Wasserstoff: Vom Börsenliebling zum Sorgenkind
Kaum eine Zukunftstechnologie hat an der Börse eine derart wilde Achterbahnfahrt erlebt wie Wasserstoff. In den Jahren 2020 und 2021 schienen die Möglichkeiten grenzenlos: Wasserstoff galt als Schlüsseltechnologie der Energiewende, und die Aktien entsprechender Unternehmen vervielfachten sich innerhalb kürzester Zeit.
Dann folgte die Ernüchterung. Viele angekündigte Projekte verzögerten sich, Großaufträge blieben aus und die hohen Erwartungen an das Wachstum erfüllten sich nicht. Gleichzeitig belasteten steigende Zinsen die Finanzierung kapitalintensiver Wasserstoffprojekte. Zahlreiche Unternehmen mussten zusätzliches Kapital aufnehmen – und verwässerten damit die Anteile ihrer Aktionäre.
Die Folge war dramatisch: Viele spekulative Wasserstoff-Aktien (vor denen ich mehrfach gewarnt hatte), verloren 70, 80 oder sogar 90% ihres Börsenwerts. Wer damals auf reine Wasserstoff-Aktien setzte, musste schmerzhafte Verluste verkraften.
Wasserstoff ist kein Allheilmittel
Trotz dieser Entwicklung wäre es falsch, Wasserstoff heute abzuschreiben. Vielmehr hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Technologie nicht überall sinnvoll ist. Wasserstoff ist vor allem dort interessant, wo eine direkte Elektrifizierung an technische oder wirtschaftliche Grenzen stößt. Denn Wasserstoff kann Energie speichern und transportieren und lässt sich zudem als industrieller Grundstoff einsetzen.
Das ist ein entscheidender Unterschied zur Batterie. Während Batterien Strom unmittelbar speichern, kann Wasserstoff beispielsweise über längere Zeiträume gespeichert und anschließend wieder genutzt werden. Gerade bei einem Energiesystem mit immer größeren Anteilen von Wind- und Solarstrom könnte diese Eigenschaft an Bedeutung gewinnen.
Wo Wasserstoff seine Stärken ausspielen kann
Besonders interessant ist Wasserstoff für energieintensive Industrien. Die Stahlindustrie etwa benötigt bislang große Mengen Kohle. Grüner Wasserstoff könnte hier langfristig eine klimafreundlichere Alternative darstellen.
Auch die Chemieindustrie ist auf Wasserstoff angewiesen. Heute wird dieser überwiegend aus fossilen Energieträgern gewonnen. Grüner Wasserstoff könnte diese Produktion schrittweise verändern.
Darüber hinaus bieten Schwerlastverkehr, Schifffahrt und Luftfahrt interessante Einsatzmöglichkeiten. Dort sind Batterien wegen des hohen Gewichts und der benötigten Energiemengen nicht immer die optimale Lösung.
Eine knifflige Phase für Wasserstoff-Anleger
Damit verändert sich auch die Investmentstory. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr: „Wird sich Wasserstoff durchsetzen?“ Viel wichtiger ist: Wo wird sich Wasserstoff wirtschaftlich durchsetzen – und welche Unternehmen verdienen daran Geld?
Genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Die Zeiten, in denen allein das Wort „Wasserstoff“ ausreichte, um Aktienkurse nach oben zu treiben, sind vorbei.
Für Sie als Anleger ist das sogar eine gute Nachricht. Denn nach dem Platzen der Spekulationsblase werden wieder fundamentale Kriterien wichtiger: Bilanzstärke, Auftragslage, technologische Kompetenz und ein tragfähiges Geschäftsmodell. Die Wasserstoffstory ist damit keineswegs beendet. Sie ist lediglich erwachsen geworden.