Wasserstoff in der Krise: Überrollt China die Europäer?
Die europäische Wirtschaft soll wettbewerbsfähiger, resilienter und unabhängiger von externen Akteuren werden. Hierzu haben sich einige EU-Regierungschefs kürzlich erneut bekannt. Sie werden es schon ahnen: Dabei geht es immer mehr auch um das heikle Thema Wasserstoff.
Warum grüner Wasserstoff so wichtig ist
Genauer gesagt um sogenannten grünen Wasserstoff, der in einem Elektrolyseur mithilfe von Öko-Strom und Wasser produziert wird. Dieser Stoff kann perspektivisch nicht nur grauen Wasserstoff (aus Erdgas) etwa in Raffinerien ersetzen, sondern auch gänzlich neue Prozesse ermöglichen. So kann grüner Wasserstoff etwa zur Dekarbonisierung der Stahlindustrie, aber auch als Langzeitspeicher von erneuerbarem Strom genutzt werden.
In Gaskraftwerken und Brennstoffzellen kann Wasserstoff zudem zur Spitzenlastabdeckung oder Notstromversorgung eingesetzt werden. Hinzu kommen die nach wie vor sehr interessanten Wasserstoff-Fahrzeuge, die den nachhaltigen Energieträger als Kraftstoff zur Dekarbonisierung nutzen können.
Grüner Wasserstoff ist somit ein zentraler Hebel, um die CO2-Emissionen der Industrie nachhaltig zu senken. Das Problem: Sowohl die Anschaffung von Produktionsanlagen als auch der Betrieb entsprechender Prozesse ist vor allem im Vergleich zu klassischen fossilen Verfahren sehr kapitalintensiv.
Mehr Protektionismus gegen China: Manager fordern „Made in Europe“
Europas Wasserstoffbranche gerät dadurch in Gefahr, bei diesem sehr wichtigen und hochdynamischen Bereich von externen Akteuren ausgebootet zu werden. Genau davor warnen nun einige Manager, wie die Nachrichtenagentur Reuters kürzlich berichtete.
Demnach fordert der noch junge Industriezweig die EU auf, strengere Regularien für „Made in Europe“ einzuführen. Kim Hedegaard, der beim dänischen Elektrolyse- und Brennstoffspezialisten Topsoe die Power-to-X-Sparte leitet, erinnerte gegenüber Reuters an die Solarbranche.
Europa hatte in den Nullerjahren den Großteil seiner PV-Produktion verloren, da chinesische Anbieter mit ihren deutlich günstigeren Modulen fast ungehindert auf den hiesigen Markt geströmt waren. In der Folge ist Europa in Sachen Solarkraft heute massiv abhängig von China, was auch politisch hochbrisant ist.
Nun befürchtet die Industrie ein ähnliches Schicksal beim Wasserstoff. Manager Hedegaard warnt, dass die europäische Elektrolysebranche, die eben jene Anlagen produziert, die zur Herstellung von grünem Wasserstoff gebraucht werden, untergehen könnte, noch bevor sie überhaupt stark wachsen würde. Das Erreichen der europäischen Klimaziele wäre dann – noch stärker als ohnehin schon – dem Wohlwollen der Kommunistischen Partei Chinas ausgeliefert.
Kein Wunder also, dass in der Politik die Alarmglocken schrillen. Noch im Februar will Brüssel ein Gesetz vorschlagen, das europäische Hersteller im öffentlichen Beschaffungsprozess stärker bevorzugen würde. Laut Reuters dürfte es hier vor allem um die besagte Herstellung der Elektrolyseanlagen gehen.
China skaliert sein Wasserstoffwachstum massiv hoch
Hakon Volldal, Chef des norwegischen Unternehmens Nel ASA, machte gegenüber Reuters klar, dass Europa noch die technologische Führerschaft bei diesen Technologien innehabe. Sollten die Technologien jedoch nicht breit eingesetzt werden, würden die Chinesen aufholen und „an uns vorbeirasen“.
Ähnlich warnend äußerte sich auch Nicolas de Coignac, der beim belgischen Ingenieursunternehmen John Cockerill die Wasserstoffabteilung leitet. China bekomme einen Vorteil wegen der Größe seiner Projekte, so der Manager laut Reuters. Aktuell ist die Volksrepublik für rund 60% der globalen Produktionskapazitäten bei Elektrolyseuren verantwortlich, wobei die meisten derzeit in Europa verwendeten Anlagen (noch) aus europäischer Herstellung stammen.
Das Problem: Offenbar können die Chinesen inzwischen die Elektrolyseanlagen und den grünen Wasserstoff deutlich günstiger produzieren als noch vor einigen Jahren. Die massive kommerzielle Hochskalierung des dortigen Wasserstoffsektors – der freilich mit staatlicher Unterstützung aus Peking beflügelt wird – dürfte weitere Kostensenkungen bewirken.
Noch halten sich die chinesischen Anbieter mit Exporten in westliche Märkte vergleichsweise zurück. Dies könnte sich jedoch in den nächsten Monaten und Jahren ändern – vor allem dann, wenn der grundlegende Bedarf an Dekarbonisierung in Europa groß bliebe, die hiesige Wasserstoffbranche aber weiterhin mit ihrer eigenen Hochskalierung kämpfte.
EU hatte Zugang zu Wasserstoffbank-Subventionen eingeschränkt
Bezeichnend ist, dass einige chinesische Elektrolysehersteller mittlerweile profitabel sind, während europäische Akteure immer noch mit teils hohen Verlusten zu kämpfen haben. Immerhin: Die EU hatte bereits 2024 ein Instrument geschaffen, um Chinas wohl unvermeidliche Wasserstoff-Expansion einzudämmen.
So dürfen EU-Projekte nur dann von der sogenannten Wasserstoffbank gefördert werden, wenn nicht mehr als 25 % ihrer Elektrolyse-Stacks aus der Volksrepublik stammen. Ob dies ausreichen wird, um heimische Industrieunternehmen vom Kauf in China abzubringen, bleibt abzuwarten. Die Wasserstoffbranche jedenfalls sieht darüber hinaus gesetzlichen Handlungsbedarf.
Widerstand gegen mögliche neue EU-Regularien wahrscheinlich
Ein Selbstläufer ist das Ganze jedoch nicht. EU-Staaten wie Ungarn, die sehr eng mit China kooperieren, dürften eine neue protektionistische Verschärfung ablehnen.
Und auch die Industrieunternehmen könnten sich mit kurzfristig noch höheren Wasserstoff-Kosten konfrontiert sehen, sollten die Chinesen mit ihren günstigeren Produkten faktisch ausgeschlossen werden. Die EU bzw. einzelne Staaten wie Deutschland müssten dann wohl noch mehr Subventionen gewähren, was wiederum mit viel Kritik und politischer Sprengkraft einhergehen würde.
Mein Fazit für Sie
Sie sehen also: Die Unsicherheiten für Europas Wasserstoffbranche bleiben akut – und die Perspektive der entsprechenden Aktien eingetrübt. Doch die Hoffnung, dass sich die hiesigen Produzenten wirtschaftlich doch noch durchsetzen können, stirbt bekanntlich zuletzt.
Ein schärferer Protektionismus vonseiten der EU gegenüber China könnte sich als Vorteil für die Aktien erweisen – wenngleich Peking seinerseits empfindliche handelspolitische Antworten im Köcher hat.
Trotzdem: Bis auf Weiteres bleiben reine Wasserstoff-Aktien meiner Meinung nach ein Spiel mit dem Feuer, an dem Sie sich als Anleger leicht die Hände verbrennen können.