Wenn der Seekrieg plötzlich jeden Einkauf trifft
Sie merken es vermutlich noch nicht beim Einkauf. Doch im Schwarzen Meer entwickelt sich gerade ein Konflikt, der Lebensmittel und Energie weltweit verteuern könnte – und den die Börse bislang erstaunlich gelassen hinnimmt.
Seit Anfang Juli greift die Ukraine verstärkt Schiffe an, die russisch kontrollierte Häfen anlaufen. Dabei geht es längst nicht mehr nur um russische Öltanker. Auch Frachter mit Getreide und Versorgungsschiffe für die Krim geraten ins Visier.
Russland antwortet mit Angriffen auf ukrainische Häfen, Lageranlagen und Schiffe rund um Odessa. Damit trifft der Krieg zunehmend die Handelswege beider Seiten.
Gefährliches Spiel mit dem Welthandel
Die ukrainische Strategie ist militärisch nachvollziehbar: Russland soll wirtschaftlich geschwächt und die Versorgung der Krim erschwert werden. Trotzdem ist sie riskant. Denn wer zivile Frachter, Häfen und Energieanlagen angreift, nimmt bewusst in Kauf, dass auch internationale Lieferketten beschädigt werden.
Genau das geschieht bereits. Große Reedereien meiden Odessa oder leiten Schiffe in andere Häfen um. Solche Umwege kosten Zeit und Geld. Zudem steigen die Versicherungsprämien. Das sind die Gebühren, die Reedereien für den Schutz gegen Schäden und Verluste zahlen müssen.
Am Ende landen diese Zusatzkosten bei Verbrauchern und Unternehmen.
Getreide könnte jetzt deutlich teurer werden
Russland und die Ukraine gehören zu den wichtigsten Getreideexporteuren der Welt. Bei Weizen stammen rund 25 bis 30 Prozent der weltweiten Ausfuhren aus beiden Ländern. Fallen Häfen aus oder verweigern Reedereien die Fahrt, wird das Angebot auf dem Weltmarkt knapper.
Besonders betroffen wären Länder in Nordafrika und im Nahen Osten, die stark von Getreideimporten abhängen. Doch auch in Europa könnten Brot, Tierfutter und Fleisch teurer werden.
Hinzu kommt das Öl. Angriffe auf den russischen Hafen Noworossijsk behinderten bereits den Export kasachischen Erdöls. Damit trifft der Konflikt auf einen ohnehin angespannten Energiemarkt.
Was bedeutet das für Sie?
Für die Börse ist das zunächst ein Inflationsrisiko. Inflation bedeutet, dass Waren und Dienstleistungen teurer werden. Steigende Lebensmittel- und Energiepreise könnten Zinssenkungen erschweren. Das wäre vor allem für hoch bewertete Wachstumsaktien ein Problem.
Mein Rat als Experte: Bleiben Sie investiert, aber unterschätzen Sie diese neue Front nicht. Setzen Sie auf eine breite Streuung, meiden Sie übertriebene Spekulationen und halten Sie etwas Liquidität bereit. Noch ist keine globale Versorgungskrise entstanden. Doch das Risiko wächst – und die Börse hat es bislang kaum eingepreist.