SpaceX dreht nach oben: Die Bewertung bleibt extrem
Es geht wieder steil nach oben. Die SpaceX-Aktie hat nach ihrem dramatischen Absturz zuletzt eine kräftige Gegenbewegung gestartet und sich vom Tief bei knapp 107 US-Dollar zeitweise bis in den Bereich um 140 US-Dollar erholt. Wer nur auf die letzten Handelstage schaut, könnte deshalb glauben, dass das Schlimmste bereits überstanden ist. Der Tageschart zeigt jedoch ein anderes Gesamtbild: Vom Hoch oberhalb von 220 US-Dollar hat die Aktie zeitweise mehr als 50 % verloren.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob SpaceX kurzfristig weiter steigen kann, sondern ob die fundamentale Entwicklung inzwischen überhaupt zur enormen Bewertung passt.
Genau hier wird es schwierig. SpaceX wächst zwar beeindruckend schnell, verbrennt gleichzeitig aber gewaltige Summen. Die ersten Geschäftszahlen seit dem Börsengang zeigen deshalb ein Unternehmen, bei dem operative Fortschritte und Börsenbewertung ungewöhnlich weit auseinanderliegen. Für Anleger ist das besonders gefährlich, weil eine gute Geschichte allein nach einem IPO irgendwann nicht mehr ausreicht. Früher oder später verlangt die Börse belastbare Gewinne und Cashflows.

(Quelle: Tradingview.com)
92 % Wachstum und trotzdem ein Problem
Auf den ersten Blick sehen die Zahlen spektakulär aus. SpaceX steigerte seinen Umsatz kräftig und kam im 1. Halbjahr 2026 auf rund 12,5 Mrd. US-Dollar. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht das einem starken Wachstum. Besonders Starlink entwickelt sich dynamisch. Die Zahl der Abonnenten hat sich innerhalb eines Jahres von 6 Mio. auf 12 Mio. verdoppelt.
Doch bereits hier taucht ein wichtiger Schönheitsfehler auf. Der durchschnittliche Umsatz je Starlink-Kunde sank im gleichen Zeitraum von 85 auf 66 US-Dollar. SpaceX gewinnt also sehr viele neue Kunden, verdient mit jedem einzelnen Kunden im Durchschnitt aber weniger. Das muss noch kein Problem sein, solange Skaleneffekte und zusätzliche Geschäftskunden die sinkenden Erlöse kompensieren. Es zeigt jedoch, dass selbst Starlink nicht unbegrenzt mit hohen Preisen wachsen kann.
Interessanterweise wurde bei meinem Starlink-Abo im letzten Monat 20 Euro zu viel abgebucht. Das hat Starlink selbst später festgestellt und mir den Betrag zurückgebucht. Hatte auf jeden Fall einen Beigeschmack, wenn man das bei allen Kunden machen würde, um vor kurzfristig mehr Umsatz auf dem Papier zu haben…
Tatsächlich ist die Connectivity-Sparte derzeit der mit Abstand überzeugendste Teil des Konzerns. Im 1. Halbjahr erzielte sie rund 7,5 Mrd. US-Dollar Umsatz und einen operativen Gewinn von rund 2,8 Mrd. US-Dollar. Damit besitzt SpaceX durchaus ein Geschäft, das bereits heute erheblichen wirtschaftlichen Wert produziert.
Ganz anders sieht es bei den übrigen Bereichen aus. Das Raumfahrtgeschäft schrieb im 1. Halbjahr einen operativen Verlust von rund 1,2 Mrd. US-Dollar. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass ein großer Teil der Raketenstarts dem eigenen Starlink-Netz dient. Von 78 Starts im 1. Halbjahr entfielen lediglich 17 auf externe Kunden und 61 auf interne Missionen. Das Raumfahrtgeschäft erzeugt also einen erheblichen Teil seiner Nachfrage innerhalb des eigenen Konzerns.
Der eigentliche Knackpunkt sind die Investitionen
Noch extremer wird die Rechnung bei KI. SpaceX hat seine Rechenkapazitäten massiv ausgebaut. Doch dieser Ausbau kostet enorme Summen. Im 1. Halbjahr flossen rund 23,6 Mrd. US-Dollar allein in die KI-Sparte. Gleichzeitig verursachte der Bereich einen operativen Verlust von rund 3,7 Mrd. US-Dollar.
Damit zeigt sich das zentrale Problem der SpaceX-Story. Das Unternehmen investiert heute gewaltige Beträge in Geschäfte, deren zukünftige Profitabilität noch nicht bewiesen ist. Insgesamt lagen die Investitionsausgaben im 1. Halbjahr bei mehr als 28 Mrd. US-Dollar. SpaceX investierte damit mehr als doppelt so viel, wie der Konzern im selben Zeitraum umgesetzt hat.
Hohe Investitionen sind bei einem Wachstumsunternehmen grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Entscheidend ist jedoch der Preis, den Anleger für dieses Wachstum bezahlen.
Bei einer Börsenbewertung von rund 1,75 Bio. US-Dollar und einem auf das Gesamtjahr hochgerechneten Umsatz von ungefähr 25 Mrd. US-Dollar ergibt sich ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von etwa 70. Anders gesagt: Anleger bezahlen rund 70 US-Dollar Unternehmenswert für jeden US-Dollar Jahresumsatz.
Bei einer solchen Bewertung reicht gutes Wachstum nicht aus. SpaceX müsste über viele Jahre außergewöhnlich stark wachsen und gleichzeitig irgendwann enorme Margen erreichen. Jede Verzögerung bei Starlink, jeder stärkere Wettbewerber und jede dauerhaft niedrigere Profitabilität bekommt dadurch ein erhebliches Gewicht.
Genau deshalb sollten Sie den aktuellen Kursanstieg nicht automatisch mit einer fundamentalen Trendwende verwechseln.
Warum die Erholung trotzdem noch weiterlaufen kann
An der Börse können Bewertung und Kursentwicklung über längere Zeit völlig unterschiedliche Wege gehen. Gerade SpaceX besitzt alles, was starke Gegenbewegungen begünstigt. Die Aktie ist bekannt, die Zukunftsgeschichte ist spektakulär und nach einem Kursverlust von mehr als 50 Prozent erscheinen Kurse um 110 oder 120 US-Dollar plötzlich günstig, obwohl das Unternehmen fundamental weiterhin extrem hoch bewertet sein kann.
Hinzu kommt die technische Situation im Tageschart. Nach dem Hoch oberhalb von 220 US-Dollar folgte ein nahezu durchgängiger Abwärtstrend bis in den Bereich um 107 US-Dollar. Anfang August änderte sich das kurzfristige Bild erstmals deutlich. Die Aktie sprang zunächst in Richtung 125 US-Dollar und anschließend bis über 130 US-Dollar. Inzwischen kämpft sie um den Bereich von 140 US-Dollar.
Das ist eine ernst zu nehmende Gegenbewegung. Eine bestätigte langfristige Trendwende lässt sich daraus aber noch nicht ableiten. Dafür müsste die Aktie erst deutlich mehr von den vorherigen Verlusten zurückerobern und eine Struktur aus höheren Hochs und höheren Tiefs aufbauen. Der von obige Tageschart macht diese Diskrepanz besonders gut sichtbar: Die letzten Kerzen sehen konstruktiv aus, der übergeordnete Kursverlauf bleibt jedoch schwer beschädigt.
Gerade nach einem Absturz von mehr als 50 Prozent können Erholungen erstaunlich kräftig ausfallen. Selbst ein Anstieg von 107 auf 160 US-Dollar würde einem Plus von fast 50 Prozent entsprechen. Trotzdem läge die Aktie anschließend noch immer rund 30 Prozent unter ihrem früheren Hoch von über 220 US-Dollar. Prozentrechnung kann nach starken Kursverlusten einen trügerischen Eindruck erzeugen.
Für Sie als Anleger wird deshalb entscheidend, ob aus der technischen Erholung irgendwann eine fundamentale Verbesserung wird. Starlink muss weiter wachsen, ohne dass der Umsatz pro Kunde immer stärker unter Druck gerät. Das Raumfahrtgeschäft muss mehr externe Nachfrage und bessere Ergebnisse produzieren. Vor allem aber muss SpaceX zeigen, dass seine gigantischen KI-Investitionen irgendwann entsprechende Cashflows erzeugen.
Bis dahin bleibt die Aktie ein ungewöhnliches Verhältnis aus enormem Zukunftspotenzial und ebenso enormen Erwartungen. SpaceX kann eines der wichtigsten Technologie-Unternehmen der kommenden Jahrzehnte werden und die Aktie kann trotzdem heute zu teuer sein. Diese beiden Aussagen widersprechen sich nicht.
Der aktuelle Rebound zeigt lediglich, dass Käufer nach dem Crash zurückkehren. Ob daraus ein neuer langfristiger Aufwärtstrend entsteht, müssen erst die kommenden Quartale beweisen.