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Twitter-Chef Musk streut Zweifel über Rücktrittspläne

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Chaostage bei Twitter: Der Neu-Eigentümer tut sich schwer mit seiner neuen Rolle als CEO des Kurznachrichtendienstes. Seit Wochen hagelt es Kritik von allen Seiten. Anfang der Woche nun griff Elon Musk zu einem simplen wie umstrittenen Mittel: Er ließ Twitter-Nutzer über seinen Verbleib an der Unternehmensspitze abstimmen. Eine einfache Ja/Nein-Frage sollte über den Fortgang seiner Tätigkeit entscheiden, er wolle sich an das Abstimmungsergebnis halten, verkündete Musk.

Musk mag Meinungsumfragen

Ähnliche Aktionen hat Musk auch in der Vergangenheit, damals noch als prominenter Nutzer ohne operativen Einfluss im Unternehmen selbst, durchgezogen, beispielsweise als es um den Verkauf eines größeren Pakets eigener Tesla-Aktien ging. Zuletzt hatte Musk die Nutzer gefragt, ob er das Konto des früheren US-Präsidenten Donald Trump wieder freischalten solle. Dessen Twitter-Account wurde bekanntlich nach dem Sturm auf das Kapitol im Januar 2021 gesperrt.

Tatsächlich sprach sich unter den Teilnehmern an der Twitter-Befragung eine Mehrheit für die Reaktivierung des Accounts aus. Neben Trump wurden zahlreiche weitere gesperrte Konten wieder zugänglich gemacht, wobei Trump selbst eine Rückkehr zum wichtigsten Kommunikationskanal seiner Amtszeit weiterhin ablehnt und stattdessen auf seine selbst gegründete Alternativplattform verweist.

58 Prozent stimmen für Rücktritt

Zurück zur CEO-Abstimmung: Auch hier gab es eine Mehrheit. Von den rund 17 Millionen Twitter-Nutzern, die sich an dem Voting beteiligten, stimmten knapp 58 Prozent für einen Rücktritt von Musk als Twitter-Chef. Zunächst sah es auch danach aus, als wolle Musk sich daran tatsächlich orientieren und seinen Rückzug zeitnah bekanntgeben. Inzwischen aber streut er Zweifel, ob bei der Abstimmung alles mit rechten Dingen zugegangen sei – und verweist auf eine mögliche Beteiligung computergesteuerter Bots.

Ob er nun also bleibt oder sich als Eigentümer aus dem operativen Tagesgeschäft zurückzieht, ist Stand jetzt – zwei Tage vor Heiligabend – fraglich. Allerdings hatte er schon vor der Twitter-Übernahme angedeutet, möglicherweise nur kurzzeitig selbst als CEO in Erscheinung zu treten und die Geschicke dann anderen zu übertragen.

Gegenwind von innen wie von außen

Die Belegschaft jedenfalls hat in den wenigen Wochen seit dem Führungswechsel bereits zu spüren bekommen, dass Musk als Chef alles andere als angenehm auftritt. Zahlreiche Mitarbeiter wurden vor die Tür gesetzt, die verbliebenen sollen nach Musks Vorstellung nun umso härter und länger arbeiten – ganz so, wie man es aus seinen Tesla-Fabriken gewohnt ist. Zuletzt sorgte unter anderem die Meldung für Schlagzeilen, wonach in einigen Räumen im Twitter Headquarter Schlafräume eingerichtet wurden, für die Beschäftigten, die es vorziehen, im Büro zu übernachten. Ob man das nun als Serviceleistung des Arbeitgebers zugunsten der Mitarbeiter oder als pure Schikane betrachten möchte, bleibt Ansichtssache.

Doch auch von externer Seite spürt Musk einigen Gegenwind. Angetreten war er vor einigen Monaten mit dem Versprechen, die Meinungsfreiheit bei Twitter zu stärken und die Moderation problematischer Beiträge, die bislang stattgefunden hatte, weitgehend aufzugeben. Im Namen der Redefreiheit könnten somit Hass und Hetze ebenso wie Verschwörungstheorien oder Falschinformationen, etwa im Kontext von Wahlen oder auch mit Blick auf die Pandemie, unkommentiert stehenbleiben.

Verbraucherschützer alarmiert – FTC intensiviert Prüfung

Kritiker sehen sich inzwischen bestätigt – denn offenbar ist es mit der Meinungsfreiheit bei Twitter nicht so weit her, wenn die vorgetragene Meinung jener von Musk zuwiderläuft. So wurden die Twitter-Accounts zahlreicher Journalisten (zumindest vorübergehend) gesperrt, die kritisch über das Unternehmen und die aktuellen Entwicklungen berichtet hatten. Freie Meinungsäußerung sieht anders aus.

Unterdessen nimmt sich auch die US-Verbraucherschutzbehörde FTC den Kurznachrichtendienst genauer vor. Insbesondere bei der Prüfung von Sicherheitsstandards und Datenschutzregelungen soll eine vertiefende Überprüfung stattfinden, so die Behörde.

Investoren weiterhin zuversichtlich: Wird ihr Einsatz verfünffacht?

Investoren äußerten sich dennoch zuversichtlich, ihr bei der Übernahme eingebrachtes finanzielles Engagement in einigen Jahren verfünffachen zu können und zogen den Vergleich zu Tesla und SpaceX, den anderen beiden bekannteren Firmen von Elon Musk. Auch dort habe der exzentrische Unternehmer es gegen alle anfänglichen Widerstände geschafft, seine Visionen real werden zu lassen und neue, erfolgreiche Produkte zu schaffen.

Unbestritten ist, dass Musks Strategie bei Tesla voll aufgegangen ist. Allen anfänglichen Unkenrufen zum Trotz und obwohl der Elektroautopionier jahrelang rote Zahlen schrieb, der Aktienkurs stark schwankte und der breite Erfolg lang auf sich warten ließ, hat Musks Plan am Ende gefruchtet. Von Beginn an hatte er das Ziel ausgegeben, anfänglich besonders exklusive und hochpreisige Modelle zu entwickeln, um mit dem dadurch gewonnenen technischen Know-how sowie den Einnahmen nach und nach erschwinglichere Volumenmodelle für den breiteren Markt zu entwerfen. Genau das ist inzwischen Realität – aber Twitter ist nicht Tesla.

Twitter ist nicht Tesla

Ganz im Gegenteil: Es gibt kein Industrieprodukt, das objektiv die Kundschaft begeistert und über das sich direkte Margen erzielen lassen. Stattdessen ist Twitter eine Kommunikationsplattform unter vielen – eine seit Langem sehr erfolgreiche zwar, aber eben längst nicht die einzige. Es gibt Alternativen, und nicht wenige Nutzer erwägen seit der Übernahme durch Musk, Twitter den Rücken zu kehren und dorthin abzuwandern oder haben dies bereits getan.

Twitter lebt von Meinung, von Diskussion, von pointierten Statements – all das könnte in seiner Ganzheit gefährdet sein und die Faszination Twitter über kurz oder lang verkommen lassen, je nachdem, wie hart der neue Eigentümer in seinem Sinne durchgreift.

Nur wer zahlt, soll künftig noch abstimmen dürfen

Zudem werden Einnahmen bei Twitter, wie bei den meisten sozialen Medien, nach wie vor in erster Linie durch die Schaltung von Werbeanzeigen generiert. Einige namhafte Werbekunden haben sich in den vergangenen Wochen jedoch distanziert und ihre Twitter-Kampagnen zumindest zeitweise zurückgefahren.

Stattdessen setzt Musk auf ein kostenpflichtiges Abo-Modell für Premiumnutzer. Beispielsweise das blaue Häkchen, das bis dato die Authentizität etwa prominenter Persönlichkeiten zertifiziert, soll künftig nur noch gegen Bezahlung erhältlich sein (und könnte damit an Glaubwürdigkeit verlieren). Nach der Abstimmung über seinen Verbleib als CEO hat Musk zudem angekündigt, das Bot-Problem verstärkt angehen zu wollen: An Votings wie diesem sollen künftig nur noch solche Nutzer teilnehmen können, die über ein Bezahlabo verfügen.

Ob diese Rechnung am Ende aufgeht für Twitter, Musk und seine unterstützenden Investoren, steht in den Sternen.