thyssenkrupp-Wende: Stahlsparte bleibt im Konzern
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
es ist eine überraschende Kehrtwende für die deutsche Industrielandschaft: Der traditionsreiche Konzern thyssenkrupp (ISIN: DE0007500001) wird seine Stahlsparte vorerst nicht verkaufen oder in die Eigenständigkeit entlassen. Was zu Beginn der Woche als Gerücht durch die Handelsräume kursierte, ist mittlerweile bittere Gewissheit für viele Investoren, die auf einen schnellen Befreiungsschlag gehofft hatten. Die intensiven Verhandlungen mit dem indischen Konkurrenten Jindal Steel International wurden offiziell auf Eis gelegt.
Jindal-Deal geplatzt: Die Hintergründe zur Strategiewende
Wie aus übereinstimmenden Berichten internationaler Finanzmedien wie Bloomberg und der Financial Times hervorgeht, stieß ein möglicher Verkauf zuletzt auf nahezu unüberwindbare Hürden. Ein zentraler Streitpunkt war die finanzielle Ausstattung der chronisch kriselnden Tochtergesellschaft „thyssenkrupp Steel Europe“.
Es herrschte tiefe Uneinigkeit darüber, wie viel Kapital der Essener Mutterkonzern noch in das Stahlgeschäft einschießen müsste, bevor eine Übergabe an die Inder hätte erfolgen können. Informierten Kreisen zufolge standen Mitgift-Forderungen von bis zu zwei Milliarden Euro im Raum, um die Sparte für einen neuen Eigentümer überlebensfähig zu machen. Erschwerend kamen die anhaltende Flaute auf dem europäischen Stahlmarkt sowie ungeklärte Fragen rund um dringend benötigte staatliche Subventionen für die Dekarbonisierung der Hochöfen hinzu.
Volatilität auf Xetra: thyssenkrupp Aktie unter Druck
An der Börse sorgt das gestoppte Vorhaben am heutigen Vormittag für Enttäuschung. Die Papiere von thyssenkrupp (ISIN: DE0007500001) starten am wichtigsten deutschen Handelsplatz Xetra mit einer schwächeren Tendenz in den Handelstag. Zwar verzeichnete die Aktie noch Ende April einen massiven Kurssprung von zeitweise über 14 Prozent – befeuert durch Spekulationen über eine milliardenschwere Übernahme der restlichen Konzernanteile am Aufzugsbauer TK Elevator durch den finnischen Konkurrenten Kone –, doch der Rückenwind ist vorerst verflogen.
Die Gewissheit, dass das kapitalintensive und stark konjunkturabhängige Stahlgeschäft als Bremsklotz vorerst im Konzern verbleibt, lastet heute spürbar auf der Stimmung. Da die Kursfindung zum Handelsauftakt noch stark von den jüngsten Meldungen geprägt ist, zeigt die generelle Richtung bei hoher Volatilität klar nach unten, und das Papier gibt jüngste Gewinne wieder ab.
Wie es für thyssenkrupp Steel nun weitergeht
Trotz des vorerst gescheiterten Verkaufsverfahrens hält Konzernchef Miguel López an dem harten Sanierungskurs fest. Die Stahlsparte steht vor der größten Restrukturierung ihrer jüngeren Geschichte: Geplant ist der Abbau von bis zu 11.000 Arbeitsplätzen sowie eine drastische Reduzierung der Produktionskapazitäten auf unter neun Millionen Tonnen pro Jahr.
Das Management betonte zuletzt, dass das Geschäft mit diesen schmerzhaften, aber notwendigen Einschnitten auch auf eigene Faust zukunftsfähig gemacht werden soll. Das übergeordnete strategische Ziel bleibt unverändert: Die Stahlsparte soll langfristig in die Eigenständigkeit überführt werden – nur müssen Anleger für diesen Schritt nun einen deutlich längeren Atem beweisen, als noch vor wenigen Wochen erhofft.
Wir werden die Entwicklungen im Ruhrgebiet und die weiteren Reaktionen auf dem Börsenparkett für Sie im Blick behalten.