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EUR/USD: Draghi ist der Wechselkurs egal

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat gestern wie erwartet ihre Geld- und Zinspolitik trotz steigender Inflation unverändert belassen (Leitzins auf Rekordtief von null Prozent, Bankeinlagensatz minus 0,4 Prozent, ab April monatlich 60 Mrd. Euro Anleihenkäufe).

Draghi trinkt sich die Inflation schön

Trotz der deutlich anziehenden Inflation (in Deutschland derzeit um die 2 Prozent) gäbe es laut EZB-Chef Draghi keine überzeugenden Anzeichen für einen Aufwärtstrend bei der Kerninflation (Inflation ohne Nahrungsmittel- und Energiepreise), da die Inflation zuletzt vor allem wegen der jüngsten Erholung bei den Energiepreisen gestiegen sei.

Nun ja, auch das wird sich bald ändern, wie die jüngsten Lohnabschlüsse zeigen. Dragi verklausulierte das gestern so: „Ein stärkerer Lohnanstieg könne dabei helfen, die Inflationsziele zu erreichen.“ Aha.

Eigentlich gab er aber indirekt zu, dass nicht die EZB-Maßnahmen die zuvor herrschende Deflationsgefahr beseitigt haben, sondern der Anstieg der Ölpreise. Mit dem die EZB rein gar nichts zu tun hat.

Gleichzeitig sagte Draghi aber, das stabile Wachstum, die zunehmende Inflation und der Rückgang der Arbeitslosigkeit zeigen, dass die Geldpolitik der EZB seit 2014 erfolgreich war. Scheibt sich den „Inflationserfolg“ also selber zu.

Ähnlich wie die Hohepriester im Altertum, die in regelmäßigen Abständen die Sonne für eine gewisse Zeit verdunkelten (heute wissen die meisten, dass eine Sonnenfinsternis ein natürliches Phänomen ist, auf das ein Priester höchst selten Einfluss hat).

Pech für Sparer und Sozialkassen: Realzins minus 2 Prozent

Die Sparer wird es kaum interessieren, ob die Inflation nun mit oder ohne steigende Kernrate anzieht. Sie bekommen weiterhin null Prozent Zinsen aufs Sparkonto (bei anhaltend bestehender Enteignungswahrscheinlichkeit im Falle einer Schieflage „ihrer“ Bank), während die Kaufkraft dieses Vermögens jedes Jahr um 2 Prozent schrumpft.

Das macht einen negativen Realzins von 2 Prozent. Zumindest solange wir alle essen und heizen müssen.

Zum „Trost“ setzte Draghi noch einen drauf: Es könne sein, dass die Inflationsrate auch in der Zukunft stärker steige, als dies bisher erwartet worden sei. Gleichzeitig bekräftigte er, dass der EZB-Rat bereit sei, alle verfügbaren Instrumente zu nutzen, sollte sich der Ausblick wieder eintrüben.

Dann könnten die Wertpapierkäufe auch wieder ausgeweitet werden. Heißt: Positive Realzinsen sind auch künftig in der Eurozone nicht zu erwarten. Wer sein Geld auf dem Konto belässt, wird weiterhin jedes Jahr Geld verlieren.

Ach, übrigens wussten Sie schon: Für die EZB bedeutet Preisstabilität eine Inflationsrate von 2 Prozent, also eine jährliche Entwertung der Kaufkraft (zumindest bei Zinsen unter 2 Prozent).

Die Erholung der Wirtschaft in der Eurozone sei im Interesse aller, inklusive Deutschland, so Draghi. Man müsse einfach Geduld haben. Anders ausgedrückt: Was die EZB tut, bringt eigentlich nichts, aber wartet mal ab.

Unterdessen bereiten die extrem niedrigen Zinsen den deutschen Sozialkassen immer größere Probleme. Der Gesundheitsfonds musste im vergangenen Jahr bereits 5,1 Mio. Euro Negativzinsen an Banken zahlen, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet. Geld, das eigentlich den Versicherten für Leistungen zur Verfügung stehen muss.

Leistungsbilanzüberschuss steigt (in Euro gerechnet)

Natürlich gibt es auch positive Auswirkungen der lockeren EZB-Politik. Der Überschuss in der Leistungsbilanz des Euroraums hat im November mit saisonbereinigt 36,1 Mrd. Euro laut EZB einen neuen Rekordwert erreicht (Vormonat 28,3 Mrd. Euro).

Es bringt allerdings wenig, den Überschuss in Euro-Weichwährung abzurechnen. Venezuela (die mit der Hyperinflation) hat sicher auch einen ganz tollen Leistungsüberschuss in Bolivar gerechnet. Wie wäre es denn mit einer Abrechnung in Hartwährung/ Gold?

Zum Abschluss noch zwei wichtige Aussagen Draghis von der gestrigen Pressekonferenz:

  1. „Wir sehen die Schuldenlast keines Landes als untragbar an“. Griechenland & Co. werden also auch künftig mit EZB-Mitteln „gerettet“ werden.
  2. Der Wechselkurs des Euro sei kein Politikziel der EZB. Was der Euro wert ist, ist dem Italiener wurscht. Damit dürfte der Startschuss in Richtung Parität zum US-Dollar gefallen sein. An Aktien und Gold führt für Euro-Zonenbürger künftig noch weniger ein Weg vorbei.

Gestern nur verhaltene Marktreaktionen

Und die gestrigen Marktreaktionen? Der Euro brach zeitweise kräftig ein, erholte sich zum Handelsschluss jedoch wieder. Oberhalb von 1,05 ist der (technische) Erholungsmodus intakt. DAX kaum verändert. Dow gestern erstmals im Jahresminus. Die Korrektur an der US-Leitbörse nimmt jetzt Gestalt an. Die kommende Woche wird spannend.

Offenlegung gemäß §34b WpHG wegen möglicher Interessenkonflikte: Der Autor ist in den besprochenen Wertpapieren bzw. Basiswerten dieser Ausgabe investiert.

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Über den Autor Henrik Voigt

Henrik Voigt hat an der renommierten TU Dresden Wirtschaftsingenieurwesen studiert und als einer der Jahrgangsbesten sein Studium abgeschlossen.

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