Reiselust boomt – doch wer verdient wirklich daran?
Trotz höherer Preise lassen sich die meisten Menschen ihren Urlaub nicht nehmen. Sie reagieren jedoch flexibler als früher: Manche buchen lange im Voraus, andere entscheiden sich kurzfristig oder weichen auf günstigere Reiseziele aus. Für Unternehmen der Tourismusbranche kann das erhebliche Folgen haben.
Für Sie als Value-Anleger stellt sich deshalb eine wichtige Frage: Welches Geschäftsmodell profitiert von der anhaltenden Reiselust, ohne vom Erfolg eines einzelnen Reiseziels oder einer bestimmten Reiseart abhängig zu sein? Ein interessantes Beispiel dafür ist Booking Holdings.
Wenn Reisende flexibler werden
Die Urlaubssaison zeigt, wie stabil die Nachfrage nach Reisen weiterhin ist. Gleichzeitig entwickelt sie sich regional sehr unterschiedlich. Während viele Familien früh buchen, entscheiden sich andere Urlauber wieder kurzfristiger. Auch geopolitische Konflikte können die Nachfrage innerhalb kurzer Zeit von einer Region in eine andere verlagern.
Für Reiseveranstalter, Hotels und Fluggesellschaften erschwert das die Planung. Ein Hotel kann seine Zimmer nicht an einen anderen Ort verlegen, wenn eine Region an Beliebtheit verliert. Fluggesellschaften und Veranstalter müssen ihre Kapazitäten ebenfalls frühzeitig planen. Digitale Buchungsplattformen sind beweglicher: Sie bündeln Angebote aus zahlreichen Ländern und können ihren Kunden unterschiedliche Unterkünfte, Flüge und Reiseziele anzeigen.
Booking profitiert daher nicht allein davon, dass mehr Menschen verreisen. Der eigentliche Vorteil liegt vielmehr darin, dass der Konzern an ganz unterschiedlichen Reiseentscheidungen seiner Kunden verdient. Ob ein Kunde früh oder kurzfristig bucht, nach Europa oder in die USA reist und sich für ein Hotel oder eine Ferienwohnung entscheidet, spielt für das Geschäftsmodell eine geringere Rolle.
Diese breite Aufstellung zeigte sich auch im 2. Quartal 2026. Die Zahl der gebuchten Übernachtungen stieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 5,9% auf 338 Mio., obwohl der Konflikt im Nahen Osten das Wachstum um 2 Prozentpunkte bremste. Die hohe Nachfrage in den USA konnte die etwas verhaltenere Entwicklung in Europa teilweise ausgleichen. Besonders bemerkenswert ist, dass das Bruttobuchungsvolumen um 15% und der Umsatz um 16,2% zulegten. Booking wächst damit deutlich stärker als die Zahl der vermittelten Übernachtungen. Das spricht dafür, dass über die Plattform mehr Leistungen gebucht oder höhere Buchungswerte erzielt werden.
Booking deckt immer mehr Teile der Reise ab
Booking vermittelt längst nicht mehr nur Hotelzimmer. Besonders dynamisch entwickelte sich zuletzt das Fluggeschäft, dessen Ticketverkäufe um 28,5% zulegten. Langfristig will der Konzern Unterkünfte, Flüge, Mietwagen und weitere Leistungen stärker miteinander verbinden. Kunden sollen ihre gesamte Reise möglichst über eine Plattform organisieren können.
Auch die Zahlungsabwicklung gewinnt an Bedeutung. Bei inzwischen 72% der Buchungen bezahlt der Kunde direkt an Booking. Der Konzern leitet das Geld anschließend an das Hotel oder den jeweiligen Anbieter weiter. Auf diese Weise erhält Booking mehr Kontrolle über den Buchungsprozess und kann zusätzliche Reiseleistungen leichter einbinden.
Künstliche Intelligenz soll künftig helfen, den gesamten Buchungsprozess stärker zu personalisieren. Reisende könnten dadurch schneller passende Angebote erhalten, verschiedene Bestandteile ihrer Reise einfacher kombinieren und zusätzliche Leistungen hinzubuchen. Für Booking eröffnet das die Möglichkeit, mehr Umsatz je Kunde zu erzielen und zugleich die Kosten im Kundenservice zu senken. Ob sich daraus dauerhaft höhere Erträge ergeben, muss sich allerdings erst zeigen.
Das Wachstum schlug sich auch im operativen Ergebnis nieder: Das EBIT stieg um rund 20%, während die operative Marge nahezu stabil blieb. Einen Teil des hohen freien Cashflows setzte Booking für Aktienrückkäufe von 3,6 Mrd. US-Dollar ein. Dadurch verteilt sich der Gewinn künftig auf weniger Aktien. Die umfangreichen Rückkäufe tragen allerdings auch zum negativen Eigenkapital bei. Anleger sollten deshalb neben der Ertragskraft die Schulden, Liquidität und Zinsbelastung im Blick behalten.
Was bedeutet das für Sie als Value-Anleger?
Booking besitzt eine starke Marktstellung und profitiert davon, dass Reisende ihre Pläne zwar ändern, auf ihren Urlaub aber häufig nicht verzichten. Die globale Reichweite verringert die Abhängigkeit von einzelnen Regionen. Flüge, zusätzliche Reiseleistungen und die eigene Zahlungsabwicklung eröffnen dem Konzern zugleich weitere Wachstumsmöglichkeiten.
Aktuell wird Booking mit dem 17-Fachen des erwarteten Gewinns bewertet. Für ein Unternehmen mit zweistelligem Umsatz- und Gewinnwachstum sowie einem hohen freien Cashflow erscheint diese Bewertung eher moderat.
Für Sie bedeutet das: Booking ist nicht allein wegen der anhaltenden Reiselust interessant. Maßgeblich sind die breite Plattform, die stärkere Vernetzung der Reiseleistungen und die Fähigkeit, hohe freie Cashflows zu erwirtschaften. Damit gehört Booking derzeit zu den Unternehmen, die für Value-Anleger einen genaueren Blick wert sein könnten.