Offshore-Wind in den USA: Ein Desaster nicht nur für Orsted!

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Bestimmt haben Sie mitbekommen, was in den letzten Tagen in der Windkraftbranche los war. Ende August krachte urplötzlich die Aktie des dänischen Energiekonzerns Orsted in sich zusammen.

Im Chart sehen Sie den Crash  (Stand: 07.09.2023, 10:00 Uhr):

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Quelle: www.aktienscreener.com

Zwischen dem 29. August und dem 7. September verlor der Titel satte 34 Prozent an Wert. Der Grund jedenfalls ist schnell gefunden: Orsted musste am 29. August eine Hiobsbotschaft veröffentlichen, die die Perspektive des weltgrößten Offshore-Windkraft-Konzerns erheblich eintrübt.

US-Offshore-Wind: Warnung von Orsted

Demnach warnten die Dänen vor möglichen Wertminderungen ihres US-Offshore-Windportfolios in Höhe von bis zu 16 Milliarden Dänische Kronen (DKK). Das entspricht umgerechnet rund 2,15 Milliarden Euro. Und jene Meldung schlug ein wie eine Bombe. In der Folge gerieten auch andere in den USA tätige Windkraftunternehmen in die Bredouille. Von der Sippenhaft betroffen waren auch deutsche Aktien wie RWE und Nordex.

Aber warum hat Orsted überhaupt eine solch gravierende Warnung veröffentlicht? Die Dänen führen die möglichen Wertminderungen auf drei konkrete Faktoren zurück.

Das Lieferketten-Problem

Erstens: die Lieferketten. Orsted konstatiert, dass seine US-Windprojekte „Ocean Wind 1“ (New Jersey), „Sunrise Wind“ (New York) und „Revolution Wind“ (Rhode Island und Connecticut) von erheblichen Lieferverzögerungen betroffen seien. Demnach ist das Risiko hoch, dass wichtigste Komponentenzulieferer ihre vertraglich vereinbarten Zeitpläne nicht einhalten können.

Das würde bedeuten, dass Orsted die Offshore-Projekte erst später als gedacht in Betrieb nehmen kann, was die Einnahmen verzögern und die Offshore-Windparks unterm Strich teurer machen würde. Allein dieses Problem könnte Wertminderungen in Höhe von bis zu 5 Milliarden DKK bewirken.

Das Subventions-Problem

Zweitens: die Subventionen. Die Dänen kommen nach eigenen Angaben bei den Gesprächen mit hochrangigen US-Interessenvertretern über zusätzliche ITC-Qualifikationen nicht voran. ITC (Investment Tax Credits) bezeichnen Steuergutschriften für Investitionen in erneuerbare Energien in Höhe von 30 Prozent.

Orsted aber will über diese 30 Prozent hinaus höhere Gutschriften ergattern. Betroffen davon sind die beiden Offshore-Projekte „Ocean Wind 1“ und „Sunrise Wind“. Sollten sich die Bemühungen um zusätzliche Steuergutschriften als erfolgslos erweisen, würde das in Wertminderungen von bis zu 6 Milliarden DKK resultieren.

Das Zins-Problem

Drittens: die Zinsen. Die gestiegenen Leitzinsen in den USA erhöhen die Investitionsbelastung für Orsted. Das wirke sich auf sämtliche Offshore-Projekte und auch auf einige Onshore-Projekte aus. Sollten die Zinssätze zum Ende des dritten Quartals auf dem aktuell hohen Niveau bleiben, würde dies zu Wertminderungen von ca. 5 Milliarden DKK führen.

Im Worst Case könnten die Abschreibungen auf das US-Windportfolio also 16 Milliarden DKK betragen. Das wäre ohne Zweifel ein Desaster – aber nicht nur für den Konzern selbst, sondern auch für die USA.

Offshore-Wind: Bidens Klimaschutz-Offensive auf der Kippe

Präsident Joe Biden will bis Ende der 20er Jahre die Offshore-Windkraftkapazitäten des Landes auf 30 Gigawatt erhöhen. 10 Millionen Haushalte könnten allein dadurch mit grünem Strom versorgt werden. Gleichzeitig soll die staatlich geförderte Windoffensive auf See 75.000 neue Arbeitsplätze direkt und indirekt schaffen.

Doch jetzt steht dieses Ziel auf der Kippe. Hintergrund: Durch die Machtübernahme der Demokraten im Weißen Haus und der von Biden etablierten Subventionen erlebte die US-Offshore-Windindustrie zunächst einen Boom. Viele Unternehmen gaben Investitionen bekannt – vor allem für Windparks vor der Ostküste. Hierzu zählen neben Orsted auch RWE, Shell, Total, Equinor, BP, Vangrid, Dominion und Eversource.

Doch die anfängliche Euphorie wich schnell der Realität. Die Nachwirkungen der Corona-Pandemie, die zuletzt hohe Inflation sowie die gestiegenen Zinsen machen die Projekte mehr und mehr zu einem Geldgrab. Offenbar hatte die Branche bei der Bekanntgabe ihrer massiven Investitionen darauf gehofft, dass die wirtschaftlichen Kosten für die Entwicklung und den Bau der Offshore-Parks sinken werden. Doch das erweist sich angesichts der makroökonomischen Probleme offenbar als Trugschluss.

Einige Firmen wollen Reißleine ziehen

Das Problem: Die Unternehmen können die höheren Kosten nicht gänzlich weitergeben. Zumindest im Bereich der Zinsen haben viele der Verträge laut Experten keinen Anpassungsmechanismus.

Diese Misere geht sogar so weit, dass einige Projektentwickler aussteigen wollen, und hierfür hohe Vertragsstrafen in Kauf nehmen. In Massachusetts haben sich laut Reuters zum Beispiel die beiden Unternehmen SouthCoast Wind und Commonwealth Wind dazu bereit erklärt, ihre Verträge mit dem Staat zu kündigen.

Immerhin: Konzerne wie Orsted, die an ihren Projekten festhalten wollen, haben die Möglichkeit, neue Stromabnahmeverträge auszuhandeln, um die gestiegenen Belastungen nach Inbetriebnahme an die Endkunden weiterzugeben. Das heißt: Im Endeffekt könnten die US-Verbraucher einen gewissen Teil der Krise abfangen.

Mein Fazit für Sie

Ohne Frage: Die Perspektive der Windkraftbranche in den USA ist alles andere als rosig. Allerdings sollten Sie als Anleger nicht vergessen, dass zumindest die aktuelle US-Regierung den Klimaschutz ganz oben auf ihre Agenda gesetzt hat. Schließlich sollen die USA nach Ansinnen von Joe Biden zu einem Vorreiter der Energiewende werden.

Der Staat hat also ein Interesse daran, dass Unternehmen in die Windkraft investieren. Und das kann nur gelingen, wenn die Branche Aussicht auf Profite hat. Das Weiße Haus könnte also dazu gezwungen sein, höhere Subventionen auf den Weg zu bringen. Ob diese auch durch den Kongress gehen könnten, bliebe freilich abzuwarten.

Meiner Meinung nach ist die Chance durchaus hoch, dass im Endeffekt der US-Steuerzahler zur Kasse gebeten wird, um die Klimaschutzziele irgend möglich zu erreichen. Das würde Aktien wie Orsted Rückendeckung geben.

Berücksichtigen Sie aber die enorme Polarisierung in der US-Politik und die Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr. Sollte Donald Trump oder einer seiner republikanischen Kollegen das Zepter übernehmen, könnte die US-Windkrise gar an Intensität zunehmen. Viele Republikaner jedenfalls hatten bereits die bisherigen Subventionen scharf kritisiert.