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Die Quantitätsgleichung

Das Thema Inflation scheint mir ein wenig aus dem Fokus geraten zu sein. Dies mag insbesondere daran liegen, dass die Preise zuletzt immer weniger stark gestiegen sind. Mit abnehmenden Steigerungsraten lässt sich keine Angst oder Panik schüren. Da berichtet man lieber über andere Dinge, bis wieder stärkere Preisanstiege verzeichnet werden. Dann kann man erneut vor einer starken Inflation durch die vielen Liquiditätsspritzen berichten.

Trotz Liquiditätsspritzen keine übermäßige Inflation?

Viele mögen sich wundern, warum es trotz massiver Ausweitung der Geldmenge bislang nicht zu einer Inflation gekommen ist.

Das Geld wird von der EZB an die Geschäftsbanken verliehen. Es wird dort jedoch gehortet oder wieder an die EZB zurück geliehen. Der Rest wird investiert und führt zu steigenden Kursen in diversen Assetklassen. Daher erleben wir zur Zeit das Phänomen, dass quasi alles steigt an den Märkten. Der Bund Future notiert unverschämt hoch, obwohl die Aktienmärkte deutlich zulegen konnten und eigentlich in solchen Situationen eine Umschichtung von Renten in Aktien stattfindet. Diese Umschichtung muss nicht stattfinden, da man genug Geld anzulegen hat. Man kann in beide Märkte investieren.

Es ist genug Geld für alle da

Dann sind da noch die Rohstoffmärkte. Viele haben allerdings auf das falsche Pferd gesetzt. Während Gold und Silber stagnieren, steigt neben den Aktienmärkten der Ölpreis. Auch hier eine Sondersituation. Eigentlich geht man davon aus, dass ein zu hoher Ölpreis die Wirtschaft belastet. Konsequent: Die Aktienmärkte fallen. Aber hey, es ist genug Geld für alle da. Wenn die Banken auch noch Aktien verkaufen würden, müssten sie noch mehr Geld anderswo anlegen. Es wird also breit gestreut.

Quantitätsgleichung

Das Geld fließt nicht in die Realwirtschaft. Hier herrscht das Gesetz der Quantitätsgleichung. Und diese Gleichung ist nicht schwer zu verstehen. Sie wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von dem Ökonom Irving Fisher entwickelt und lautet:

  • Geldmenge x Umlaufgeschwindigkeit = Gütermenge x Preise

Die linke Seite der Gleichung stellt die Geldmenge bzw. den Geldstrom in einem bestimmten Zeitraum dar. Die rechte Seite gibt das Bruttoinlandsprodukt in Preisen an, also das nominale BIP.

Gleichgewicht zwischen Geldmenge und Gütermenge

Die Gleichung besagt demnach, dass der Geldstrom in einer Volkswirtschaft dem Güterstrom entspricht. Anders ausgedrückt bedeutet dies, dass der Gütermenge eine Geldmenge entgegensteht und die Quantitätsgleichung das Verhältnis von Gütern und Zahlungsmitteln in einer Volkswirtschaft beschreibt.

Es müssen sich immer zwei Variablen ändern

Ändert sich eine Variable der Gleichung, muss sich eine weitere Variable ändern, damit die Gleichung weiterhin auf beiden Seiten aufgeht. Damit impliziert die Gleichung, dass zum Beispiel eine Ausweitung der Geldmenge in einer Volkswirtschaft, der keine äquivalente Ausweitung der Gütermenge entgegensteht, zu einem Anstieg der Preise führt. Auf der einen Seite der Gleichung hat sich die Geldmenge erhöht, auf der anderen Seite sind die Preise (in gleicher Höhe) gestiegen.

Eine Geldmengenausweitung führt bei gleicher Gütermenge gemäß dieser Gleichung, die sich bislang als absolut richtig herausgestellt hat, also zu steigenden Preisen, um das gestörte Verhältnis zwischen Geld- und Gütermenge wieder auszugleichen. Alternativ könnte sich die Gütermenge ausweiten, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Oder die Umlaufgeschwindigkeit könnte sich verringern.

Wann ändert sich die Umlaufgeschwindigkeit?

Die Umlaufgeschwindigkeit wird als relativ konstant angenommen, da diese Variable von einer Vielzahl festgelegter Zahlungsgewohnheiten abhängt (z.B. Löhne, Gehälter, Steuern). Diese ändern sich nur langsam und unterliegen somit keinen kurzfristigen Veränderungen.

Bei schwerer Inflation steigt allerdings auch die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, denn da das Geld ständig entwertet wird, will niemand es lange behalten. In Zeiten der Deflation hingegen wird das Geld eher gehalten, da durch die Preisrückgänge die Waren immer günstiger werden und es sich somit lohnt, mit einer Investition zu warten.

Wie ist es jedoch nun in der Realität?

Nun ist es aber im aktuell vorliegenden Fall so, dass die Banken das Geld der EZB gar nicht weiter geben. Es wird gehortet und investiert und gelangt so gar nicht erst in den Wirtschaftskreislauf. Sie können nun entweder so argumentieren, dass sich die Geldmenge gar nicht ausgeweitet hat oder dass sich die Umlaufgeschwindigkeit reduziert hat. In jedem Fall ändert sich auf der rechten Seite der Gleichung, also beim Güterstrom bzw. der Gütermenge oder den Preisen nichts. Die Gleichung ist nach wie vor im Gleichgewicht.

Rechnen wir mit echten Zahlen nach

  • Die Geldmenge M3 der EZB lag im Dezember 2010 bei 9.575 Mrd. Euro und im Dezember 2011 bei 9.794 Mrd. Euro. Eine Ausweitung um 2,3 % innerhalb eines Jahres.
  • Das Bruttoinlandsprodukt lag im Euroraum im 4. Quartal 2011 bei 2.363 Mrd. Euro und ist zum 4. Quartal des Vorjahres 2010 um 0,7 % gewachsen.
  • Die jährliche Inflationsrate im Euroraum lag im Dezember 2011 bei 2,7 %.

Die Gütermenge im Euroraum hat mit dem Wachstum der Geldmenge nicht mithalten können. Die Gleichung hätte also ein Ungleichgewicht gehabt. Daher lag die Steigerungsrate der Preise leicht über der Rate der Geldmenge.

Die nötigen theoretischen Grundlagen

Ähnliche Steigerungsraten in der Geldmenge und in den Preisen werden sie auch für andere Zeiträume feststellen. Sie sehen also nun, wie die Gleichung funktioniert und haben nun, nach dieser kleinen Einführung in die Volkswirtschaftslehre, die nötige Theorie erhalten, um demnächst zum Thema Inflation besser argumentieren zu können.

Quantitätsgleichung zur Ermittlung des BIPs im 1. Quartal 2012

Laut EZB reduzierte sich übrigens die Geldmenge M3 von Dezember 2011 bis Januar 2012 von 9,794 Billion auf 9,756 um 38,6 Mrd. Euro bzw. 0,4 %. Die monatliche Inflationsrate betrug -0,8 % im Januar. Sie können sich nun ausmalen, anhand des heute gelernten, wie sich das BIP in der Eurozone wohl im Januar entwickelt hat.

Morgen erhalten Sie die gesamten Daten zur Inflation in Deutschland, Europa und den USA.

Bis dahin wünsche ich Ihnen gute Gewinne

Sven Weisenhaus

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Alte Kommentare
  • Rainer Seifert schrieb am 13.03.2012, 16:06 Uhr

    Grüß Gott, Herr Weisenhaus. Das viele gebunkerte Geld kann doch aber jederzeit wie ein Tsunami in die Wirtschaft kommen. Sollten die Aktienkurse mal wieder kontinuierlicher steigen, dann werden die Banken kaum widerstehen können, ihr günstig gepumptes Geld gewinnbringender als jetzt anzulegen. Wenn es dann nacg Ablauf der Frist zurück gezahlt werden muss, könnten wir dann nicht ein Flut und Ebbe Syndrom am Aktienmarkt erleben? Mich wundert auch, dass die deutschen Indizes so zittrig volatil sind, wenn in den USA nur ein wenig Gegenwind bläst, der dort nur ein geringes Minus verursacht. Und zwar aus dem Grund, weil ja zumindest im DAX viele US-Anleger investiert sind. Zum Glück, m uss man wohl sagen, sonst wären die Ausschläge hier noch viel höher. Man kriegt ja auch das kalte Grausen, wenn man in einigen Internetforen so die komplette Ahnungslosigkeit einiger user mit ansehen muss. Beispiel. Verluste begrenzen wäre Blödsinn, man verbilligt lieber. Ja, schön, wenn es dann gut geht. Außerderm möchte ich hier mal erwähnen, dass Sie meines Wissens an dieser Stelle Der Einzige sind, der Kommentare zur Kenntnis nimmt und vor allem darauf antwortet. Vielen Dank dafür. Freundliche Grüße Rainer Seifert

    • Sven Weisenhaus antwortete am 13.03.2012, 21:22 Uhr

      Guten Abend, Herr Seifert! - - - Ja, diese Gefahr, dass das Geld irgendwann in den Wirtschaftskreislauf gelant, besteht in der Tat. Dann ist es Aufgabe der EZB, das Geld auch wieder aus dem Kreislauf zu ziehen. Ob es ihr gelingt, wird man dann sehen. Dies muss genau beobachtet werden. Bei Bedarf kann man aber entsprechende Positionen eingehen. Hier sprechen wir aber eher von Monaten, denn von Tagen oder Wochen. - - - Die deutschen Aktien sind zittrig volatil? Sehe ich im Moment überhaupt nicht so. Ich war eher dankbar für den einen Tag, an dem sich der DAX mal wieder dreistellig abwärts bewegte, um endlich wieder Positionen auf tieferem Niveau kaufen zu können. Ansonsten sehen wir doch aktuell kaum Tage mit 3stelligen Kursgewinnen oder -verlusten. - - - Mir macht die Interaktion mit Lesern sehr viel Spaß. Es gehört einfach dazu und ich habe ja auch schon einige wertvolle Tipps und Hinweise von Lesern erhalten. Es profitieren also alle davon. - - - Ich plane, den Kontakt in Form von Webinaren, verbunden mit Chatfunktionen noch zu intensivieren. - - - Mit freundlichen Grüßen - - - Sven Weisenhaus

  • Ernst Ro schrieb am 23.05.2012, 23:44 Uhr

    Guten Tag, ich beschäftige mich gerade ein wenig privat mit dem Geldsystem und bin jetzt über Alfred Lansburgh (der die Quantitätsgleichung auch verwendet) zu Ihrer Seite gekommen. Was mir nicht eingeht ist: M3 Geldmenge, Dez. 2011: 9.575 Mrd Euro BIP 4. Quartal 2011: 2.363 Mrd Euro Meine Annahme: Ich rechne das BIP x 4 (für gesamtes Jahr) und komme auf 9.452 Mrd Euro. Meine Frage: Wie kann es sein, dass diese Beiden fast gleich hoch sind. Wenn ich da noch eine Umlaufgeschwindigkeit mit der Geldmenge multipliziere. Dann würde die linke Seite der Gleichung doch gar nicht mehr zur rechten passen, oder? Mit anderen Worten ... müsste im Normalfall nicht die Geldmenge um ein Vielfaches niedriger sein als das jährliche BIP??? Schon alleine wenn man nur annimmt, dass es z.B. eine jährliche Umlaufgeschwindigkeit von 100 gibt: Geldmenge x 100 = 9452 Mrd BIP Geldmenge = 94,52 Mrd. Euro Hab ich hier irgendwas übersehen? Freundliche Grüße Ernst Ro.

    • Sven Weisenhaus antwortete am 24.05.2012, 14:43 Uhr

      Guten Tag! - - - In Ihren Überlegungen steckt ein Rechenfehler. Während pro Quartal tatsächlich Güter und Dienstleistungen im Wert von 2,4 Billionen Euro hergestellt werden und sich diese somit im Gesamtjahr auf die etwa vierfache Menge summieren, sieht dies bei der Geldmenge anders aus. Denn es wird ja nicht pro Quartal eine Geldmenge von 9,794 Billionen geschaffen, sondern sie steht zu jedem zeitpunkt in einer bestimmten Menge zur Verfügung. - - - Die Umlaufgeschwindigkeit wird dabei im übrigen mit nahe 1 angenommen und unterliegt nur geringen Schwankungen. - - - Sie müssen also das BIP eines Jahres (z. B. 2011 = ca. 9,5 Billionen Euro) mit der Geldmenge in der jeweiligen Höhe, also aktuell 9,794 Billion, vergleichen. Idealerweise würde ich auch nicht absolute Größen, sondern die Veränderungsraten miteinander vergleichen. Also zum Beispiel wenn die Geldmenge um 1 % steigt, dann müssten entweder die Preise um 1% zulegen oder die Gütermenge (oder eine Mischung aus beidem) damit die Gleichung wieder ausgewogen ist. - - - Mit freundlichen Grüßen - - - Sven Weisenhaus

    • Ernst Ro antwortete am 30.05.2012, 13:19 Uhr

      Ich freue mich über Ihre Antwort! Das ist interessant, dass die Umlaufgeschwindigkeit so niedrig ausfällt. Ich bin eigentlich (nach dem fiktiven Beispiel von Lansburgh, wo er mit einer Umlaufgeschwindigkeit von 100 gerechnet hat) davon ausgegangen, dass die Umlaufgeschwindigkeit in einer fortgeschrittenen Volkswirtschaft wesentlich höher ist. Freundliche Grüße Ernst Ro.

    • Sven Weisenhaus antwortete am 04.06.2012, 16:01 Uhr

      Guten Tag! - - - Die Quantitätsgleichung ist ja nur ein theoretisches Modell. Sie wird auf 1 gesetzt, weil sie als nahezu konstant angenommen wird. Es spielt daher keine Rolle, ob sie 1 oder 100 beträgt, da die Veränderungen der einzelnen Variablen der Gleichung betrachtet wird. - - - Es gibt zudem verschiedene Geldmengen (M1, M2, M3) bei denen auch die jeweilige Umlaufgeschwindigkeit eine andere ist. - - - Mit freundlichen Grüßen - - - Sven Weisenhaus

  • Franz schrieb am 02.09.2012, 20:37 Uhr

    Hallo. Unabhängig von den aktuellen Zahlen: Gehen wir davon aus, dass die Geldmenge - aufgrund aktueller Probleme (Griechenland, allfällige Kettenreaktionen aus möglichem Ausstieg, Überschwappen auf andere Länder) in der Tendenz exponentiell erhöhen wird und die Umlaufgeschwindigkeit bei 1 bleibt. Die Gütermenge dürfte leicht steigen, allerdings linear. Dies müsste dann Inflation zur Folge haben und zwar ständig und immer stärker wachsende Inflationsraten. Warum waren zuletzt eher deflationäre Tendenzen zu beobachten...oder Inflationsraten, welche in Anbetracht des oben erwähnten durchaus im Rahmen liegen? Ist die tatsächliche Geldmenge noch nicht erhöht weil die Banken das Geld nicht weitergeben und steht uns ein solches Szenario erst noch bevor? Irre ich mich in Sachen exponentielles Geldmengenwachstum (wenn ja, warum? rettungsschirme...). Danke für die Antwort ;-)

    • Sven Weisenhaus antwortete am 03.09.2012, 12:11 Uhr

      Hallo Franz! - - - Da haben Sie mit ihren theoretischen Überlegungen völlig Recht. Steigt die Geldmenge stärker als die Gütermenge, dann müsste dies zu höherer Inflation führen. - - - Tatsächlich ist die Geldmenge im Euro-Raum allerdings nur von 9,880.9 im 1. Quartal 2012 auf 9,930.7 Billionen im 2. Quartal gestiegen im Aggregat M3. Das bedeutet einen Anstieg um 0,5 %. Da wir gleichzeitig im 2. Quartal ein stagnierendes BIP-Wachstum hatten, bewegt sich die Rate der Preissteigerungen eben auf ein niedrigeres Niveau zu. - - - Sie haben die Antwort auf Ihre letzten Fragen auch tatsächlich schon selbst gegeben. Das Geld der Rettungsschirme ist längst nicht in den Wirtschaftskreislauf gelangt. - - - Mit freundlichen Grüßen - - - Sven Weisenhaus