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Sinnlose Kriege

von Bill Bonner

Mir will kein einziger Krieg einfallen, der nicht irgendwas mit Betrug und Verrat zu tun hatte. Auch fällt mir keiner ein, der nicht mit holzköpfiger Dummheit durchgeführt worden wäre. Die Militärgeschichte lässt diesen ganzen Berufszweig fast so inkompetent wirken, wie den der Psychologie und Eheberatung. Wären da nicht all die Leichen, dann könnte man darüber wirklich lachen.

Fast jeder Kriegsbericht, von Thucydides über Clausewitz zu Keegan, ist eine Farce der verpassten Gelegenheiten und Fettnäpfchen verbunden mit Verrat und Ahnungslosigkeit. Die Truppen schienen nie das zu erreichen, was sie erreichen wollten. Armeen stolperten mit offenen Augen in offensichtliche Fallen. Die Generäle überschätzten immer die Ausstattung und regelmäßig gingen ihnen sowohl die Lebensmittel als auch die Munition aus. Die Befehle wurden verwechselt … gingen verloren … oder wurden dem Feind überbracht. Wenn ein Sieg erreicht wurde, dann war das immer genauso sehr das Ergebnis glücklicher Umstände als wirklicher Fähigkeiten. Und jeder Sieg wurde anschließend normalerweise umgedreht, weil man wieder alles vermasselt hat. Die meisten Kriege der Menschheit sind weit entfernt davon, heldenhaft zu sein, stattdessen sind es absurde Possen, über die sogar die Pferde der Kavallerie gelacht haben müssen, bis sie sich zu Tode gehungert hatten.

Der Erste Weltkrieg hat ein außerordentlich schlechtes Drehbuch. Wenn es ein Film wäre und kein wirkliches Ereignis, dann hätten die Schauspieler die Nasen gerümpft und abgelehnt. Die Zuschauer hätten sich in Unglauben abgewendet. Aber stecken Sie die Schauspieler in Uniformen und sie werden bereit sein, jede Rolle zu übernehmen – ganz egal, wie unglaubwürdig sie ist. Wenn man ihnen sagt, sie sollen über „ihre Grenzen“ gehen und sich ins „Niemandsland“ durchschlagen, während der Feind auf sie schießt, dann werden die Soldaten tun, was man ihnen sagt. Es ist ein Fall von „Löwen, die von Eseln geführt werden“, schreibt die allgemeine Presse. Die obersten Generäle waren Idioten, schreiben die Kolumnisten, aber unsere Jungs haben sich hervorragend verhalten. Und doch, wenn man die Sache weniger sentimental betrachtet, dann waren sie eigentlich alle ziemliche Idioten.

An der Ostfront wurde die russische Armee von überwiegend deutsch sprechenden Offizieren geführt. Häufig landeten die Befehle in den Händen des Feindes – und die Deutschen konnten sie sogar ohne Übersetzung lesen. Wenn sie jedoch in die richtigen Hände der russischen Truppen fielen, dann konnten sie oft nicht entziffert werden. Die russische Armee muss im Ersten Weltkrieg zu den unkompetentesten Armeen gezählt haben, die je ins Feld geschickt wurden. Aber sie war doch in vielerlei Hinsicht besser als die Armee, die Stalin 26 Jahre später gegen die Deutschen in die Schlacht schickte. In den dazwischen liegenden Jahren hatte Stalin die meisten der anständigen Offiziere erschießen lassen. Sie denken vielleicht, die Klasse der Offiziere hätte kommen sehen müssen, was passieren würde, und man wäre in den Kreml einmarschiert, ehe Stalin sich gegen sie wenden konnte. Aber man scheint nie mit etwas derartigem gerechnet zu haben.

Diejenigen, die die Verantwortung über die Gewehre innehatten, wurden erschossen. Sie wurden durch Leuten ersetzt, die russisch sprachen. Aber sie hatten nicht nur keine Ahnung von der Kunst der Kriegsführung, sie waren auch unglaublich mörderisch. Man schätzt, dass in den ersten Monaten des Krieges die Hälfte aller russischen Opfer auf das Konto der Russen selbst gingen. Ihre Flugzeuge waren so schlecht gebaut, dass viele davon einfach vom Himmel fielen, weil sie nicht richtig konstruiert waren und nicht, weil der Feind sie abgeschossen hätte. Und die Offiziere zeigten ebenso wenig Mitleid gegenüber der eigenen Infanterie wie gegenüber der Wehrmacht. Man befahl den Truppen, in Massen in das tödliche Feuer des Feindes vorzurücken, und wenn sie es nicht taten, schossen ihnen ihre Kameraden in den Rücken.

Das Metier des Soldaten ist ein eigenartiger Beruf. Ein nachdenklicher Mensch würde sich fragen, wozu das Ganze dienen solle. Er verbringt die Zeit während er Wache schiebt mit der Frage nach dem ‚Warum?‘. Warum sollte ich etwas so Dummes tun wollen, fragt er sich schließlich. Und dann ist er für den Militärdienst unbrauchbar geworden.

Aber der wahre Mann des Militärs, selbst wenn er ein Genie ist, stellt niemals solche Fragen, nicht einmal die Fragen, die für sein Überleben entscheidend wären. Immer wieder erlebt man riesige Truppenbewegungen, die in absoluter Unwissenheit durchgeführt werden. Der legendäre „Kriegsnebel“ scheint in die Gehirne der Soldaten und der Kommandeure gleichermaßen vorzudringen. Niemand weiß besonders viel über irgendetwas. Alexander, vielleicht der größte General aller Zeiten, schickte seinen Truppen in die Wüste Gedrosian, wo Tausende dem Hunger und dem Durst zum Opfer fielen. Offensichtlich wollte er einfach nur herausfinden, ob es möglich ist. Die Römer, angeblich die größten Kriegsherren aller Zeiten, wurden von Hannibal, der über die Alpen kann, vollständig überrascht.

Genauso haben Napoleon, und später Hitler, Russland angegriffen, ganz offensichtlich ohne sich über das russische Wetter im Klaren zu sein. Keiner von beiden hatte daran gedacht, die Truppen anständig gegen den kalten Winter auszustatten.

Von einem Debakel ins nächste, die Fehler aller Ränge und aller sozialen Schichten marschierten blind voran. Es heißt, dass Lord Cardigan in der Krim aufgefordert wurde, eine russische Schützenstellung mit einer leichten Brigade der Kavallerie anzugreifen. Aber da seine Lordschaft bislang noch nie an der Frontlinie gewesen war (er zog es vor auf seiner eigenen Jacht, die vor der Küste des schwarzen Meeres vor Anker lag, zu verweilen und die Küche seines eigenen französischen Kochs zu genießen) war er mit dem Schlachtfeld nicht vertraut. Natürlich schlug er die falsche Richtung ein und sorgte so dafür, dass fast alle seine Leute das Ende fanden. Er kehrte als nationaler Held nach England zurück.

Die Kritiker schreiben, sowohl in London als auch in Paris habe man geglaubt, die Schlachten durch französisch-preußische Taktik gewinnen zu können. Diese Einschätzung der Generäle war falsch; sie kämpften in Kriegen, die in keiner vorherigen Generation geführt wurden. Schon zu Beginn des amerikanischen Sezessionskriegs war General Stonewall Jackson aufgefallen, dass eine gute Verteidigungsposition fast nicht zu besiegen war. Die modernen Gewehren ließen die Verteidiger aus größeren Distanzen als zuvor tödlich werden. Die Soldaten hielten die Stellung, während die Leichen ihrer Angreifer sich vor ihnen häuften.

„Denken sie an Steinmauern“, sagte Jackson zu den anderen Offizieren, und drängte sie dazu, die Yankees angreifen zu lassen. Aber Jackson wurde der Arm von seinen eigenen Leuten abgeschossen. Sein Körper hatte kaum die Raumtemperatur erreicht, da hatte General Robert E. Lee schon den Ratschlag vergessen. Er befahl einen fatalen napoleonischen Angriff auf die Positionen der Union in Gettysburg. Es war schon damals, ein halbes Jahrhundert vor Passchendaele, klar, dass die Angreiferposition eine verlorene Sache war. Aber der Angriff ist doch immer wieder das, was den deutschen, den britischen und den französischen Truppen befohlen wurde – und die unvermeidlichen, verheerenden Ergebnisse blieben nie aus. Später, als die Europäer die Lektion gelernt hatten, kamen die Amerikaner – und griffen immer noch an.

Ehe der Krieg angefangen hatte, hatte der französische Oberst Grandmaison etwas ins Leben gerufen, was unter den verrückten Kavallerieangriffen fast zu einem Kult wurde. Man gewinnt Schlachten weder durch Taktik noch durch Ausstattung, Feuermacht oder Strategie – sondern durch Elan, sagte er den Franzosen. Ansturm, das ist es! Verwegenheit! Angriff! Schon bald bekam er die Gelegenheit, seine Theorie zu überprüfen. Ich kann mir kaum ausmalen, wie schön es gewesen sein muss. Eine gesamte Kavallerie fegte auf das Schlachtfeld, Schwerter und Helme glitzerten in der Sonne … welch ein Elan! Welch ein Mut! Welche ein Ruhm! Was für Esel! In dem Moment, in dem die amerikanischen Maschinengewehre das Feuer eröffneten und sie in Stücke teilten, töteten sie den Oberst gleich mit. Die Beobachter berichteten, wie romantisch und hübsch die toten Reiter in ihren scharlachroten Tuniken aussahen, im polierten Messing und den grauen Hosen, befleckt vom dunklen Purpur des getrockneten Blutes. Elan stellte sich als die Sache für Dichter heraus. In der Militärgeschichte war er jedoch, oh weh, ein Rückschritt.

Aber das ist der Ruhm des Krieges. Gamelin, Grandmaison, Haig, Pershing, Paulus, Kluge und Millionen von namenlosen toten Männern … ich gedenke ihrer aller. Mutlos, ahnungslos, kämpften sie in den Kriegen mit den sinnlosen Strategien und Taktiken von gestern. Sie waren aber dennoch Menschen, genau wie ich. Es ist das Herz, das ihrer am Volkstrauertag gedenkt, der Kopf ist jedoch entsetzt.

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Über den Autor Investor Verlag

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