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Luftfahrt Aktien nach Q2: Auftrieb mit Turbulenzen

Inhaltsverzeichnis

Die Luftfahrt war eine der am stärksten betroffenen Branchen, als vor rund zweieinhalb Jahren die Corona-Pandemie die Welt in Schockstarre versetzte. Von heute auf morgen wurden Grenzen geschlossen und strikte Reisebeschränkungen verhängt. Der Flugverkehr kam weitgehend zum Erliegen, vor allem der Passagierverkehr brach nahezu vollständig ein.

Nach zwei krisengeprägten Jahren ging es in diesem Jahr allmählich wieder aufwärts: Spätestens seit im vergangenen November die Einreise in die USA wieder für viele Menschen möglich wurde, haben sich die Buchungs- und Passagierzahlen deutlich erholt.

Personalabbau bremst Reisesommer aus

In diesem Sommer war die Reiselust groß. Dass dennoch nicht die angestrebten Kapazitätsauslastungen erreicht wurden, lag nicht an mangelnder Nachfrage – ganz im Gegenteil. Weil Airlines und Flughafenbetreiber sowie ihre Dienstleister während der Pandemie massiv Personal abgebaut hatten, fehlten die Beschäftigten nun an allen Ecken und Enden. Lange Warteschlangen, frustrierte Passagiere, überlastete Mitarbeiter und tausende gestrichene Flüge waren die Folge.

Inzwischen haben wichtige Unternehmen aus der Branche ihre Bilanzen für das Frühjahr vorgestellt und somit die Monate vor dem großen Chaos an den Flughäfen Deutschlands und Europas.

Lufthansa peilt 80 Prozent Kapazität an

So hat Deutschlands größte Airline die Markterwartungen bei Umsatz und Gewinn übertroffen. Der Umsatz der Lufthansa konnte sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mehr als verdoppeln von gut 3,2 Milliarden Euro auf fast 8,5 Milliarden Euro. Der operative Gewinn fiel mit 393 Millionen Euro ebenfalls höher aus als gedacht.

Die Passagierzahlen konnte die Lufthansa im zweiten Quartal mehr als vervierfachen: Waren von April bis Ende Juni 2021 gerade einmal 7 Millionen Passagiere gezählt worden, waren es im Q2 dieses Jahres bereits 29 Millionen.

Für das Gesamtjahr strebt die Lufthansa eine Kapazitätsauslastung von 75 Prozent des Vorkrisenniveaus an, als Referenz gilt hier das Jahr 2019 – das letzte vor Ausbruch der Corona-Pandemie. Die Buchungen bis zum Ende des Jahres liegen nach Angaben des Unternehmens bereits bei 83 Prozent

Fraport hebt Ziele für Gesamtjahr an

Deutlich aufwärts ging es auch für Fraport. Die Betreibergesellschaft des Frankfurter Flughafens meldete für das zweite Quartal einen Umsatz in Höhe von 884 Milliarden Euro und lag damit deutlich über den Markterwartungen. Im Vergleich zum Vorjahresquartal verbuchte Fraport damit ein Umsatzplus von 90 Prozent. Die Ziele für das Gesamtjahr 2022 hat das Unternehmen daraufhin angehoben.

Der Nettogewinn blieb mit 59 Millionen Euro rund 20 Prozent hinter den Schätzungen der Analysten zurück. Dies lässt sich allerdings größtenteils auf Abschreibungen im Hinblick auf den Flughafen St. Petersburg zurückführen. Auch Fraport ist somit direkt von den Sanktionen gegen Russland betroffen, die Deutschland und viele weitere westliche Länder seit Beginn des Krieges in der Ukraine verhängt haben.

MTU erwartet Rekordumsatz für 2022

Der Triebwerkshersteller MTU Aero Engines, dessen Aktie seit einiger Zeit in der ersten Börsenliga gelistet ist, lag mit seinen Ergebnissen im zweiten Quartal ebenfalls über den Erwartungen. So belief sich der Gewinn je Aktie auf 2,14 Euro. Analysten waren lediglich von 1,87 Euro ausgegangen.

Auch der Umsatz konnte mit knapp 1,3 Milliarden Euro die Schätzungen leicht übertreffen und lag satte 27 Prozent über dem Niveau des Vorjahreszeitraums. Der operative Gewinn kletterte um 54 Prozent auf 159 Millionen Euro. Der Nettogewinn belief sich auf 66 Millionen Euro, was einer Steigerung um 22 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal entspricht.

Für das Gesamtjahr steuert MTU nun sogar einen Rekordumsatz an. Dieser soll nach Schätzungen des Vorstands zwischen 5,2 und 5,4 Milliarden Euro liegen. Zum Vergleich: 2021 hatte MTU lediglich 4,2 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet. Auch beim Vorsteuerergebnis rechnen die Münchener mit einer deutlichen Steigerung: Für das Gesamtjahr 2022 werden hier 585 Millionen Euro erwartet, das wäre ein Plus von 25 Prozent gegenüber dem Vorjahresergebnis.

Airbus kämpft mit Lieferengpässen

Mit etwas mehr Gegenwind kämpft hingegen der deutsch-französische Flugzeughersteller Airbus, dessen Aktie ebenfalls noch relativ neu zum Dax gehört. Vor allem die anhaltende Chipkrise sowie weitere fehlende Bauteile haben die Produktion zuletzt ausgebremst und das Ergebnis belastet.

So wurden im Zeitraum von April bis Ende Juni weniger Flugzeuge fertiggebaut und ausgeliefert als im Vorjahresquartal. Der Umsatz sank dementsprechend um 10 Prozent auf 12,8 Milliarden Euro. Das bereinigte Ebit fiel um 31 Prozent zurück auf rund 1,4 Milliarden Euro. Beim Überschuss verbuchte der Flugzeugbauer einen Rückgang um fast zwei Drittel und verzeichnete hier lediglich 682 Millionen Euro.

Für das Gesamtjahr strebt die Konzernführung zwar nach wie vor ein bereinigtes Ebit vor Sondereffekten in Höhe von rund 5,5 Milliarden Euro an. Allerdings rechnet man auch damit, weniger Verkehrsflugzeuge an Kunden übergeben zu können als zunächst geplant. Anstelle von 720 Stück werden es demnach wohl nur 700 Flugzeuge im Gesamtjahr 2022.

Auch insgesamt müssen sich Anleger und Airlines auf Verzögerungen bei Airbus einstellen. So sollte die Produktion der beliebten Mittelstreckenflugzeuge aus der A320neo-Modellreihe eigentlich aufgestockt werden, sodass im Sommer 2023 monatlich 65 Maschinen das Werk verlassen können. Diese Kapazität wird nun wohl erst Anfang 2024 erreicht. Dennoch hält Airbus weiterhin an seinem Ziel fest, bis 2025 die Produktion der A320neo-Jets auf 75 Stück pro Monat auszuweiten.

Boeing schafft Sprung in Gewinnzone

Im ewigen Zweikampf zwischen Airbus und Boeing haben die Europäer trotzdem die Nase vorn. Der US-Rivale hat sich noch immer nicht von dem Debakel um die 737 Max erholt. Der Jet hatte nach zwei Abstürzen mit insgesamt mehr als 300 Todesopfern fast zwei Jahre lang nicht abheben dürfen.

Inzwischen hat Boeing bei dem Modell nachgebessert – und die Airlines greifen wieder zu. Obwohl auch Boeing mit Lieferengpässen und fehlenden Bauteilen zu kämpfen hat, konnte die Produktion der 737 Max im zweiten Quartal fast verdoppelt werden: Verließen im Vorjahreszeitraum gerade einmal 16 Maschinen pro Monat die Werkshallen, waren es in diesem Jahr monatlich 31 Jets.

Neue Probleme gibt es unterdessen mit dem Langstreckenjet 787 Dreamliner, der wegen Mängeln in der Produktion nicht an die Kunden übergeben werden konnte. Die US-Luftfahrtbehörde FAA schaut hier besonders genau hin, ein Desaster wie mit der 737 Max soll sich nicht wiederholen. Damals war neben Boeing auch die Luftfahrtbehörde massiv in die Kritik geraten wegen mutmaßlich zu lascher Kontrollen.

Für das zweite Quartal verbuchte Boeing unterm Strich einen Rückgang beim Nettogewinn um satte 72 Prozent auf lediglich 160 Millionen Dollar. Immerhin gelang damit aber überhaupt die Rückkehr in die Gewinnzone: Im Auftaktquartal hatte der Flugzeughersteller noch einen Verlust in Höhe von 1,2 Milliarden Dollar hinnehmen müssen. Der Umsatz ging im zweiten Quartal leicht zurück um 2 Prozent auf 16,7 Milliarden Dollar.

Aktien seit Jahresbeginn im Sinkflug – mit einer Ausnahme

Beim Blick auf die Entwicklung der Aktienkurse fällt auf, dass sich der Triebwerkshersteller MTU als einziger im Plus behaupten kann: Seit Jahresbeginn haben die Papiere um rund 2,5 Prozentpunkte zugelegt auf gut 191 Euro (Stand: 19. August). Der Kurs der Airbus Aktie verlor im gleichen Zeitraum 8,7 Prozent auf rund 106 Euro. Bei Konkurrent Boeing lief es noch schlechter, hier beläuft sich der Kursverlust seit Jahresbeginn auf 12 Prozent, die Aktie war zuletzt noch knapp 163 US-Dollar wert.

Die Lufthansa Aktie, die seit Beginn der Corona-Pandemie und den staatlichen Rettungsmaßnahmen zur Abwehr einer Konzernpleite aus der ersten Börsenliga abgestiegen ist und seither im MDax gelistet wird, verlor im bisherigen Jahresverlauf rund 6,8 Prozent und fiel zurück auf etwa 6,30 Euro.

Am härtesten abgestraft wurden die Papiere des Flughafenbetreibers Fraport. Der Kursverlust seit Jahresbeginn türmt sich auf 25 Prozent, die Fraport Aktie wurde zuletzt für rund 46 Euro gehandelt.

Nach Q2-Zahlen: So positionieren sich die Analysten jetzt

Analysten raten derzeit bei den Flugzeugherstellern Airbus und Boeing mehrheitlich zum Kauf der Aktien. Entsprechende Empfehlungen gab es zuletzt unter anderem von den US-Großbanken Goldman Sachs und JP Morgan. Goldman Sachs beließ die Kursziele dabei unverändert auf 182 Euro für Airbus und 281 Dollar für Boeing. JP Morgan nahm leichte Anpassungen vor und reduzierte das Kursziel für Airbus von 180 auf 175 Euro, während die faire Bewertung für Boeing von 188 auf 200 Dollar angehoben wurde.

Etwas besser als zuvor stuft JP Morgan auch das Kursziel für MTU Aero Engines ein: Hier wurde das Ziel von 255 auf 260 Euro leicht angehoben und die Kaufempfehlung beibehalten. Goldman Sachs erhöhte hier zwar ebenfalls das Kursziel von 214 auf 233 Euro, blieb aber bei einer neutralen Einstufung und verwies neben Währungseffekten auf den Ausblick für das Gesamtjahr, der trotz starken Q2-Zahlen eher enttäuschend ausgefallen sei. Demgegenüber reduzierte das Analysehaus Jefferies das Kursziel für MTU nach Vorlage der Quartalszahlen von 250 auf 245 Euro, behielt aber die Kaufempfehlung bei.

Die Privatbank Berenberg, die Schweizer Großbank UBS sowie die Deutsche Bank bekräftigten dagegen sowohl ihre Kaufempfehlungen als auch die Kursziele von 130 beziehungsweise 132 Euro für die MTU Aktie.

Zurückhaltende Einstufungen für Lufthansa und Fraport

Deutlich verhaltener schneiden die beiden MDax-Werte Lufthansa und Fraport in der Gunst der Analysten ab. Mit Blick auf die Lufthansa Aktie positionierten sich die Experten überwiegend neutral. Die Deutsche Bank hob das Kursziel von 7,50 auf 8 Euro an. Auch die Schweizer UBS sieht das Kursziel mit 7,80 Euro etwas höher als zuvor (7,25 Euro). Goldman Sachs hingegen reduzierte das Kursziel für die Lufthansa Aktie nach Vorlage der Q2-Bilanz von 8 Euro auf 7,70 Euro. Das Analysehaus Bernstein Research blieb bei seiner Verkaufsempfehlung und bestätigte zudem das Kursziel von 4,75 Euro für die Lufthansa Aktie.

Für Fraport zeigten sich die Experten von Goldman Sachs gegen den Trend optimistisch, bekräftigten ihre Kaufempfehlung und hoben sogar das Kursziel leicht an von 64 auf 65 Euro. Der Flughafenbetreiber profitiere von steigenden Preisen und wachsendem Passagieraufkommen, hieß es zur Begründung.

Die kanadische Bank RBC blieb hingegen bei ihrer Verkaufsempfehlung mit Kursziel 33 Euro für die Fraport Aktie. Neutrale Bewertungen gaben zuletzt die Analysten von Deutscher Bank (Kursziel: unverändert 45 Euro), JP Morgan (Kursziel angehoben von 51 auf 55 Euro) und der Schweizer UBS ab (Kursziel: 58 Euro).

Luftfahrtbranche im Aufwind – aber mit Turbulenzen

Insgesamt befindet sich die Luftfahrtbranche nach der schweren Krise der Corona-Pandemie allmählich wieder im Aufwind. Ausgebremst wird die positive Entwicklung zum Teil durch hausgemachte Probleme – wie die Mängel beim Boeing-Dreamliner oder den Personalmangel bei Fraport und Lufthansa – sowie durch externe Faktoren wie Lieferengpässe, fehlende Bauteile und dadurch bedingte Rückschläge in der Produktion, die vor allem Airbus und Boeing belasten.

Mittelfristig rechnet die Branche mit einer Rückkehr in die Erfolgsspur. Der Weg dorthin dürfte jedoch Turbulenzen mit sich bringen, etwa mit Blick auf höhere Kerosin- und Ticketpreise bei gleichzeitig nachlassender Kaufkraft von Verbrauchern, oder auch hinsichtlich der weiterhin bestehenden Unwägbarkeiten der Pandemie.

Das Vorkrisenniveau ist noch längst nicht erreicht, die Talsohle allerdings hat die Branche wohl hinter sich gelassen.