NVIDIA – Ist die KI-Blasen-Angst jetzt widerlegt?

Das NVIDIA-Logo auf einem Smartphone-Bildschirm, liegend auf einer beleuchteten Tastatur.
Ralf | stock.adobe.com
Inhaltsverzeichnis

Nvidia liefert erneut. Nach mehreren Quartalen mit steigenden KI-Investitionen musste der wertvollste börsennotierte Konzern der Welt beweisen, dass der Boom bei Rechenzentren tatsächlich weiterläuft. Die Zahlen für das 2. Quartal liefern dafür starke Argumente. Umsatz und Gewinn übertrafen die Erwartungen, der Ausblick fiel besser aus als prognostiziert und mit Vera Rubin steht bereits die nächste Chip-Generation vor einem ungewöhnlich schnellen Produktionshochlauf.

Die Aktie reagierte entsprechend und legte gestern zeitweise rund 6 Prozent zu. Interessanter als diese kurzfristige Kursbewegung ist jedoch eine andere Frage: Widerlegt Nvidia damit die zunehmenden Zweifel am KI-Investitionsboom?

(Quelle: Tradingview.com)

Nvidia liefert mehr als nur einen guten Quartalsbericht

Im 2. Quartal erzielte Nvidia einen Umsatz von 96,22 Mrd. US-Dollar. Analysten hatten lediglich rund 92,37 Mrd. US-Dollar erwartet. Auch beim bereinigten Gewinn je Aktie lag Nvidia mit 2,22 US-Dollar deutlich über der Prognose von 2,10 US-Dollar.

Noch wichtiger war allerdings der Blick nach vorne. Für das 3. Quartal erwartet Nvidia einen Umsatz von rund 108 Mrd. US-Dollar. Die Markterwartung lag zuvor bei ungefähr 105 Mrd. US-Dollar.

Damit wächst Nvidia weiterhin in einer Größenordnung, die für ein Unternehmen dieser Größe außergewöhnlich ist. Allein das Rechenzentrumsgeschäft erreichte zuletzt rund 89 Mrd. US-Dollar Quartalsumsatz. Gleichzeitig sind die zugesagten Rechenkapazitäten innerhalb nur eines Quartals von 119 auf 279 Mrd. US-Dollar gestiegen.

Genau hier liegt die wichtigste Botschaft für Anleger. In den vergangenen Monaten wurde zunehmend darüber diskutiert, ob Microsoft, Alphabet, Meta und andere Technologie-Konzerne ihre gigantischen KI-Investitionen bald reduzieren könnten. Bei Nvidia ist davon bislang wenig zu sehen.

CEO Jensen Huang spricht weiterhin von einem KI-Infrastrukturausbau unter Volldampf. Noch deutlicher wird Finanzchefin Colette Kress. Für das kommende Geschäftsjahr stellt Nvidia ein Umsatzwachstum von ungefähr 70 Prozent in Aussicht. Allerdings könnte diese Größenordnung durch Lieferengpässe begrenzt werden. Die Nachfrage liegt nach Aussagen des Managements höher als die derzeit verfügbaren Kapazitäten.

Damit verschiebt sich die entscheidende Diskussion. Die Frage lautet momentan weniger, ob der KI-Investitionszyklus bereits endet. Wichtiger wird, wie lange dieses außergewöhnliche Wachstum noch aufrechterhalten werden kann.

Vera Rubin könnte den nächsten Wachstumsschub liefern

Besonders wichtig ist deshalb die nächste Produktgeneration. Laut Nvidia.com: „Vera Rubin ist ein Multi-Rack-POD-Scale-System, das fünf speziell entwickelte Rack-Scale-Systeme in einem riesigen, kohärenten KI-Supercomputer vereint.“ Nach Blackwell beginnt Nvidia bereits mit der Auslieferung von Vera Rubin. Bestellungen liegen nach Unternehmensangaben von allen großen Hyperscalern, KI-Cloud-Anbietern und wichtigen Systemherstellern vor.

Das Management erwartet den schnellsten Produktionshochlauf eines neuen Produkts in der Unternehmensgeschichte. Bereits im laufenden Quartal soll Vera Rubin ungefähr 20 Prozent des Rechenzentrum-Umsatzes ausmachen.

Damit löst Nvidia eines der schwierigsten Probleme der Halbleiterbranche bislang erstaunlich gut. Normalerweise besteht bei einem schnellen Produktzyklus die Gefahr, dass Kunden vor der nächsten Generation ihre Bestellungen zurückhalten. Nvidia schafft es dagegen, enorme Mengen der aktuellen Plattform zu verkaufen und gleichzeitig bereits Nachfrage für den Nachfolger aufzubauen.

Genau diese Fähigkeit ist für die Bewertung entscheidend. Nvidia verkauft längst nicht mehr nur einzelne Grafikprozessoren. Der Konzern bietet komplette Rechenplattformen aus Chips, Netzwerktechnik und Software an. Dadurch wird es für Kunden schwieriger, einzelne Komponenten kurzfristig durch Konkurrenzprodukte zu ersetzen.

Trotzdem gibt es einen wichtigen Warnhinweis: Das Wachstum dürfte sich verlangsamen. Nachdem der Umsatz im 2. Quartal gegenüber dem Vorjahr um 106 Prozent gestiegen ist, deutet der aktuelle Ausblick für das 3. Quartal nur noch auf ein Wachstum im mittleren bis oberen Bereich von 80 Prozent hin. Die „Probleme“ hätten andere Unternehmen sicherlich gerne.

Denn das klingt angesichts der Größenordnung immer noch spektakulär. An der Börse zählt jedoch nicht nur Wachstum, sondern die Veränderung der Wachstumsrate. Nvidia wird deshalb zunehmend daran gemessen, ob die Erwartungen weiter übertroffen werden können.

Die KI-Blasen-Debatte ist damit nicht beendet

Die starken Zahlen widerlegen vorerst die These, dass Unternehmen ihre KI-Ausgaben bereits massiv zurückfahren. Sie beantworten aber nicht die wesentlich größere Frage, ob sich diese Investitionen für Nvidias Kunden langfristig rechnen. Genau hier sollten Anleger unterscheiden.

Für Nvidia sind die Milliardeninvestitionen der Hyperscaler zunächst Umsatz. Für Microsoft, Meta, Alphabet oder andere Käufer sind dieselben Milliarden Kosten beziehungsweise Investitionsausgaben. Diese Unternehmen müssen irgendwann beweisen, dass zusätzliche KI-Umsätze und Cashflows hoch genug ausfallen, um die enorme Infrastruktur zu rechtfertigen.

Solange sie weiter investieren, profitiert Nvidia. Sollten mehrere Großkunden irgendwann gleichzeitig ihre Investitionsbudgets reduzieren, könnte sich das Wachstum allerdings schnell verändern.

Hinzu kommt ein weiteres Risiko. Nvidia investiert selbst in Teile des KI-Ökosystems und arbeitet eng mit Unternehmen zusammen, die gleichzeitig große Kunden sind. Jensen Huang bezeichnet OpenAI und Anthropic beispielsweise als langfristig bedeutende Partner und bedauert sogar, nicht früher und stärker in beide Unternehmen investiert zu haben.

Solche Verflechtungen sind strategisch nachvollziehbar. Anleger sollten trotzdem beobachten, wie unabhängig die Nachfrage langfristig tatsächlich bleibt. Je stärker Hersteller, Kunden, Cloud-Anbieter und KI-Start-ups sich gegenseitig finanzieren und Aufträge erteilen, desto wichtiger wird die Frage, wie viel Endkundennachfrage am Ende des Systems entsteht. Die aktuellen Nvidia-Zahlen liefern darauf noch keine endgültige Antwort.

Sie zeigen aber sehr deutlich, dass der KI-Investitionsboom im Sommer 2026 operativ keineswegs zusammengebrochen ist. Nvidia erwartet mehr als der Markt; die Nachfrage übersteigt teilweise das Angebot, und die nächste Produktgeneration startet bereits mit umfangreichen Bestellungen.

Bemerkenswert ist zudem die Bewertung. Trotz der enormen Kurssteigerungen der vergangenen Jahre liegt das erwartete KGV nur noch in einer Größenordnung um 18. Für ein Unternehmen mit den derzeitigen Wachstumsraten erscheint das nicht automatisch teuer. Allerdings funktioniert diese Bewertung nur, wenn die Gewinne weiter massiv steigen. Sobald das Wachstum wesentlich stärker nachlässt als erwartet, kann aus einem scheinbar günstigen KGV schnell eine deutlich anspruchsvollere Bewertung werden.

Nvidia hat damit einen weiteren wichtigen Test bestanden. Die Zahlen sprechen gegen ein unmittelbar bevorstehendes Ende des KI-Investitionszyklus. Sie beweisen aber noch nicht, dass die Hunderte Milliarden US-Dollar, die derzeit in KI-Infrastruktur fließen, langfristig überall wirtschaftlich sinnvoll eingesetzt werden.

Für Sie als Anleger liegt genau darin der Unterschied zwischen einer starken Nvidia-Story und einer bedenkenlosen KI-Story. Die 1. wurde mit diesen Zahlen erneut bestätigt. Die 2. muss sich erst noch beweisen.