Gewinnentwicklung – Wie lang kann das gut gehen?

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Stark steigende  Unternehmensgewinne haben die beeindruckende Kurserholung europäischer Aktien seit Oktober 2022 maßgeblich beflügelt. Aber der Rückenwind durch die Erträge ebbt merklich ab und könnte den Börsenaufschwung gefährden.

Ertragsschätzungen der Analysten fallen stark

Die Berichtssaison für das Gesamtjahr und das vierte Quartal 2022 kommt nun auch in Europa in Schwung. Aber anders als in den Quartalen zuvor, als die Ergebnisse der Aktiengesellschaften und die Prognosen der Aktienanalysten immer höher geschraubt worden sind, werden die Schätzungen für die Unternehmensgewinne im Schlussvierteljahr nach und nach zurückgenommen.

Das zeigen  die Auswertungen von Refinitiv I/B/E/S Data für den breiten Aktienindex Stoxx 600 Europe. Der Finanzdienstleister erfasst laufend die Gewinnprognosen der Banken und anderer Research-Häuser und  bildet daraus den so genannten Marktkonsens, also den Durchschnitt der Ertragsschätzungen.

Zuversichtliche Analysten

Noch Anfang November 2022, als die Kursrallye so richtig Fahrt aufgenommen hatte, waren die Analysten äußerst zuversichtlich für die Gewinnentwicklung der 600 Aktien aus 17 europäischen Ländern (der Deutschland-Anteil beträgt 13,5%) des Index. Sie schätzen damals für das vierte Quartal,  dass die Erträge um 21% höher ausfallen würden als ein Jahr zuvor. Aber es kam anschließend alles ganz anders.

Bis  Anfang des laufenden Monats Februar  sind die Prognosen auf ein Plus von nur noch 7,3% geschrumpft. In Euro ausgedrückt bedeutet das, dass die 600 Unternehmen zusammen in den drei Monaten von Oktober bis Dezember nun 122,2 Milliarden Euro verdienen sollten. Im November 2022 hatten die Analysten noch 137,8 Milliarden Euro veranschlagt – eine Ertragslücke von immerhin 15,6 Milliarden Euro.

Der Schlüssel liegt in der Dollar-Entwicklung

Auf den ersten Blick mag diese zunehmende Gewinnskepsis der Experten überraschen. Schließlich wird die konjunkturelle Entwicklung inzwischen wesentlich günstiger eingeschätzt als noch im Herbst vorigen Jahres. Zudem sind die Energiepreise und die Kosten für viele andere Rohstoffe seither deutlich zurückgegangen. Aber der Schlüssel liegt in der Währungsentwicklung.

In den ersten drei Quartalen 2022 hatten die Unternehmensgewinne mit schöner Regelmäßigkeit weitaus stärker zugelegt, als es die Unternehmen selbst und die Analysten erwartet hatten. Denn der Euro ist in dieser Zeit immer stärker in die Knie gegangen, insbesondere gegenüber der Haupthandelswährung US-Dollar.

Von Kursen um 1,13 Dollar Ende 2021 ist der Euro bis auf 96 Cents Anfang Oktober 2022 eingebrochen. Diese Abwertung hat sowohl die Konkurrenzfähigkeit der europäischen Unternehmen deutlich verbessert als auch, und das besonders, die im Dollarraum erzielten Umsätze und Gewinne beim Umtausch eminent in die Höhe getrieben. An den Zahlen und Aussagen der meisten international tätigen Unternehmen aus dem Alten Kontinent lässt sich das leicht ablesen. Die ausgewiesenen Gewinnzuwächse waren bis zur Hälfte den positiven Währungseffekten zu verdanken.

Gewinnentwicklung dreht ab dem Frühjahr ins Minus

Der Wind hat aber seit Oktober gedreht. Der Euro hat einen großen Teil der Kursverluste gegenüber dem Dollar aufgeholt und sich vorige Woche vorübergehend bis auf 1,10 Dollar aufgeschwungen. Die Windfall-Profits durch die Wechselkursentwicklung sind damit weitgehend verschwunden, und deshalb fallen die Gewinne wesentlich niedriger aus als noch im Herbst 2022 bei Dollarkursen unter einem Euro veranschlagt worden war.

Das macht sich jetzt in den Zahlen des vierten Quartals 2022 erstmals schmerzhaft bemerkbar. Und es wird sich in den Ergebnissen für 2023 zunächst fortsetzen. Die Durchschnittsschätzungen bei Refinitiv I/B/E/S Data für das erste Vierteljahr 2023 liegen nur noch bei + 0,4% und kippen dann im zweiten und dritten Quartal deutlich ins Minus – auf -7,5% bzw. -11,7%. Und das könnte, falls die Analysten Recht behalten, den Kursen an Europas Börsen früher oder später heftigen Gegenwind bescheren.