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Die besonderen Eigenarten der Emerging Markets

Trotz der hervorragenden langfristigen Aussichten für die Emerging Markets ist auch hier nicht alles Gold was glänzt. Denn es gibt bei Emerging Markets Besonderheiten, die Ihnen aus den deutschen und amerikanischen Märkten (glücklicherweise) weitgehend fremd sein werden. Aber diese Besonderheiten müssen Sie kennen, wenn Sie sich an die Börsen in Mumbai, Prag oder Sao Paulo begeben.

Die unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Emerging Markets Um auf der richtigen Seite zu stehen, müssen Sie zuerst die einzelnen Abstufungen unter den nicht industrialisierten Ländern kennen. Denn Emerging Market ist eben nicht gleich Emerging Market. Sie müssen deshalb über die Unterschiede bescheid wissen, um sich mit dem richtigen Mix aus fortgeschrittenen Ländern und aussichtsreichen Aufsteigern ein langfristig aussichtsreiches Depot mit hervorragenden Chancen bei akzeptablem Risiko-Profil aufzubauen.

Sehr häufig machen gerade uninformierte Anleger den Fehler, alle Länder unterhalb der 1. Welt automatisch als Emerging Market gleichzusetzen. Ein fataler, und leider immer sehr teurer Irrtum. In der Volkswirtschaftslehre wird die globale Wirtschaftsentwicklung wesentlich differenzierter betrachtet als in der Politik, auch wenn das folgende Raster natürlich immer noch recht grobmaschig ist. Hier gilt: Je tiefer die Entwicklungsstufe, desto höher werden die Chancen aber auch die Risiken. Es wird zwischen folgenden Stadien der wirtschaftlichen Entwicklung unterschieden:

 

Industrieland

Die höchste Entwicklungsstufe ist das „Industrieland“. Dazu muss man nichts mehr sagen. Hierbei handelt es sich um die Länder der 1. Welt. Im Wartezimmer sitzt schon ungeduldig Südkorea, das als nächster Emerging Market den Sprung in die Reihe der exklusiven Zirkel der Industrieländer schaffen wird.

 

Neues Industrieland bzw. Newly Industrialized Country (NIC)

Ab hier beginnt die Welt der Emerging-Markets-Anleger. Unter „NIC“ fallen Länder, die sich bereits im mittleren oder späten Stadium im Industrialisierungsprozess befinden. Viele der NIC-Länder werden in den kommenden 10-20 Jahren zu den treibenden Wirtschaftsnationen der Welt gehören. Zu neuen internationalen Big Playern werden. Die klassischen Beispiele für NICs (mittleres Stadium) sind China und Indien aber auch Mexiko oder Südafrika.

 

Schwellenland (Emerging Market)

Jetzt wird es wirklich spannend. Denn in diesem Bereich finden Emerging-Markets-Anleger die größten Perlen. Grundsätzlich kann man sagen, dass sich die Schwellenländer an der Schwelle zum Industrialisierungsprozess befinden oder derzeit ein frühes Stadium durchleben. Diese Länder sind noch weit davon entfernt, jemals globale Wirtschaftsmächte wie die USA, Deutschland oder Japan zu werden. Ich unterscheide die Schwellenland-Stufe noch mal in 2 Levels, die sich am Stand des Industrialisierungsprozesses festmachen lassen.

Zum 1. Level gehören Schwellenländer, die sich im frühen bis mittleren Prozess der Industrialisierung befinden. Dazu zähle ich z.B. viele der osteuropäischen Staaten, allen voran Polen, wo die Landwirtschaft immer noch eine dominierende Rolle im Wirtschaftssystem einnimmt. In diesen Level gehören nach meiner Meinung auch so genannte „Turnaround-Märkte“.

Also Länder, die schon einen gewissen Entwicklungsgrad erreicht hatten, dann aber durch schwere politische oder gesellschaftliche Entwicklungen zurückgeworfen wurden. Der Klassiker ist natürlich Argentinien. Solche Länder besitzen bereits Grundvoraussetzungen und werden bei einem erfolgreichen Comeback (dem Turnaround) schnell große Fortschritte machen und zu den NICs aufschließen.

Der 2. Level in der Schwellenland-Stufe ist eigentlich der spannendste. Denn diese Länder besitzen natürlich das größte Kurspotenzial. Wie Sie inzwischen wissen bedeutet es aber auch, dass dieser Level gleichzeitig ein deutlich höheres Risiko aufweist.

Doch in diesem 2. Level befinden sich die Emerging Markets von morgen. Die spielen heute erst eine sehr untergeordnete Rolle, und sie werden darüber auch noch kaum etwas in der Presse lesen. Aber in 5-10 Jahren werden diese Länder die nächsten Level 1-Schwellenländer sein.

Das bietet natürlich riesige Chancen, denn in diesen Märkten sind Sie heute noch von der Anfangsphase an dabei. Das ist ungefähr so, als ob Sie vor 20 Jahren in Polen oder vor 15 Jahren in Indien investiert hätten. Bei allem langfristigen, und wir reden hier von wirklich langfristigem Potenzial, dürfen Sie jedoch die Risiken auf keinen Fall unterschätzen.

In diesen Ländern wird es in den nächsten Jahren naturgemäß zu den schwersten Krisen und stärksten Börsenschwankungen kommen. Denn die meisten dieser Level 2-Länder befinden sich gerade im Umbruch zu einer freien Marktwirtschaft und besitzen politisch instabile Regierungsformen und Gesellschaftsstrukturen. Fast alle dieser Länder verfügen erst über einen noch unterentwickelten Kapitalmarkt.

Zu solchen Level 2-Ländern zählt z.B. Vietnam. Heute hören Sie noch nichts über dieses kommunistische Land. Aber in 5 Jahren werden Sie darüber in jeder Tageszeitung lesen. In den erweiterten Kreis der Level 2-Länder fallen auch solche Staaten, die erst in einigen Jahren wirklich greifbare Fortschritte in der Industrialisierung machen werden. Das ist noch eine ganze Zeit hin, aber diese Länder verfügen immerhin über ein gewisses Grundniveau, das sie von den Entwicklungsländern abhebt.

Zu diesen Ländern werden beispielsweise Pakistan oder Bangladesh gehören. Diese Länder profitieren direkt von dem wirtschaftlichen Boom der Nachbarregionen. Gleichzeitig wird ihr globaler Stellenwert mit den rasant ansteigenden Bevölkerungszahlen über die nächsten Jahrzehnte zunehmen. Doch derzeit sind die Wirtschaften und die Finanzmärkte so unterentwickelt, dass es sich nicht einmal lohnt, diese Länder auf die Watchlist zu setzen.

 

Entwicklungsland

In dieser Stufe befinden sich die Kellerkinder. Länder, die noch nicht einmal den Schritt zu einem Emerging Market gemacht haben. Also wirkliche, klassische Entwicklungsländer ohne große wirtschaftliche und politische Strukturen, von Stabilität ganz zu schweigen. Die meisten Entwicklungsländer finden Sie leider in Afrika und in Südamerika. Solche Länder sind für Investments ungeeignet, da sie meistens noch nicht einmal über einen geregelten Kapitalmarkt verfügen.

 

Die Rotation des Kapitals

Eine der gefährlichsten und zugleich chancenreichsten Eigenarten in der Welt der Emerging-Markets ist die von mir so genannte „Rotation des Kapitals“. Wahrscheinlich ist es Ihnen schon aufgefallen: Aus dem Nichts springt plötzlich ein bisher wenig beachteter Emerging Market, wie beispielsweise Ägypten, nach oben. So schnell können Sie gar kein Loch in das Dach Ihres Hauses bohren, wie die Aktien aus diesem Land daraufhin durch die Decke schießen. Aber dann, genauso schnell wie es begonnen hat, ist es wieder vorbei. Die Börse bricht in kürzester Zeit ein, und die Kurse der noch vor wenigen Wochen heiß begehrten Aktien werden auf die Größe einer Briefmarke zusammengefaltet. Dafür boomt es plötzlich an einer Börse am anderen Ende des Globus. Was Sie dann erlebt haben ist die „Rotation des Kapitals“. Angetrieben wird der Run auf einen Emerging Market von dem „vagabundierenden Geld“, wie mein Börsenkollege Jochen Steffens dieses Kapital sehr treffend tituliert hat.

Dieses „vagabundierende Geld“ ist der wahre Auslöser für alle Übertreibungsphasen in Emerging-Markets-Ländern rund um den Globus. Bei dem „vagabundierenden Geld“ handelt es sich um kurzfristig ausgerichtetes internationales Großkapital, das teilweise ausHedgefonds kommt. Dieses „vagabundierende Geld“ soll nicht investiert, sondern kurzfristig meist prozyklisch angelegt werden, um laufende oder beginnende Trends auszuspielen.

Wenn die Party vorbei ist und der Trend zu kippen beginnt, machen die Besitzer des „vagabundierenden Geldes“ Kasse und suchen sich die nächste Party. Das führt nach den Exzessen steigender Kurse zu den dann folgenden crashartigen Einbrüchen, über die immer wieder in aller Dramatik im Fernsehen berichtet wird. Mit den volkswirtschaftlichen Entwicklungen dieser Länder haben diese Bewegungen meistens jedoch wenig zu tun. Vielmehr liegt es daran, dass sich kleinere Emerging Markets perfekt für die Spekulationen des „vagabundierenden Geldes“ eignen. (Andere klassische Spielwiesen des „vagabundierenden Geldes“ sind übrigens der Ölmarkt, der Silbermarkt und einzelne Devisen-Crossrates.)

Der Vorteil der kleinen Emerging Markets ist, dass die Finanzkultur in diesen Ländern noch nicht sehr weit entwickelt ist, und es wenige eigene Großinvestoren aus diesen Ländern gibt. Die Märkte sind oft eng und wenig liquide. Das bedeutet, dass sich solche Emerging Markets unter dem Einfluss des „vagabundierende Geldes“ sehr schnell sehr stark nach oben oder unten bewegen. Denn diese Börsen können einem Ansturm internationalen Geldes nur durch massive Kurssteigerungen gerecht werden.

Es gibt einfach nicht genug Aktien, um das plötzliche Kapital aufzunehmen. Das ist die positive Seite. Übel wird es, wenn das „vagabundierende Geld“ weiterzieht. Denn die landeseigenen Banken sind nicht in der Lage, den plötzlichen Kapitalabzug und die damit einsetzenden blitzartigen Kurseinbrüche mit ihren eigenen, beschränkten Mitteln aufzufangen.

Das ist der wahre Grund hinter den hoch volatilen Kursverläufen in den Emerging Markets. Die Performance dieser Länder hängt von dem internationalen Kapital ab. Auffallend bei solchen Einbrüchen ist, dass sich die Kurse in den meisten Fällen ebenso schnell wieder erholt haben, denn es handelt sich ja um keine tief greifenden Krise sondern um Börsenspekulationen.

Das bedeutet für Sie: Die Kunst besteht darin, die Party mitzufeiern solange Sie dauert, aber dann rechtzeitig Kasse zu machen, wenn das „vagabundierende Geld“ den Markt verlässt. Wenn Sie dann den Ausstieg geschafft haben, verfügen sie über genügend frisches Kapital, um nach der Korrektur unten wieder einzusteigen.

 

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Über den Autor Tom Firley

Der gebürtige Kölner Thomas Firley hat in Rosenheim Betriebswirtschaftslehre studiert und arbeitet seit Anfang 2006 für den Investor Verlag.

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