Im Gedenken an die EZB
Miriam Kraus in Rohstoff Daily zum Thema Rohstoffe
vom 10. Mai 2010, 20:00 Uhr
ENL5462
Wie ich hier so vor meinem Rechner sitze und eine Träne im Augenwinkel zerdrücke, möchte ich am liebsten eine Trauerrede auf die EZB schreiben. Doch ich bin nicht gut in Trauerreden, also leg ich einfach mal los...
R.I.P. EZB, wie es dich einmal gab
Die EZB ist jetzt das europäische Pendant der FED. Und EZB-Chef Trichet, der ehemals aufrechte Inflationshüter, hat jeglichen, noch vorhandenen Respekt verspielt. Sie kennen Helikopter-Ben! Ab heute kennen Sie auch noch Mirage-Jean-Claude (herrlich, las ich in der Financial Times Deutschland)!
Die EZB hat alle ehemals so hehren Prinzipien über Bord geworfen und wird ab sofort auch Staatsanleihen kaufen. Wie viel, von wem und in welcher Höhe die Summe - wer weiß?! In Höhe 2% vom BIP wie die Amis? Oder gar in Höhe von 12% vom BIP wie die Briten? Vermutlich erst mal griechische, portugiesische, spanische und italienische - die sind ja heute gestiegen.
So was, Jean-Claude - ab sofort muss ich dich, wie Ben, mit dem Vornamen ansprechen. Gesiezt wird bei mir nur der, der ein wenig Respekt verdient. Obwohl ich wirklich nicht ungerecht sein will. Bereits am letzten Donnerstag hatte ich hier im Rohstoff-Daily die Möglichkeit des Aufkaufens von Staatsanleihen durch die EZB erörtert.
Ein Auszug:
"Das Problem ist, dass im Grunde nur die EZB - wenn es hart auf hart kommt - in der Lage ist rasch und präzise zu handeln. Ein Aufkaufen von Staatsanleihen könnte in einer Notsituation das letzte Mittel der Wahl sein.
Andererseits bringt dieses letzte Mittel der Wahl Probleme mit sich. Und damit meine ich nicht nur das möglicherweise unkalkulierbare Risiko, Ramsch-Anleihen auf die eigene Bilanz zu nehmen. Zwar könnte die EZB, als Notenbank, ihr Kapital ganz einfach erhöhen, aber es ist eine heikle Angelegenheit zu entscheiden, welche Anleihen von welchem Staate und in welchem Umfang gekauft würden. Zudem besteht natürlich die große Angst, dass solch eine QE-Maßnahme die Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit der EZB deutlich ankratzt. Im Umkehrschluss könnte der Euro dadurch noch weiter deutlich einbrechen."
Wer hätte aber gedacht, dass es so schnell passieren würde?! Ein Rettungsschirm der Politik - ja! Aber gleich das letzte bisschen Würde der EZB? Nun ja, es musste wohl so kommen. In Europa existiert ja nicht nur Deutschland. Bundesbank-Chef Weber jedenfalls ist gar nicht erfreut über die Neuausrichtung der EZB.
So was, Jean-Claude, denkst du denn gar nicht mehr an uns Deutsche? Aber ich möchte noch etwas anderes wissen: warum hast du letzte Woche so frech behauptet, ihr hättet intern noch gar nicht über die Anleihenkaufmöglichkeit gesprochen? Soll das heißen, dass dich erst die Journalisten mit ihrer Frage auf diese Idee gebracht haben?
Ach, liebe Leser, so long....ich verabschiede mich für heute von Ihnen und trauere noch ein bisschen im Stillen um die gute alte EZB...morgen bin ich dann aber in alter Fröhlichkeit und Frische wieder für Sie da...bis morgen also und liebe Grüße..
Ihre Miriam Kraus
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Michael Hillmann (10.05. 2010 22:52 Uhr):
Respekt Frau Kraus, und Respekt an den Leser mit seinem fast ausserirdisch klugen Kommentar. Sie beide haben Recht behalten. Besten Gruß
Antworten - Kommentar von S E (11.05. 2010 09:54 Uhr):
Im Prinzip bin ich mit Ihnen einverstanden, dass die EZB unabhängig sein soll und nur das Inflationsziel im Auge haben soll, ABER aussergewöhnlich Situationen erfordern nun mal aussergewönliche Massnahmen. Ich begrüsse diesen Schritt der EZB und hoffe, dass sie auch genügend Anleihen aufkauft um den Regierungen wieder etwas Speilraum zu verschaffen. Wir sprechen hier schliesslich über eine schwere Wirtschaftskriese, die steigende Staatsdefizite mit sich bringen muss. Diese Situation kann nur bereinigt werden, entweder über sparen, was die Wirtschaftskriese aber wieder verstärkt (siehe grosse Depression Anfang 1930) oder eben Gelddrucken was in einer höheren Inflation enden kann (aber erst dann wenn das Geld bei den Bürgern ankommt und ausgegeben werden kann). In der jetztigen Situation ist Deflation unser Hauptproblem und dies lässt sich eben am Besten mit mehr Geld beheben (zumindest am Anfang einer Deflation). Wenn die Schulden wieder einigermassen unter Kontrolle sind und auch die Wirtschaft wieder einigermassen funktionniert wird die EZB sich wieder um ihr Inflationsziel kümmern. Die Tatsache, dass die USA schneller aus der Kriese herauskommen als wir Europäer zeigt doch, dass ihr Weg im Augenblick zumindest im Moment der Bessere ist ... .
Antworten - Kommentar von Helmut Höhenberger (11.05. 2010 09:55 Uhr):
So wie ich mich errinnere ist die ganze Finanzkrise in USA entstanden weil einige superschlaue Investmentbanken Ramschhypothekenverbriefungen auf den Markt schmißen.Das jetzt die EZB so schlau ist Schulden von schlechten Gläubigern aufzukaufen ist der Anfang vom Ende,aber über die Verteidigung des Euro wurde ja bereits öffentlich geäußert"koste es was es wolle".
Antworten - Kommentar von Hans Heider (11.05. 2010 12:33 Uhr):
Merci Madame, das war wieder umwerfend gut formuliert. einer Ihrer vielen Fans PS: Was heißt noch mal QE?
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