MenüMenü

Brexit: Es wird turbulent

Was für ein Paukenschlag! Am Donnerstag vergangener Woche schien die Welt noch in Ordnung. Die Briten waren aufgefordert, über Verbleib in der EU oder einen Austritt, auch Brexit genannt, abzustimmen. Und fast alle waren sich sicher: Das Ergebnis wird zugunsten der Staatengemeinschaft ausfallen.

So hatten es die Buchmacher vorhergesagt, so hatte es die Politik gehofft und so hatten sich die Finanzmärkte mehrheitlich positioniert – und dann kam alles anders.

72 Prozent der Wahlberechtigten hatten sich an der Abstimmung beteiligt, knapp 52 Prozent von ihnen stimmten für den Austritt aus der EU.

Auffällig waren dabei vor allem regionale Unterschiede: In den Großstädten – insbesondere in der Finanzmetropole London – sowie in Nordirland, Schottland und Gibraltar sprachen sich die Menschen mehrheitlich für einen Verbleib in der Staatengemeinschaft aus. Doch ihre Stimmen reichten am Ende nicht aus.

Finanzmärkte haben sich verzockt

Vor allem die Börsianer wurden am Freitag auf dem falschen Fuß erwischt, weltweit rauschten die Kurse in den Keller. Der Dax verlor zeitweise zweistellig, ebenso viele seiner Einzelwerte. Zuvor hatte bereits der Nikkei fast 8 Prozentpunkte abgegeben, da in Japan der Handel noch lief, als sich das Ergebnis in den europäischen frühen Morgenstunden abzuzeichnen begann.

Parallel zu den stürzenden Aktienkursen schnellte der Goldpreis in die Höhe, um mehr als 100 Euro verteuerte sich die Feinunze am Freitag.

Die Schockwellen waren gewaltig, die an diesem schwarzen Freitag von den britischen Inseln ausgingen. Sie erschütterten die Finanzmärkte, aber auch die europäische Politik. Die ringt nun darum, wie es weitergehen soll.

Keine britische Angelegenheit

Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments, forderte von Großbritannien, das Austrittsgesuch zur Krisensitzung am Dienstag vorzulegen. Doch in London will man davon nichts wissen.

Dort wird der Brexit vor allem als innenpolitische Angelegenheit angesehen. Premierminister David Cameron kündigte zwar gleich am Freitagmorgen seinen Rückzug an – will aber erst in drei Monaten abtreten. Auf diese Weise will er seiner Partei Zeit verschaffen, um die weiteren Schritte zu regeln, und Europa soll solange warten. Eine Unverschämtheit sei das, so der Tenor in Brüssel.

Denn ganz offensichtlich ist der Brexit eben keine rein britische Angelegenheit, ganz im Gegenteil. Er wird die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen des gesamten Kontinents auf Jahrzehnte beeinflussen. Dieses Votum war historisch.

Lautes Schweigen in London

Umso bemerkenswerter ist die Tatsache, dass niemand sich konsequent darauf vorbereitet zu haben schien: In Brüssel und Berlin übt man sich in hektischer Krisendiplomatie, während sich in London niemand mehr zuständig fühlen will.

Cameron geht, soviel steht fest. Nigel Farage, Ukip-Politiker und brennender Brexit-Befürworter, hat sein Lebensziel erreicht: Er wollte den Austritt seines Landes aus der EU bereits seit Jahrzehnten und hat in seiner gesamten Laufbahn genau darauf hingearbeitet. Um die Folgen des Ganzen dürfen sich nun aber wohl andere kümmern.

Als heißer Nachfolgekandidat für Cameron wird Boris Johnson gehandelt, der ehemalige Londoner Bürgermeister, der sich ebenfalls dem Brexit-Lager angeschlossen hatte. Von ihm jedoch ist seit Freitag kaum etwas zu hören, meist läuft er den Journalisten wortlos durchs Bild – sofern sie ihn überhaupt vor die Kamera bekommen. Ein strahlender Wahlsieger sieht anders aus, das Schweigen in London wirkt bedrohlich laut.

Turbulente Zeiten

Aus Sicht der EU, aber auch der Finanzmärkte ist diese Entwicklung eine Katastrophe. Es dürfte Monate, wenn nicht Jahre dauern, bis dieses Referendum verdaut ist und alles in geordnete Bahnen gelenkt ist.

Welche Folgen der Brexit für den Warenhandel, für Arbeitsverhältnisse oder für Urlaubsreisende haben wird, lässt sich aktuell kaum abschätzen. Politisch liegt es im Interesse der Rest-EU, den Briten den Austritt so unattraktiv wie möglich zu gestalten – um potenzielle Nachahmer abzuschrecken. Wirtschaftlich jedoch könnte man sich durch allzu rigide Verträge ins eigene Fleisch schneiden.

Ebenfalls offen ist derzeit, was mit den Regionen geschieht, die sich mehrheitlich für einen Verbleib in der EU ausgesprochen hatten. In Gibraltar hatten immerhin satte 96 Prozent für „Remain“, also „Bleiben“, gestimmt. In Schottland wird bereits eine zweite Abstimmung darüber vorbereitet, sich vom Vereinigten Königreich abzuspalten. Im vergangenen Jahr war ein solcher Antrag deutlich abgeschmettert worden, doch jetzt sind die Karten neu gemischt.

Es werden turbulente Zeiten.

© FID Verlag GmbH, alle Rechte vorbehalten
Über den Autor Felix Reinecke

Nach mehreren Stationen bei renommierten deutschen Tageszeitungen berichtet er seit 2016 regelmäßig für den Investor Verlag über die wichtigsten Ereignisse in der Wirtschaftsbranche - egal ob Mittelstandsunternehmen von der schwäbischen Alb oder IT-Konzern aus dem Silicon Valley.

Regelmäßig Analysen über Finanzkrise erhalten — kostenlos!
Profitieren Sie von unserem kostenlosen Informations-Angebot und erhalten Sie regelmäßig die neusten Anleger-Informationen von Felix Reinecke. Über 344.000 Leser können nicht irren.