Jochen Steffens in Investors Daily
vom
Immer noch trudeln Mails von Ihnen zum Thema "Störungen bei Brokern" ein. Ich habe sie bisher nicht gezählt, aber es sind Hunderte. Ich kann mir nach den vielen Mails, die ich gelesen habe, ein klares Bild machen, was passiert ist. Ich werde darüber in den nächsten Tagen etwas schreiben. In Anbetracht der weiter fallenden Märkte gibt es heute allerdings vordringlichere Informationen:
Das ist Panik! Ich höre nur Stimmen von Leuten, die im Prinzip den Untergang des Abendlandes prophezeien. Jetzt, im Nachhinein werden die unglaublichsten Thesen veröffentlicht, warum es denn zu dem Einbruch gekommen sei. Dieses „Nachhinein“ ist so typisch für die Börse.
Kurse machen Nachrichten - nicht umgekehrt
Erst die fallenden Kurse lassen die Analysten wie Trüffelschweine im Schlamm der Börsen suchen und graben, um Gründe zu finden, die all dies erklären können. Der Mensch braucht Erklärungen. Er kann es nicht ertragen, dass es unzählige verschiedene Ursachen gegeben hat. Er will schon gar nicht wahrhaben, dass einige davon so unsinnig sind, wie ein von seiner Frau verlassener Chinese, der Geld für eine neue Wohnung brauchte. Nein, es muss ein Grund her, der all dieses erklärt, denn nur dann hat diese Welt wieder ihre Ordnung!
Ganz ehrlich: Diese ganzen Fahnenstangen im Dax, die ganzen 5-6 % Moves einzelner Aktien waren einfach klare Hinweise auf eine Übertreibung. Man muss sich nicht wundern, wenn das zu so einem Abverkauf führt – besonders dann, wenn alle noch den 2000er Crash in Erinnerung haben und hochnervös sind. Was ist denn daran unnormal? Auch dass der chinesische Markt nach einer 130% Rallye kurzfristig größere Kursrückgänge erleidet, ist eigentlich kein Grund zur Besorgnis.
Nein, aber eine solche Sichtweise wäre zu einfach. Da sagt der eine, es war Greenspan, der andere verweist auf die Sitzung des Zentralkomitees in China, der Dritte gibt die schwächeren US-Wirtschaftsdaten als Grund an, gerne genannt werden auch die Carry Trades. All das sind Gründe, die sicherlich einen Einfluss hatten.
Carry-Trades, die Ursache allen Übels
(Carry-Trades sind Zinsdifferenzgeschäfte. Mit anderen Worten, man verschuldet sich in einer Währung mit niedrigen Zinsen (Yen) und investiert das Geld in einer Währung, für die es höhere Zinsen gibt (US-Dollar, oder andere). Nichts geht ohne Risiko. Und das heißt hier: „Wechselkursschwankungen“. Wenn die Währung, in der Sie das Geld mit hohen Zinsen investiert haben, währenddessen stark an Wert verliert, kann das dazu führen, dass ihr schöner Ertrag auf einmal weg ist, Sie sogar Verluste erleiden.)
Carry Trades ist ein ganz besonderes Thema, denn viele wissen nicht so Recht, was das für Trades sind, wie sie funktionieren. Und das macht die Sache natürlich unglaublich geheimnisvoll: „Klar, die Carry-Trades!!! Diese werden die Weltbörsen in den Abgrund reißen!“, da ist man sich einig, während nachgelesen wird, um was es sich dabei eigentlich handelt.
Dann werden Zahlen umhergereicht: 1 Billionen Dollar sollen in diesen sagenumwobenen Carry-Trades stecken. Zahlen, die einem das Anlegerblut in den Adern gefrieren lassen. Was wäre, wenn eine Billionen Dollar Carry Trades aufgelöst würden?
Und wenn wir schon einmal bei dubiosen Gründen sind: Da gibt es ja auch noch diese sowieso schon gefährlichen Hedgefonds, die natürlich nichts lieber machen, als in diese ebenso dubiosen Carry Trades zu investieren. Und schon ist der Mythos perfekt: Ein Mythos, der alles hat, was ein Mythos so braucht.
Die Gefahren sind nicht zu leugnen
Auch wenn ich das hier etwas satirisch überspitze, natürlich stecken Gefahren in den Märkten und natürlich können starke Währungsschwankungen zu größeren Verwerfungen an den Aktienmärkten führen, keine Frage. Das haben wir schon oft erlebt. 1998 führte der Anstieg des Yen um 18 Prozent zu einem Einbruch der Märkte. 2002 stieg der Yen auch, während die Börsen weiter einbrachen. Selbst vor dem Einbruch im Mai 2006 war der Yen stark gestiegen (wobei er während des Einbruchs selbst wieder nachgab). Nicht umsonst warnen die Zentralbanken immer wieder vor zu großen Wechselkursschwankungen. Man sollte also schon auf den Yen und den Dollar aufpassen, obwohl eine direkte Korrelation nicht ohne Einschränkungen zu erkennen ist!
Ich denke jedoch, aktuell ist es das gleiche Prozedere, wie vor nicht allzu langer Zeit beim „US-Immobilienmarkt“. Damals wurde auch mit wilden Zahlen und Prognosen der Untergang des Abendlandes durch den Crash des US-Immobilienmarkt prophezeit. Doch was ist passiert? Während sich der US-Immobilienmarkt „beruhigte“, oder von mir aus auch stark eingebrochen ist, sind die US-Börsen fidel weiter gestiegen - bisher!
Hysterie sucht immer nach Gründen für Hysterie
Aber der Markt ist hysterisch, vergessen Sie das nie! Er braucht einfach immer wieder ein neues Thema, auf dass er sich stürzen kann. Der US-Immobilienmarkt hat seinen Reiz verloren und ringt dem geneigten Anleger nur noch ein müdes Lächeln ab, selbst der Iran hat seinen Reiz verloren, Gewöhnungseffekte. Also muss ein neues Thema her: Carry-Trades!
Nein, auf die vernünftigen Analysten wird nicht gehört. Analysten, die sagen, dass es bei dem Anstieg des Yen lediglich um Risikoanpassungen in den Depots gegangen sei, weil die Schwankungsbreite des Marktes und der Wechselkurse zugenommen habe. Die Hedgefonds und andere sehen nun, dass die Gefahren größer geworden sind und müssen ihr Portfolio an diese höheren Gefahren anpassen, das tun sie, so kommt es zu den Kursabschlägen. Man sollte aber nicht vergessen, dass die Zinsdifferenz zwischen Japan und den USA immer noch sehr hoch ist. Es wird also, wenn der Yen weiter steigt ein Währungsniveau geben, bei dem viele diese Zinsdifferenz wieder nutzen werden. Der Einbruch sollte also nach unten eine Art Fangnetz haben.
Andere Gründe für den Einbruch des Yen
Wenig hört man auch davon, dass Japaner ihre Positionen, die sie in US-Bonds geparkt hatten auflösen. Der Yen fiel seit Mitte 2006, und da war es natürlich ein gutes Geschäft, in US-Staatsanleihen zu investieren. Zinserträge und Währungseffekte machten diese Anlage zu einem attraktiven Invest. Gerade seit Anfang Dezember gab es hier einiges zu verdienen. Jetzt gilt aber: Rette sich wer kann!
Kaum einer schreibt, dass das Dollar/Yen Verhältnis an einer wichtigen Widerstandszone gescheitert ist. Als klar wurde, dass es diese Zone nicht schafft, gab es hier Verkäufe, die zu weiteren Verkäufen führten. Das ist charttechnisch ein durchaus normales Prozedere und taucht auch ohne Carry-Trades genauso immer wieder auf: Platz ist bis zur unteren Linie - bis dahin: Normalität.
Also auch der Anstieg des Yens ist bisher alles andere als „unnormal“. Eigentlich ist das eher sogar eine Seitwärtsbewegung im Chart. Nur, es passt so schön zu der Horrorstory mit den gigantischen Carry-Trades.
Vielen steckt zudem noch die Erfahrung von 1998 in den Knochen. Damals stieg der Yen in wenigen Wochen dramatisch an. Er schaffte dabei allein in drei Tagen einen Anstieg von über 12 Prozent (hier im Chart als Kursverlust des Dollars in Yen)!
Dieser Anstieg führte zu ziemlich intensiven Kursverlusten an den Aktienmärkten. Aber diese sahen anders aus als der aktuelle Einbruch, es war im Vergleich zu dem, was wir gerade erleben, eine Art massiver Salamicrash.
Vergleichen Sie einfach mal den aktuellen Anstieg des Yen (Einbruch des Dollars) mit dem Anstieg 1998. Es ist schon ein deutlicher Unterschied – noch.
Natürlich ist es auch diese Erinnerung an 1998, welche die Panik schürt – auf der einen Seite. Auf der anderen Seite ist es gerade diese Panik, die höchst wahrscheinlich ein ähnliches Prozedere wie damals verhindern wird, meiner Meinung nach. Die richtig gefährlichen Fakten sind die, die kaum jemand sieht oder kennt.
Korrekturen brauchen "Angst-Themen"
Aber auch das ist nur normal bei Korrekturen. Es gibt einfach immer handfeste Gründe und muss sie geben, warum die Kurse fallen und weiter fallen. Ohne, dass Anleger begründete Sorgen hätten, würde doch kaum jemand nach den ersten Gewinnmitnahmen weiter verkaufen! Jede Konsolidierung hat ihre ganz eigenen Verkaufsgründe. Die „Carry Trades“ sind bisher einfach nur das Thema der aktuellen Konsolidierung.
In den meisten Fällen sind die Angst-Themen einer Korrektur auch zumindest theoretisch wirklich geeignet, die Märkte in Bedrängnis zu bringen! Das darf man nicht aus den Augen verlieren. Nur die allermeisten dieser Themen bleiben Konsolidierungsthemen und nur ganz, ganz selten wird daraus ein wirkliches Ende eines Aufwärtstrends.
Vielleicht sollte man sich auch einmal daran erinnern, was im Anschluss an den Crash 1998 passierte.
Geraten Sie NIE in Panik!
Lassen Sie sich also nicht durch die Flut von Argumenten, die alle auf den ersten Blick so logisch erscheinen, mitreißen. Geraten Sie nicht in Panik. An den Börsen dürfen Sie „NIE!“ in Panik geraten. Kostolany hatte dazu ein gutes Rezept. Wenn die Börsen in den Panikmodus übergingen pflegte er alle Nachrichten abzustellen und keine Zeitungen zu lesen. Stattdessen ging er in ein Caffee und genehmigte sich dort einen Kuchen. Eine schöne Zeit, um sich von den Anstrengungen der Börse zu erholen. Vielleicht erinnern Sie sich, ich hatte vor zwei Wochen etwas ähnliches geschrieben, als ich sagte, eigentlich wäre das nun genau die richtige Zeit, alles zu verkaufen und in Urlaub zu fahren. Ich hätte es nur tun sollen!
Eigentlich ist gut, was aktuell passiert
Gehen wir davon aus, dass der Einbruch des Yen nicht zu einer Auflösung aller Carry-Trades führt und sich bald wieder fängt. Gehen wir weiter davon aus, dass die Fed doch bald erste Anzeichen für eine Zinssenkung von sich gibt, dann könnte der aktuelle Einbruch lediglich eine schöne Konsolidierung gewesen sein, der die Übertreibungen, die eindeutig im Markt waren, abgebaut hat.
Eins ist dann sicher: Die Wahrscheinlichkeit, das wir in diesem Jahr noch einen starken September-Crash erleben ist natürlich durch diesen aktuellen Kursrückgang erheblich gesunken. Man kann sogar sagen, dass durch diesen heftigen Einbruch der Markt vor einem dramatischen und nachhaltigen Zusammenbruch im September gerettet wurde!
Beruhigen sich also die Märkte, dann sehe ich gute Chancen auf neue Hochs in den Indizes. Ich gehe sowieso davon aus, dass der S&P500 sein Allzeithoch noch sehen wird. Ich denke, da er nun doch, ähnlich wie der Dow Jones vor der 11750er Marke, vorher abgedreht ist, dass er dieses Allzeithoch sogar überwinden kann. Vielleicht hat jetzt sogar der Dax eine Chance, sein Allzeithoch zu überwinden - 2008.
Ähnlichkeiten im Dow Jones
Zwei weitere Charts will ich Ihnen dazu vorstellen:
Erinnern Sie sich noch an den Vergleich Dow Jones 1970-1982, der Kampf um die 1000 Punkte Marke und dem Dow Jones 2000-2006 an der 11750er Marke?
Hier der Chart von damals, den Sie schon kennen:
Es kam nach dem Bruch der 1000er Marke, respektive der 1050er Marke, zu einem starken Anstieg, dem ein Einbruch/Crash von 200 Punkten (ca. 16 %) folgte, der diese Marke noch einmal von oben teste. Das hatte ich hier schon einmal dargestellt und deswegen vermutet, dass auch der Dow Jones nach dem Bruch der 11750er Marke diese noch einmal von oben testet. Denn der Dow Jones ist auch aus so etwas wie einer langen Seitwärtsbewegung ausgebrochen:
Es kann also sein, dass es sich bei der aktuellen Bewegung lediglich um einen Test des ehemaligen Allzeithochs bei 11750 Punkte handelt. Ebenso ist es möglich, dass lediglich der Ausbruch aus dem Aufwärtstrend (blau) noch einmal von oben getestet werden sollte. Wenn Sie sich anschauen, wie es 1982 weitergegangen ist, lässt dieses Szenario doch wieder Hoffnung aufkommen.
Also noch ist eigentlich nichts Ungewöhnliches passiert –schauen wir mal, ob das auch so bleibt und der Markt sich schnell wieder fängt.
Viele Grüße
Jochen Steffens



