Gaspreis-Schock: Equinor-Aktie auf Rekordkurs

Gaspreis-Schock: Equinor-Aktie auf Rekordkurs
© JHVEPhoto | stock.adobe.com
Inhaltsverzeichnis

An den europäischen Energiemärkten kehrt vor dem herannahenden Winter keine Ruhe ein. Eine brisante Mischung aus geopolitischen Konflikten im Nahen Osten und unterdurchschnittlich gefüllten Gasspeichern in Westeuropa hat die Notierungen für Erdgas auf den höchsten Stand seit Ende 2022 getrieben. Als größter Profiteur dieser Entwicklung erweist sich der norwegische Staatskonzern Equinor (ISIN: NO0010096985), dessen Papiere im Zuge der jüngsten Preisrallye eine historische Bestmarke erreichten.

Sie möchten das Maximum aus Ihrem Depot herausholen? Das sind unsere Top-Aktien für 2026!

Europäischer Erdgaspreis TTF klettert auf Mehrjahreshoch

Der richtungsweisende europäische Erdgas-Future am niederländischen Handelsplatz TTF (Title Transfer Facility) kannte in den vergangenen Wochen fast nur eine Richtung. Nachdem sich der Gaspreis seit Jahresbeginn bereits etwa verdreifacht und allein seit Anfang Oktober um mehr als ein Fünftel verteuert hatte, erreichte der Kontrakt zur Wochenmitte in der Spitze 87,20 Euro je Megawattstunde – das höchste Niveau seit Ende 2022. Am Donnerstag legte die rasante Aufwärtsbewegung eine kurze Verschnaufpause ein: Die Notierungen gaben leicht nach und pendelten sich knapp unterhalb der Marke von 86 Euro je Megawattstunde auf einem weiterhin sehr hohen Niveau ein.

Verantwortlich für die enorme Anspannung am Markt sind vor allem gravierende Versorgungsrisiken im Persischen Golf. Anhaltende Angriffe auf Handelsschiffe in der strategisch entscheidenden Straße von Hormus sowie auf Energieanlagen im Nahen Osten haben den Transport von Flüssigerdgas (LNG) massiv beeinträchtigt. Marktanalysen der Commerzbank zufolge liegen die Gasexporte aus der Krisenregion deutlich unter dem Vorkriegsniveau. So kann Katar als wichtigster LNG-Exporteur der Region derzeit lediglich 20 bis 30 Prozent seiner regulären Ausfuhrkapazitäten nutzen, was den globalen Wettbewerb um verfügbare Spot-Ladungen drastisch verschärft.

Niedrige Speicherstände in Deutschland verschärfen die Lage

Neben den geopolitischen Verwerfungen treibt auch die Nachfrageseite in Europa den Erdgaspreis an. Insbesondere in Deutschland besteht vor der kalten Jahreszeit noch erheblicher Nachholbedarf bei der Bevorratung. Aktuell sind die deutschen Gasspeicher lediglich zu knapp 60 Prozent gefüllt, während der saisonale Fünfjahresdurchschnitt zu diesem Zeitpunkt bei rund 87 Prozent liegt.

Um Engpässen vorzubeugen, hatte der Bund den verstaatlichten Energieversorger SEFE (Securing Energy for Europe) bereits im Vormonat angewiesen, kurzfristig zusätzliche Gasmengen am Markt zu beschaffen. Diese staatlich verordneten Käufe treffen nun auf ein ohnehin verknapptes globales Angebot und stützen das hohe Preisniveau zusätzlich.

Equinor-Aktie markiert Allzeithoch und konsolidiert leicht

Die veränderte Gemengelage spielt vor allem Equinor in die Karten. Da Norwegen mittlerweile rund 30 Prozent des europäischen Gasbedarfs abdeckt und als wichtigster sowie zuverlässigster Energielieferant für Deutschland fungiert, spült der hohe Gaspreis Milliarden in die Kassen des Konzerns. Zudem ist das Unternehmen operativ nicht direkt von den Ausfällen im Nahen Osten betroffen.

An der Börse sorgte dieser fundamentale Rückenwind für Begeisterung: An der Heimatbörse in Oslo kletterte die Equinor-Aktie am Mittwoch im Handelsverlauf bis auf 434,30 Norwegische Kronen (NOK) und ging mit einem neuen Allzeithoch aus dem Handel. Auch an den deutschen Handelsplätzen erreichte der Titel mit Kursen von bis zu 40,98 Euro einen neuen mehrjährigen Höchststand.

Am Donnerstagvormittag setzten nach der steilen Rallye – seit Jahresbeginn hat sich der Börsenwert in Euro nahezu verdoppelt – leichte Gewinnmitnahmen ein. Im frühen Abend notierte die Aktie mit einem moderaten Abschlag von knapp einem halben Prozent im Bereich von 40,25 Euro, behauptete sich damit aber weiterhin in unmittelbarer Schlagdistanz zu ihren Rekordmarken.

Neue Nordsee-Funde und langfristige Lieferverträge sichern Perspektive

Dass Equinor seine dominante Marktstellung in Europa langfristig verteidigen will, untermauerte der Konzern parallel zur Kursrallye mit operativen Erfolgsmeldungen. Gemeinsam mit den Partnern Petoro und TotalEnergies entdeckten die Norweger bei einer Explorationsbohrung in der Nordsee ein neues Öl- und Gasfeld. Das förderbare Volumen wird vorläufig auf 19 bis 50 Millionen Barrel Öläquivalent geschätzt. Da das Vorkommen zügig an die bereits bestehende Infrastruktur der Plattform Oseberg Sør angebunden werden kann, gilt die Erschließung als besonders kosteneffizient und profitabel.

Darüber hinaus baut Equinor seine vertraglichen Lieferbindungen in Europa kontinuierlich aus. Nachdem im Oktober bereits ein fünfjähriger Liefervertrag mit dem Versorger Eneco über jährlich rund neun Terawattstunden Erdgas für das niederländische Netz angelaufen ist, steht ab Januar 2027 zudem eine großangelegte Vereinbarung mit dem deutschen Versorger Uniper in den Büchern, die jährliche Lieferungen von über 30 Terawattstunden bis ins Jahr 2041 vorsieht. Angesichts eines geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV) von unter 8 für das laufende Jahr bleibt der norwegische Energieriese für Anleger auch fundamental ein zentraler Baustein im europäischen Energiesektor.