Übernahmepoker um Evonik: BASF prüft höheres Gebot
Im Ringen um den Spezialchemiekonzern Evonik Industries (ISIN: DE000EVNK013) kommt neue Bewegung in die Verhandlungspositionen. Nachdem der Ludwigshafener Branchenprimus BASF (ISIN: DE000BASF111) mit seinem ersten Vorstoß noch auf Ablehnung gestoßen war, signalisiert das DAX-Schwergewicht nun offenbar Gesprächsbereitschaft für eine Nachbesserung der Offerte. Gleichzeitig wächst jedoch der politische Gegenwind: Im Düsseldorfer Landtag sorgte die mögliche Milliardenübernahme für intensive Debatten über die industriepolitische Zukunft Nordrhein-Westfalens.
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BASF-Aktie und Evonik: Einblick in die Bücher als Bedingung
Wie aus mit der Transaktion vertrauten Kreisen verlautete und unter anderem von den Nachrichtenagenturen dpa-AFX sowie Reuters aufgegriffen wurde, hält sich BASF die Option auf ein höheres Übernahmeangebot für Evonik offen. Zuvor hatte bereits die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ über eine potenzielle Aufstockung berichtet. Der Chemiekonzern knüpft diesen Schritt allerdings an eine zentrale Bedingung: Vor einer Erhöhung des Gebots verlangt das Management aus Ludwigshafen einen detaillierten Einblick in die Geschäftsbücher (Due Diligence) des Essener Konkurrenten.
In einer ersten, unverbindlichen Ansprache vor rund drei Wochen hatte BASF dem Vernehmen nach 22,15 Euro je Aktie in Aussicht gestellt. Inklusive der bestehenden Verbindlichkeiten würde dies Evonik mit mehr als 14 Milliarden Euro bewerten (der reine Börsenwert des Angebots lag laut Berichten der „Financial Times“ und Reuters bei rund 10,3 Milliarden Euro). Das Management von Evonik hatte diese erste Offerte jedoch als zu niedrig zurückgewiesen; offizielle Übernahmegespräche fanden bislang nicht statt.
Um die Erfolgschancen eines Zusammenschlusses zu erhöhen, zeigt sich BASF laut den Informanten auch bei sensiblen Strukturfragen kompromissbereit. Demnach wolle der Konzern bestehende Vereinbarungen zur Standort- und Beschäftigungssicherung bei Evonik vollumfänglich respektieren. Beim Essener Spezialchemiekonzern, der derzeit im Rahmen eines Effizienzprogramms einen weltweiten Stellenabbau auf freiwilliger Basis vollzieht, sind betriebsbedingte Kündigungen in Deutschland bis zum Jahr 2032 vertraglich ausgeschlossen. Zudem wäre BASF bereit, bestehende Evonik-Pläne für den Verkauf einzelner Sparten zu prüfen – darunter das Basischemie-Geschäft Oxeno sowie der Chemieparkbetreiber Syneqt.
Politischer Widerstand im NRW-Landtag gegen Evonik-Übernahme
Während auf Unternehmensebene die finanziellen Rahmenbedingungen ausgelotet werden, formiert sich in der nordrhein-westfälischen Landespolitik deutlicher Widerstand gegen den Deal. Auf Antrag der oppositionellen SPD-Fraktion debattierte der Landtag in Düsseldorf über die weitreichenden Folgen einer möglichen Fusion.
NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur positionierte sich im Plenum klar gegen eine Übernahme durch BASF. Die Landesregierung verfolge das Ziel, neben den Produktionsstätten und über 11.000 Arbeitsplätzen in Nordrhein-Westfalen vor allem auch Forschung, Entwicklung sowie die Konzernzentrale eigenständig im Land zu halten.
Noch weiter ging die SPD-Fraktion: Fraktionschef Jochen Ott bezeichnete den Vorgang als „industriepolitische Wendung“ und „Schicksalsfrage fürs Ruhrgebiet“, die nicht allein nach den Interessen von Investmentbanken und Aktionären entschieden werden dürfe. Um die Eigenständigkeit zu sichern, hatten die Sozialdemokraten vorgeschlagen, eine direkte Beteiligung des Landes Nordrhein-Westfalen zu prüfen. Gemeinsam mit der RAG-Stiftung, die zur Finanzierung der Steinkohle-Ewigkeitslasten rund 43 Prozent an Evonik hält, könne das Land so eine Sperrminorität oder Mehrheit von „50 Prozent plus X“ sichern. Einen solchen Staatseinstieg lehnte Wirtschaftsministerin Neubaur jedoch ab. Die RAG-Stiftung selbst hält sich im Übernahmepoker bislang bedeckt und wartet Berichten zufolge zunächst ab, ob direkte Gespräche zwischen den beiden Chemiekonzernen zustande kommen.
Marktreaktion und Analysteneinschätzung zur Evonik-Aktie
Hintergrund des Übernahmeinteresses ist der wachsende Konsolidierungsdruck in der europäischen Chemieindustrie, die unter hohen Energiekosten und einer zunehmenden Billigkonkurrenz aus China leidet. Für BASF wäre der Zukauf eine strategische Gelegenheit, das eigene Kerngeschäft mit höhermargiger Spezialchemie zu stärken.
Am deutschen Aktienmarkt sorgten die gegensätzlichen Nachrichten aus Unternehmens- und Politikerkreisen für eine geteilte Reaktion. Im Xetra-Handel sowie auf den elektronischen Handelsplätzen zeigte sich die BASF-Aktie am Nachmittag freundlich und legte auf rund 52,36 Euro zu (ein Plus von gut zwei Prozent), wobei die Papiere auch von einer bestätigten „Outperform“-Einstufung durch Bernstein Research mit einem Kursziel von 61 Euro sowie Hoffnungen auf EU-Schutzmaßnahmen gegen chinesische Importe profitierten.
Die im MDAX notierte Evonik-Aktie konnte ihre anfänglichen Gewinne vom Vormittag angesichts der politischen Blockadehaltung in Düsseldorf hingegen nicht vollständig behaupten. Nachdem der Kurs zeitweise bis auf 21,68 Euro geklettert war, pendelte das Papier am Nachmittag im Bereich von 21,39 bis 21,41 Euro leicht im Minus und notierte damit weiterhin unterhalb der ersten BASF-Offerte von 22,15 Euro. Vor dem Bekanntwerden des Übernahmeinteresses Ende September hatte die Aktie allerdings noch bei knapp über 18 Euro gehandelt. Sollte es tatsächlich zu einer Öffnung der Bücher und offiziellen Verhandlungen kommen, sieht Sebastian Bray, Analyst bei der Privatbank Berenberg, in einer aktuellen Einschätzung durchaus Spielraum für ein aufgestocktes Gebot in einer Spanne von 24 bis 25 Euro je Evonik-Aktie.