KI: Risiko oder Chance für Software-Unternehmen?
Schon im Februar könnten wir das Börsenunwort des Jahres gefunden haben: SaaSpocalypse! Dieses sprachliche Monster machte zuerst in den USA die Runde. Es ist die Kombination aus den Begriffen SaaS (= Software as a Service – Mietsoftware aus der Cloud) und Apocalypse (= Weltuntergang, Endzeit).
Auslöser des Software-Untergangs soll die Künstliche Intelligenz (KI) sein. Zum Hintergrund: Vor wenigen Tagen hat das noch nicht börsennotierte KI-Unternehmen Anthropic ein neues KI-System vorgestellt, das in einer bestimmten Nische Spezialsoftware und Fach-Datenbanken überflüssig machen könnte.
Kleine Meldung sorgte für Börsenbeben
Aus dieser kleinen Meldung wurde ein Börsenbeben. Die Überlegung einiger Anleger: Wenn das KI-Programm in dieser Nische Software-Unternehmen überflüssig macht, könnte das auch in vielen anderen Bereichen passieren. Die Folge: eine Verkaufs-Panik. Innerhalb kurzer Zeit wurden mehrere hundert Milliarden US-Dollar an Börsenwert ausgelöscht.
Meine Einschätzung: Ich halte es für unwahrscheinlich, dass KI-Lösungen zeitnah flächendeckend Software-Unternehmen ersetzen werden. Denn: Software ist weit mehr als nur ein paar tausend Zeilen Quellcode. Wenn ein Unternehmen eine Software kauft, wird diese in ein bestehendes IT-Ökosystem eingebaut. Die Schnittstellen zu vielen anderen Programmen müssen passen.
Microsoft, SAP und Co. sind darauf seit Jahrzehnten eingestellt. Hinzu kommt, dass ein Software-Programm kein statisches Konstrukt ist. Die Software braucht regelmäßig Updates und Sicherheits-Optimierungen. Wenn Probleme auftreten, erwarten die Unternehmen einen qualifizierten Kundenservice.
Ein dritter Punkt: Will ich als Unternehmen einem globalen KI-Konzern Zugriff auf strategisch wichtige Firmendaten erlauben? Was macht die KI im Hintergrund mit diesen Daten? Gibt es eine Kontrolle?
Ein entscheidender Schwachpunkt von KI
Einen vierten Punkt nennt der Neurowissenschaftler Gary Marcus: KI-Modelle produzieren Halluzinationen. Damit ist zum Beispiel gemeint: KI-Systeme finden Lösungen, auch wenn es keine Lösungen gibt. Die fehlenden Bausteine werden dann einfach von der KI erfunden, damit das Bild rund ist.
Wenn es aber um wichtige Urteile, Verträge oder Konstruktionspläne geht, wäre eine erfundene perfekte Lösung brandgefährlich. Das Konstrukt wäre nicht haltbar. So ist es auch typisch, dass die KI-Unternehmen fast immer eine Haftung für mögliche Irrtümer ausschließen.
Software-Unternehmen sind gefordert
Das bedeutet nicht, dass sich die Software-Unternehmen auf ihren alten Erfolgen ausruhen können. Das Programmieren dürfte mit KI-Hilfe deutlich schneller, einfacher und günstiger werden. Die Software-Kunden werden daher auf die Preise achten und ihren Anteil am Produktivitätsfortschritt einfordern.
Die Zeiten der Traummargen könnten in der Branche bald vorbei sein. Auf der anderen Seite können die Software-Unternehmen ihrerseits die Personalkosten reduzieren, weil weniger Programmierer benötigt werden und diese dadurch auch ihre starke Position bei den Lohnverhandlungen verlieren.
Die Software-Unternehmen sind also gefordert. Noch handelt es sich bei dieser Spezies aber nicht um aussterbende Dinosaurier. Daher sehe ich bei einigen Software-Unternehmen nach dem jüngsten Ausverkauf aktuell auch spannende Einstiegsgelegenheiten.