Langatmig oder kurzatmig? Traden oder investieren?  

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Aktien gelten langfristig als das mit Abstand rentabelste Investment. Doch was bedeutet eigentlich jenes „langfristig“? 10 Jahre, 20 Jahre oder gar ein halbes Jahrhundert? Letztlich kommt es darauf an, wann man schaut, wohin man schaut und über welche Zeitspanne hinweg man schaut. So sicher wie das Amen in der Kirche ist nur eines: langfristig sind wir alle tot … 

Eine Alternative zum gleichsam scheinbar endlosen Investieren wäre kurzatmiges Traden. Ob nun bei Aktien, Währungen, Edelmetallen oder Kryptos – bisweilen vergehen nur wenig Wimpernschläge zwischen Einstieg und Ausstieg und umgekehrt. Welche Strategie also ist der Renditebringer schlechthin – Trading oder Investment? Die Antwort lautet: kommt drauf an! Zumindest würde sie Radio Eriwan alle Ehre machen. 

Die Kunst des Investieren – gar nicht so einfach 

Den Begriff „investieren“ begleiten oft Substantive wie Geduld, Gelassenheit und auch Furchtlosigkeit. Vor allem aber gibt es gefühlt unzählige Zitate zweifellos kluger Menschen, die einen länger- und langfristigen zeitlichen Horizont bei Investments empfehlen.

Zu den bekanntesten zählen wohl jene zwei Sätze, die André Kostolany zugeschrieben werden: „Kaufen Sie Aktien, nehmen Sie Schlaftabletten und schauen Sie die Papiere nicht mehr an. Nach vielen Jahren werden sie sehen: Sie sind reich!“. Da ist sicher etwas Wahres dran, zumal „Kosto“ nicht der einzige kluge Mensch war und ist, der die ruhige Hand beim Investieren bevorzugte und empfahl. 

Beispiele gefällig? Gern! Etwa Benjamin Graham, gleichsam Erfinder des sogenannten Value Investings: „ Geduld ist die oberste Tugend des Investors.“ 

Und Warren Buffet, einer der größten und erfolgreichsten Fans Grahams: „Wenn du nicht bereit bist, eine Aktie für zehn Jahre zu halten, solltest du auch nicht darüber nachdenken, sie für zehn Minuten zu besitzen.“ Schließlich die Journalistin Jenny Marx: „Ich wünschte, dass mein lieber Karl mehr Zeit damit verbracht hätte, Kapital anzuhäufen statt nur darüber zu schreiben.“ Aber das ist wohl ein doch etwas anderes Thema … 

Wo Geduld am meisten lohnt 

Konsens unter privaten Investoren dürfte sein, dass hauptsächlich Aktien-Investments ein Marathon und kein Sprint sind. Der Deutsche Aktienindex (Dax) zum Beispiel wurde erstmals am 1. Juli 1988 berechnet. In den darauf folgenden 35 Jahren ergibt sich eine durchschnittliche Rendite von rund 8 Prozent. Und das trotz teils erheblicher Schwankungen, Crashs und Baissen, zugleich jedoch deutlich mehr als die Inflationsrate im Schnitt dieses Zeitraums.

Diese prächtige Marktrendite konnte jedoch nur einfahren, wer zwischendurch eben keine kalten Füße bekam. Nicht beim Dotcom-Crash, nicht beim Zusammenbruch von Lehman Brothers und der sich daran anschließenden weltweiten Finanz(markt)krise und nicht beim Überfall Russlands auf die Ukraine und der folgenden Energiepreis-Explosion.

Um das Ganze etwas haptischer zu machen: 10.000 Euro Einmalanlage ergeben nach 35 Jahren bei 8 Prozent Rendite und Reinvestition der Erträge 147.853,44 Euro. Und wer gleich eine halbe Million – etwa aus einer Erbschaft – zu den genannten Konditionen anlegen kann, hat am Ende knapp 7,4 Millionen Euro auf der hohen Kante. Nicht ganz so übel angesichts der Tatsache, dass die Jungen und Jüngeren unter uns auch als Erbengeneration bezeichnet werden. 

Einmalanlage oder Sparplan? Einzelwerte, Fonds oder ETFs? 

Es gibt durchaus Unternehmen, die sind unkaputtbar. Coca-Cola gehört dazu, auch Microsoft und längst Apple, Google sowie gefühlt unzählige andere, die hier zu listen inhaltlich und formal übertrieben wäre. Die genannten und viele andere waren in den vergangenen Jahrzehnten für Investoren gleichsam eine Goldgrube. Und einiges spricht dafür, dass dies auch in den nächsten Jahrzehnten so sein wird – falls uns allen nicht der Himmel auf den Kopf fällt, was schon die alten Gallier befürchteten. 

Die Konzentration auf ausschließlich scheinbar unkaputtbare Unternehmen und deren Anteilsscheine hat indes einen Makel: das Fehlen einer breiten Streuung, also die nicht vorhandene Diversifizierung über zahlreiche unterschiedliche Werte, Branchen und Regionen. Denn falls diese eine Firma oder ein paar mehr Firmen eben nicht unkaputtbar sind, gibt es bei fehlender Streuung praktisch keinen Risikopuffer. Somit keine Werte, die Verluste auf der einen durch Gewinne auf der anderen Seite ausgleichen. Deshalb konzentrieren sich viele private Anleger auf Aktienfonds, bei denen die breite Streuung nicht Kür, sondern Pflicht ist. 

Was naturgemäß seinen Preis hat, abzulesen an Ausgabeaufschlägen, die bisweilen noch immer erhoben werden, und an internen Kosten, die durch die sogenannte Total Expense Ratio (TER) benannt werden.

Ausweg: Exchange Traded Funds (ETF), die gefühlt unzählige Indices abbilden und mangels aktiven Fondsmanagements nur sehr geringe Kosten verursachen. Und: Mit ETFs sind auch Sparpläne möglich, die dem sogenannten Cost Average zuliebe von privaten Anlegern oft bevorzugt werden. 

Zusammengefasst: Investieren bedeutet einen langfristigen Horizont, die breite Streuung auf zahlreiche Werte sowie unterschiedliche Branchen und Regionen und letztlich auch eine weitest-mögliche Verringerung der Kosten dank ETFs. Und wer dann einen weiteren Risikopuffer einbauen möchte, betreibt seine Investments, siehe oben, über Sparpläne. 

Hin und her, Taschen leer? Oder hin und her, Konto voll? 

Um das vorwegzunehmen: Traden ist nichts für Weicheier, sondern für hartgesottene Spekulanten, die einige Eigenschaften haben: Know-how, starke Nerven, Mut bis hin zur Verbissenheit sowie keine Angst vor Risiken und Verlusten. Im Grunde kann man alles traden, was gleichsam nicht bei 3 auf dem Baum ist. Schon mit kleinen Spannen zwischen Kauf und Verkauf lassen sich auf Dauer prächtige Renditen erwirtschaften, weil Trading ein vergleichsweise kurzatmiges Agieren an den Kapitalmärkten ist. 

Unter der Voraussetzung selbstverständlich, dass der Trader die passenden Instrumente einsetzt. So sind der schnelle Kauf und der zügige Verkauf einzelner Aktien aufgrund der Kosten unter dem Strich oft nur ein Null-Summenspiel – wenn’s hoch kommt. Die passenden Instrumente für Trader sind stattdessen Futures und Optionen, Optionsscheine und Zertifikate – kurz: sämtliche Arten von Hebelprodukten.  Wer indes in seiner Biografie bislang lediglich die Stationen Sparbuch, Tagesgeld, Festgeld, Bundesanleihe und VW-Aktie durchlaufen hat, sollte vom Traden besser die Finger lassen. Entweder komplett oder bis er das nötige Know-how und einige Erfahrung hat sowie sich seiner Nervenstärke sicher ist.