BioNTech greift Moderna frontal an
Der Patentstreit eskaliert. Der Mainzer Impfstoffentwickler BioNTech verschärft den juristischen Druck auf den US-Konkurrenten Moderna und zieht vor ein Bundesgericht in Delaware. Im Zentrum steht das US-Patent mit der Nummer 12.133.899. Dieses Patent schützt eine spezielle, optimierte mRNA-Struktur, die nicht mehr das vollständige Spike-Protein eines Virus codiert, sondern nur gezielt ausgewählte Teilbereiche.
Diese Teilbereiche werden als Domänen bezeichnet. Eine Domäne ist ein funktionell abgegrenzter Abschnitt eines Proteins, der bestimmte Eigenschaften erfüllt. Statt also die komplette Bauanleitung für ein großes Protein zu liefern, wird nur das produziert, was immunologisch notwendig ist.
Die mRNA, also die sogenannte Messenger-RNA, ist ein molekularer Botenstoff. Sie transportiert genetische Information in die Zelle, damit dort ein bestimmtes Protein hergestellt wird. Bei Impfstoffen dient dieses Protein als Trainingsreiz für das Immunsystem. Das von BioNTech geschützte Konzept setzt darauf, die mRNA kürzer und gezielter zu gestalten. Dadurch soll die Stabilität erhöht und gleichzeitig die notwendige Impfstoffdosis deutlich reduziert werden. Laut Klageschrift sei es möglich, mit nur einem Bruchteil der bisherigen Menge eine vergleichbare Immunantwort zu erzeugen.
BioNTech argumentiert, dass dieses domänenbasierte Design bereits früh in der Pandemie parallel zum bekannten Impfstoff COMIRNATY entwickelt und getestet wurde. Nun wirft das Unternehmen Moderna vor, genau diese technische Grundidee ohne Lizenz übernommen zu haben. Im Fokus steht dabei Modernas neuer Impfstoffkandidat mNEXSPIKE. Dieses Präparat wurde kürzlich von der US-Arzneimittelbehörde FDA zugelassen und gilt als strategisch wichtig für die künftigen Umsätze des US-Konzerns.
Moderna im Monatschart

(Quelle: Aktienscreener.com)
Wirtschaftliche Tragweite des Patents
Die juristische Auseinandersetzung ist kein rein technisches Detail, sondern hat erhebliche wirtschaftliche Bedeutung. mNEXSPIKE soll in der kommenden respiratorischen Saison mehr als die Hälfte der COVID-bezogenen Umsätze von Moderna generieren. Der Markt für COVID-Impfstoffe ist nach dem Ende der akuten Pandemiephase deutlich geschrumpft. Staatliche Großbestellungen sind weitgehend ausgelaufen. Gleichzeitig wächst der Wettbewerbsdruck, da sich die Nachfrage stärker saisonal orientiert und die Preise unter Druck geraten.
In diesem Umfeld ist eine effizientere Technologie ein klarer Wettbewerbsvorteil. Eine reduzierte Dosierung bedeutet geringere Produktionskosten. Höhere Stabilität bei Kühlschranktemperaturen vereinfacht Logistik und Lagerung. Beides verbessert die Marktposition erheblich. Wenn das Gericht zu dem Schluss kommt, dass Moderna tatsächlich gegen das Patent verstoßen hat, könnten Lizenzzahlungen oder Schadenersatzforderungen in Milliardenhöhe im Raum stehen. Zudem könnte im Extremfall sogar eine Einschränkung des Vertriebs drohen.
Für die gesamte Biotechnologiebranche ist der Fall grundlegend. In der Post-Pandemie-Phase rückt die Frage nach geistigem Eigentum stärker in den Vordergrund. Gerade bei Plattformtechnologien wie mRNA, die sich vielseitig einsetzen lassen, entscheidet die Breite und Durchsetzbarkeit solcher Patente über langfristige Ertragschancen. Ein Urteil zugunsten von BioNTech könnte die Bewertung vergleichbarer Patente deutlich aufwerten.
Börsenreaktion und strategische Perspektiven
Trotz der Eskalation reagierten die Kapitalmärkte zunächst vergleichsweise gelassen. Die Aktien von BioNTech und Moderna stiegen gestern beide um 6 Prozent. Das deutet darauf hin, dass Investoren den Rechtsstreit entweder bereits eingepreist haben oder kurzfristig andere Faktoren höher gewichten. Aktienkurse spiegeln häufig Erwartungen wider. Wenn ein Risiko schon länger bekannt ist, verliert eine formelle Klage oft ihren Überraschungseffekt.
Zudem spielt die allgemeine Stimmung im Biotech-Sektor eine Rolle. Nach starken Kursverlusten in den vergangenen Quartalen setzen viele Anleger auf technische Erholungen. Langfristig bleibt jedoch entscheidend, wie robust die jeweiligen Produktpipelines sind.
Sollte sich der Konflikt über Jahre ziehen, entstehen hohe Rechtskosten und Unsicherheit für beide Seiten. Gleichzeitig signalisiert BioNTech mit diesem Schritt, dass das Unternehmen seine Patentbasis aktiv verteidigt. Das kann strategisch sinnvoll sein, um potenzielle Nachahmer abzuschrecken. Für Moderna steht viel auf dem Spiel, da mNEXSPIKE als technologischer Fortschritt vermarktet wird. Wenn genau diese Fortschrittsargumentation juristisch infrage gestellt wird, betrifft das nicht nur einzelne Umsätze, sondern das Innovationsnarrativ des Konzerns.
Unabhängig vom Ausgang zeigt der Fall, wie sensibel der Wettbewerb im mRNA-Sektor geworden ist. Was in der akuten Pandemiephase noch von globaler Kooperation geprägt war, entwickelt sich zunehmend zu einem harten Verteilungskampf um Marktanteile, Patente und künftige Plattformanwendungen. Die Gerichte in Delaware werden damit indirekt über die Spielregeln einer ganzen Technologiebranche mitentscheiden.