Amazon-Aktie: Q1-Zahlen – warum der Gigant jetzt wankt!

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„Eines Tages wird Amazon untergehen. Das sage ich euch jetzt schon.“ Vielleicht haben Sie dieses Zitat aus dem Jahr 2018 noch in Erinnerung. Es stammt von niemand geringerem als Amazon-Gründer Jeff Bezos höchstselbst. Der Milliardär hatte damals seine Belegschaft und die Aktionäre eindringlich darauf hingewiesen, dass der Konzern nicht „too big to fail“ sei. Auch Amazon könne irgendwann in der Irrelevanz verschwinden, so Bezos.

Nun, etwa vier Jahre nach Bezos‘ Untergangsfantasie, bekommt der Konzern tatsächlich Risse. Klar: Amazon ist nach wie vor der wichtigste E-Commerce-Player der Welt und auch in Sachen Cloud führend. Dennoch zeigen die jüngsten Quartalszahlen, dass der Tech-Gigant inzwischen kleinere Brötchen backen muss.

Schwache Q1-Zahlen

Vielleicht haben Sie es auch schon in den Medien gelesen: Amazon konnte im ersten Quartal 2022 einen Umsatz von „nur“ 116,4 Milliarden Dollar erzielen. Das ist natürlich eine gigantische Zahl, von der jedes deutsche Unternehmen nur träumen kann. Im Vergleich zum Vorjahresquartal aber stiegen die Erlöse gerade einmal um 7 Prozent. Für den sonst so den erfolgsverwöhnten Konzern ist das eine bittere Pille und das schwächste Wachstum seit rund zwei Jahrzehnten.

Doch das ist längst nicht alles: Amazon erzielte in Q1 ein Betriebsergebnis von nur noch 3,7 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Im Vorjahreszeitraum waren es noch 8,9 Milliarden Dollar gewesen.

Inflation kühlt Online-Handel ab

Der E-Commerce-Riese begründet die schwachen Zahlen übrigens vor allem mit den Inflationseffekten. So hätten die Pandemie und der Ukraine-Krieg dafür gesorgt, dass Verbraucher ihren Konsum deutlich eingeschränkt hätten. Es seien ungewöhnliche Herausforderungen, musste der seit 2021 amtierende Amazon-Chef Andy Jassy einräumen.

Tatsächlich hatte Amazon als Reaktion auf die steigenden Energiepreise in den USA bereits die Kosten für das Schnelllieferangebot „Prime“ signifikant nach oben geschraubt. Zudem soll für jene Händler, die Amazons Logistikstandorte nutzen, ein Inflationszuschlag eingeführt werden.

All das sorgt dafür, dass die Endkunden auf Amazons Marketplace tiefer in die Taschen greifen müssen. In Zeiten horrender Kosten für den Lebensunterhalt ist das ein zusätzlicher Belastungsfaktor, den viele Verbraucher offenbar nicht in Kauf nehmen wollen.

Hohe Personalkosten

Hinzu kommt, dass Amazon in den letzten beiden Jahren massiv in den Ausbau der Belegschaft investierte. Hatte der Konzern Anfang 2020 noch knapp 1,3 Millionen Mitarbeiter unter Vertrag, waren es Anfang 2022 schon 1,62 Millionen.

Das geht mit enormen Zusatzkosten für das Personal einher, dessen Potenzial sich wegen der schwächeren Nachfrage in Q1 nun nicht entfalten konnte.

Nettoverlust wegen Rivian-Schlappe

Besonders bitter: Unterm Strich reichte es Amazon in den ersten drei Monaten des Jahres nicht einmal mehr für einen Gewinn. So fuhr der Tech-Gigant zum ersten Mal seit sieben Jahren einen Nettoverlust ein – in Höhe von 3,8 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: In Q1 2021 hatte man unterm Strich noch 8,1 Milliarden Dollar verdient.

Neben den Schwierigkeiten im operativen Geschäft sorgte vor allem eine Wertberichtigung rund um die Beteiligung am Elektroautobauer Rivian für den Nettoverlust. Allein jener Sonderposten schlug mit -7,6 Milliarden Dollar zu Buche. Die US-Firma Rivian will bis Ende der 20er Jahre insgesamt 100.000 vollelektrische Transporter an Amazon verkaufen, um dessen Klimabilanz zu verbessern.

Amazon hält mehr als 17 Prozent der Rivian-Anteile und ist somit von dessen Aktienkurs abhängig. Die Rivian-Aktie jedenfalls musste im ersten Quartal deutlich Federn lassen und verlor etwa die Hälfte ihres Wertes, nachdem das Papier kurz nach dem Börsengang im November 2021 in die Höhe geschossen war. Offenbar gibt es am Kapitalmarkt zunehmende Bedenken, ob der junge, hoch defizitäre E-Autobauer sein Wachstumsversprechen einhalten kann.

Prognose für Q2 enttäuscht

Als wäre das alles noch nicht schlimm genug, enttäuschte Amazon auch mit seiner Geschäftsprognose. So rechnet der Konzern für das laufende Quartal mit einem Umsatz zwischen 116 und 121 Milliarden Dollar. Das wäre im schlimmsten Falle eine Umsatzstagnation im Vergleich zu Q1. Etwas, das bei Amazon bislang undenkbar erschien.

Große Unsicherheit gab es auch der bei Profitprognose. Amazon erwartet für Q2 ein Betriebsergebnis zwischen minus einer und plus drei Milliarden Dollar. Eine ziemlich große Spanne also – und eine hohe Wahrscheinlichkeit für rote Zahlen.

Mein Fazit für Sie

Der in den letzten Jahren oftmals als „Immer-Gewinner“ betitelte Tech-Gigant wankt. Die jüngsten Quartalszahlen zeigen mehr als deutlich, dass der Konzern verwundbar ist und bei weitem nicht über den Dingen steht. Kein Wunder also, dass die Amazon-Aktie auf die Veröffentlichung der Bilanzdaten (Donnerstagabend) mit einem satten Minus reagierte. Zwischen dem 29. April und dem 2. Mai krachte das Papier um 16 Prozent ein (Stand: 02.05.2022, 14:00 Uhr).

Nun muss sich zeigen, ob Amazon die Inflationsbelastungen im Restjahr in den Griff bekommen kann. Der Konzern will beispielsweise künftig mehr Roboter in seinen Logistikzentren einsetzen, um die Personalkosten zu verringern.

Ein weiterer Lichtblick ist die Cloud-Sparte AWS. Deren Umsatz schoss in Q1 um 37 Prozent auf 18,4 Milliarden Dollar nach oben – das Betriebsergebnis verbesserte sich gar um 43 Prozent. AWS ist im Unterschied etwa zu Alphabets Cloud-Geschäft längst hoch profitabel und die wohl wichtigste Wachstumsstütze des Konzerns. Hier dürfen sich die Anleger weiterhin auf ein sehr starkes Potenzial einstellen.

Alles in allem aber ist die Amazon-Aktie meiner Meinung nach derzeit eine riskante Wette, an der Sie sich leicht die Finger verbrennen können. Das hat in erster Linie mit den konjunkturellen Auswirkungen des Ukraine-Kriegs zu tun, über deren Dimension man aktuell nur mutmaßen kann.