Hiesige Unternehmen würden ohne den wichtigen Absatzmarkt im bevölkerungsreichsten Staat der Erde wohl wesentlich drastischer unter die Räder geraten.

Zentral ist der chinesische Markt unter anderem für die Autobauer. BMW, Daimler und Volkswagen verkaufen einen erheblichen Anteil ihrer Fahrzeuge in China und konnten von der dortigen Erholung bereits in den Sommermonaten erheblich profitieren: Sieben Monate in Folge lagen die Verkaufszahlen über denen des Vorjahres.

Deutschlands Glück mit den Wirtschaftszweigen

Dass insgesamt auch die deutsche Wirtschaftsleistung nicht ganz so schlimm dasteht wie noch im Frühjahr vielfach befürchtet, liegt nicht zuletzt an der Zusammensetzung der Wirtschaftszweige: Im Vergleich zu vielen anderen westlichen Nationen hat die klassische Industrieproduktion hierzulande noch einen wesentlich stärkeren Anteil an der Gesamtwirtschaft – und dieser Bereich hat unter Corona nur wenig beziehungsweise kurzzeitig gelitten.

Wesentlich dramatischer sieht es im Dienstleistungsbereich aus, gerade Tourismusbranche, Freizeit- und Kulturbetriebe oder eben auch Gastronomen bekommen die Auswirkungen umso härter zu spüren – doch ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt ist in Deutschland weniger stark ausgeprägt als in unseren Nachbarländern, sodass die blanken Wachstumszahlen etwas besser ausfallen dürften.

2021: Prognosen unter Corona-Vorbehalt

Wie die Lage für das kommende Jahr ausfallen wird, darüber sind sich die Experten uneins. Wenn sie während der Pandemie in diesem Jahr eines gelernt haben, dann dass sich die Situation derart dynamisch und unvorhersehbar entwickeln kann, dass längere Prognosen nur unter großen Vorbehalten möglich sind.

Insgesamt herrscht vorsichtiger Optimismus unter Wirtschaftsforschern und Unternehmensvorständen, dass sich die Gesamtsituation für Deutschland 2021 verbessern und 2022 wieder das Vorkrisenniveau erreichen könnte. Stets wird jedoch ein entscheidender Halbsatz bei all diesen Voraussagen hinterhergeschoben: „vorbehaltlich der Pandemie-Entwicklung“.

Bleibt der Lockdown kurz und schmerzhaft, könnte er ein Ende mit Schrecken einläuten. Die parallel anlaufenden Massenimpfungen nähren zusätzliche Zuversicht. Doch aus Regierungskreisen wird längst davor gewarnt, mit den Wintermonaten allzu große Hoffnungen zu verknüpfen, von einer Verlängerung zumindest eines Teils der Beschränkungen bis in den März hinein ist längst die Rede.

Zumindest für das erste Quartal 2021 ist daher eher mit einem weiteren Dämpfer zu rechnen. Ob und wann anschließend die Konjunkturerholung auch hierzulande umfassend einsetzt, wird maßgeblich davon abhängig sein, wie gut die neuen Impfstoffe wirken, wie hoch ihre Akzeptanz in der breiten Bevölkerung ist – und wie erfolgreich sich die für Deutschland so wichtigen Außenhandelspartner aus der Pandemie herauskämpfen.

Zumindest China ist das augenscheinlich bereits gelungen. Nun hängt es am Rest der Welt.

Exportgeschäft bricht ein – Börsianer atmen aufDas Exportvolumen ging 2020 um 9,3 Prozent zurück, China überholt Frankreich als zweitwichtigster Handelspartner. › mehr lesen

 

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Über den Autor
Felix-Reinecke
Felix Reinecke

Nach mehreren Stationen bei renommierten deutschen Tageszeitungen berichtet er seit 2016 regelmäßig für den Investor Verlag über die wichtigsten Ereignisse in der Wirtschaftsbranche - egal ob Mittelstandsunternehmen von der schwäbischen Alb oder IT-Konzern aus dem Silicon Valley.

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