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Patentschutz wackelt: Aktien von Biontech und Curevac unter Druck

Fällt der Patentschutz für Impfstoffe gegen Covid-19? Ausgerechnet aus den USA kam jetzt ein entsprechender Vorstoß. Auf europäischer Seite ist man zurückhaltend, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen signalisierte zuletzt allerdings Gesprächsbereitschaft.

Was spricht für, was gegen die Patentaufhebung – und was bedeutet das für die Hersteller und ihre Anleger?

Pro: Was für eine Aufhebung des Patentschutzes spricht

Die Pandemie ist ein weltweites Problem, das auch nur weltweit gelöst werden kann. Der Impfschutz in einzelnen reichen Staaten kann noch so hoch sein – er ist wertlos, wenn in anderen Teilen der Welt das Virus munter weiter grassiert und immer neue Mutationen bildet. Dass diese neuen Varianten irgendwann auch gegen die gängigen Impfstoffe resistent werden und damit erneute Infektionswellen auch in weitgehend durchgeimpften Gesellschaften drohen, ist nicht unwahrscheinlich.

Dementsprechend liegt es auch im eigenen Interesse der Industrienationen, den Rest der Welt ebenfalls mit Impfstoff zu versorgen und die Pandemie einzudämmen. Eine Bereicherung auf Kosten der Ärmsten würde zum Bumerang, am Ende wird es teuer für alle.

Aus Solidarität und Nächstenliebe, aus Verantwortungsbewusstsein für den Schutz von Menschenleben und auch im Interesse der eigenen Wirtschaftskraft erscheint daher eine Patentfreigabe aus Sicht der Befürworter sinnvoll und angebracht.

Contra: Was gegen eine Aufhebung des Patentschutzes spricht

Kritiker weisen darauf hin, dass die Freigabe der Patente allein noch nicht für zusätzliche Impfstoffkapazitäten sorge. Die hochspezialisierten Anlagen zur Herstellung der Präparate sowie die dafür benötigten Rohstoffe stehen nicht sofort zur Verfügung. Das Hochziehen entsprechender Produktionsstätten könnte Jahre dauern und somit in der akuten Notlage kaum helfen.

Neben kurzfristig fehlender Infrastruktur und Ressourcen warnen Kritiker zudem vor langfristigen systemischen Folgen für die Pharma- und Biotechbranche: Großkonzerne wie Spezialfirmen investieren hohe Summen in Forschung und Entwicklung neuer Arzneimittel, ohne vorab zu wissen, ob am Ende des Prozesses ein marktreifes Produkt stehen wird. Etliche Projekte versiegen in der Pipeline, nur wenige Präparate schaffen es bis zur Marktzulassung und Massenfertigung.

Die Patente, die diese erfolgreichen Produkte dann für einen gewissen Zeitraum vor Nachahmern schützen, garantieren den Unternehmen ihre Gewinne. Sie ernten die üppigen Früchte der teuren Saat, die sie jahrelang ausgelegt haben. Über die Vergabe gebührenpflichtiger Lizenzen können weitere Hersteller ins Boot geholt werden, um die Fertigungskapazitäten auszuweiten, doch der Erfinder profitiert vom Gewinn seines Produkts.

Im Fall der Pandemie wird dem entgegengehalten, dass von staatlicher Seite hohe Summen in die Impfstoffforschung gesteckt wurden – ebenfalls lange bevor klar war, ob und welche Vakzine am Ende Zulassungsreife erreichen würden. Das Risiko wurde also nicht allein von privaten Investoren getragen, sondern zu einem erheblichen Teil auch durch die öffentliche Hand, deren Interesse darin besteht, möglichst schnell möglichst viel möglichst guten Impfstoff zur Verfügung zu haben.

Was fordern die USA, was fordert die EU?

Die USA schlagen eine Aufhebung des Patentschutzes vor, um Herstellern rund um den Globus die Möglichkeit zu geben, selbst Impfstoffe herzustellen. Die EU kontert, dass es weniger der Patentschutz als vielmehr Exportbeschränkungen sind, die das Fortschreiten der Impfkampagne in den ärmeren Teilen der Welt verzögern.

Tatsächlich haben die USA strikte Exportverbote durchgesetzt, die zumindest solange greifen sollen, bis die eigene Bevölkerung durchgeimpft wurde. Die Handelsbeschränkungen gelten sowohl für fertige Vakzine als auch für einzelne Rohstoffe, die zu deren Herstellung benötigt werden.

Die EU hingegen hat die Hälfte der von ihr erworbenen Impfdosen in ärmere Regionen verteilt. Das geht in der aktuellen Situation immer noch bedeutend schneller, als neue Produktionsanlagen aus dem Boden zu stampfen und entsprechend qualifiziertes Personal zu akquirieren.

Was bedeutet das für die Impfstoffhersteller?

Eine Aufhebung des Patentschutzes wäre für die Hersteller ein herber Schlag, die zu erwartenden Gewinne würden dadurch deutlich geringer ausfallen. Allerdings: Gerade durch die hohen öffentlichen Investitionen im vergangenen Jahr konnte mit der mRNA-Technologie einem ganz neuen Ansatz zum Durchbruch verholfen werden, der auch in Zukunft für neue und gewinnträchtige Medikamente zum Einsatz kommen soll. Der Impfstoff ist für die Forscher eher ein Nebenprodukt, eigentlich geht es bei mRNA in erster Linie um neue Möglichkeiten in der Krebstherapie.

Die Hersteller der bislang zugelassenen Covid-19-Impfstoffe zeigten sich wenig begeistert über die Diskussion um einen möglicherweise zumindest vorübergehenden entfallenden Patentschutz für ihre Vakzine. Dadurch entfalle ein wichtiger Anreiz für die künftige Entwicklung von Medikamenten oder Impfstoffen bei etwaigen weiteren Pandemien.

Auch Anleger reagierten äußerst nervös auf den Vorstoß: Curevac Aktien stürzten am Donnerstag um fast 20 Prozent ab, Anteilsscheine von Biontech rauschten um 17,5 Prozentpunkte in die Tiefe. Den Kurseinbruch nutzten Investoren am Freitag zum Nachkaufen oder Einsteigen: Bis zum frühen Nachmittag konnten Biontech Aktien um rund 6 Prozent zulegen, für den Kurs der Papiere von Curevac ging es 8 Prozentpunkte nach oben.

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Über den Autor
Felix-Reinecke
Felix Reinecke

Nach mehreren Stationen bei renommierten deutschen Tageszeitungen berichtet er seit 2016 regelmäßig für den Investor Verlag über die wichtigsten Ereignisse in der Wirtschaftsbranche - egal ob Mittelstandsunternehmen von der schwäbischen Alb oder IT-Konzern aus dem Silicon Valley.

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